Gestresste Schweiz trotz Corona-Lockerungen

Wie bereits die Analyse einer ersten Umfrage zeigte, kann die Coronakrise individuell sehr unterschiedliche Stressreaktionen hervorrufen. Ennio Leanza/Keystone

Auch nach dem schrittweisen Ende des Lockdowns fühlen sich noch viele Schweizerinnen und Schweizer gestresster als vor dem Beginn der Pandemie. Das zeigt eine Umfrage der Universität Basel. Auch Depressionen scheinen demnach zugenommen zu haben.

Dieser Inhalt wurde am 07. Juli 2020 - 13:00 publiziert

Ist mein Husten ein Symptom? Überlebe ich eine Infektion? Wie verhindere ich eine Ansteckung? Es ist wenig erstaunlich, dass viele Menschen in der Schweiz während des Corona-Lockdowns gestresst waren.

Doch auch in der Phase der schrittweisen Lockerung der Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie waren noch viele gestresster als vor Auftreten von Covid-19 auf der Weltbühne. Das zeigt der Vergleich zweier Umfragen der Universität Basel.

Eine erste Erhebung fand während des Lockdowns Anfang April statt. Die zweite Umfrage zwischen dem 11. Mai (als unter anderem die Restaurants wieder öffnen durften) und 1. Juni. Demnach sind immer noch 40 Prozent der Befragten gestresster als vor der Coronakrise. Während des Lockdowns waren es genau 50 Prozent gewesen.

Die Umfrage

Die zweite "Swiss Corona Stress Study" der Universität Basel wurde vom 11. Mai bis 1. Juni 2020 durchgeführt. In diesem Zeitraum nahmen 10'303 Personen aus der gesamten Schweiz an der anonymen Online-Umfrage unter Coronastress.ch teil.

"Aufgrund der Art der Datenerhebung in Form einer offenen Online-Umfrage handelt es sich per Definition nicht um eine repräsentative Umfrage. Allerdings bildet die Population der Befragten bezüglich soziodemografischer Merkmale ein breites Spektrum der Schweizer Bevölkerung ab", schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie.

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Studienleiter Dominique de Quervain ordnet gegenüber SRF News ein: "Das hat uns in dem Sinne erstaunt, dass wir bereits im Lockdown eine ähnliche Zahl bekommen haben", sagt er.

"Es wäre durchaus denkbar gewesen, dass in der Zeit der Lockerung der Stress beträchtlich reduziert wird." De Quervain ist Direktor Abteilung für kognitive Neurowissenschaften und auch Mitglied der nationalen Covid-Taskforce.

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"Zu den Haupttreibern der Stresszunahme zählen nach wie vor die Belastung durch Veränderungen bei der Arbeit oder Ausbildung sowie die Belastung durch das eingeschränkte Sozialleben", schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie.

Marcel Tanner, Präsident der Akademien der Wissenschaften und Leiter der Expertengruppe Public health in der Covid-Taskforce, hält solche Erkenntnisse laut SRF News für zentral: "Es ist wichtig, dass wir in der Betrachtung dieser Coronakrise auch die psychischen Gesundheitsprobleme angehen, denn die bestimmen das Funktionieren unseres sozialen Gewebes und damit unserer Wirtschaft", sagt er.

Die jüngste Umfrage zeigt aber auch, dass es Menschen gibt, die im Lockdown und danach sogar weniger gestresst waren als davor. Ganze 32 Prozent der Teilnehmenden gaben dies an.

Warum? "Die Stressabnahme hängt bei ihnen mit der nach wie vor gewonnenen Zeit für die Erholung und mit der Entlastung durch die Reduktion beruflicher oder schulischer, aber auch privater Verpflichtungen zusammen", heisst es in der Mitteilung der Universität Basel.

Mehr Depressionen – bessere Resilienz

Eine weitere Erkenntnis der Umfrage: Wer bereits vor der Coronakrise an depressiven Symptomen litt, hatte in der Zeit der Lockerungen unter verstärkten Symptomen zu leiden. Laut den Autorinnen und Autoren erhöhen psychische Probleme in der Vergangenheit – also vor Corona – das Risiko, in der Coronakrise schwere depressive Symptome zu entwickeln.

Gemäss der Umfrage litten vor der Krise rund drei Prozent der Bevölkerung an schweren Depressionen. Gemäss der jüngsten Umfrage sind es während der Krise ganze zwölf Prozent.

Widerstandsfähige Alte

Die Autorinnen und Autoren fragten die Teilnehmenden auch nach ihrer Resilienz, das heisst, der Widerstandsfähigkeit gegenüber depressiven Symptomen. Dabei fiel auf, dass besonders Personen mittleren und fortgeschrittenen Alters (ab 55 Jahren) und Männer in der Gruppe der Personen mit keinen wesentlichen depressiven Symptomen überproportional vertreten sind.

"Dies ist erstaunlich, sind es doch die älteren Menschen und Männer, die durch eine ernsthafte Viruserkrankung besonders gefährdet sind", schreiben die Autorinnen und Autoren.

Schliesslich habe man in der zweiten Umfrage bestätigen können, welche Gruppe von Menschen durchschnittlich unter weniger Stressanstieg gelitten hat: Jene, die sich während der Coronakrise intensiver mit ihrem Hobby oder einem neuen Projekt beschäftigen konnten und körperlich aktiv waren.

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