20-Jährige leben den Sonderfall Schweiz
Junge Schweizerinnen und Schweizer sehnen sich in Zeiten der Globalisierung zurück zum Sonderfall Schweiz, wie die Rekrutenbefragung ergab.
Zudem hätten 44% von ihnen die fremdenfeindliche Schwarzenbach-Initiative angenommen, so viele wie noch keine Generation vor ihnen.
Ausgerechnet in Zeiten, wo die Globalisierung nach der Wirtschaft auch die Küchen und Wohnzimmer von Herr und Frau Schweizer erobert hat, sucht die Generation der 20-Jährigen wieder vermehrt Halt im Sonderfall Schweiz. Mehr als die Hälfte, nämlich 54% der jungen Schweizerinnen und Schweizer, wünschen sich laut einer Umfrage den Sonderfall Schweiz für die Zukunft.
Offenbar unterschieden die jungen Schweizerinnen und Schweizer aber deutlich zwischen Wunschdenken und realistischer Einschätzung. Sie erwarten, dass der Sonderfall in den nächsten zehn Jahren noch mehr verschwinden wird.
Prüfstein Schwarzenbach-Initiative
Ein überraschendes Ergebnis lieferte die Befragung zudem bei Fragen der Einwanderung. Die 20-Jährigen hätten zu 44% der Schwarzenbach-Initiative zugestimmt. Die fremdenfeindliche Initiative des Republikaners James Schwarzenbach war 1970 vom Schweizervolk mit 54% Ja-Stimmen verworfen worden.
Die Initiative hatte zum Ziel gehabt, den Anteil von Ausländern in der Schweiz, damals meist Italiener und Spanier, auf 10% zu begrenzen. Dies hätte bedeutet, dass die Hälfte aller ausländischen Bewohner, rund eine halbe Million Menschen, die Schweiz hätte verlassen müssen.
Die Generation, die sich nicht mehr direkt an bewusstseinsbildende Begriffe und Epochen wie «Landesverteidigung» und «Zweiter Weltkrieg» erinnern könne, reagiere somit auf die Überfremdungsinitiative bisher am positivsten, schrieben die Verfasser.
Hoher Anpassungsdruck
Die Kehrtwende der heute 20-jährigen könne unter anderem damit zusammenhängen, dass nie zuvor in der Schweiz eine Generation so früh, das heisst bereits in der Kindheit, intensive und herausfordernde Erfahrungen mit der Grenzziehung zwischen Eigenidentität und fremden Identitäten gemacht habe.
Rund zwei Drittel der Befragten erwarten von den Migrantinnen und Migranten zudem, dass sie sich möglichst rasch anpassen.
Träge Mobilität
Die Hälfte der Befragten sieht den Ort, an dem sie bisher den grössten Teil ihres Lebens verbracht hat, als Wunschort für die Zukunft. Man will dort oder in derselben Region wohnen bleiben. Nur ein Fünftel wünscht sich einen Wechsel an einen anderen Ort in der Schweiz.
Grosskantone hätten nur bei einem Drittel der Befragten eine Chance. Sie lehnen die Grosskantone im Vergleich zu den Eltern stärker ab und sind gleicher Meinung wie die Grosseltern. Weiter setzt die junge Generation am stärksten auf die Allianz und Zusammenarbeit mit den Nachbarn Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien.
Rückriff auf «Auslaufmodell»
Dabei ging man im Land allgemein davon aus, dass der Sonderfall Schweiz eigentlich der Vergangenheit angehört. Dies vor allem angesichts der Zustimmung des Schweizer Stimmvolks an der Urne zum UNO-Beitritt, des internationalen Drucks auf das Land angesichts der nachrichtenlosen Vermögen und auch des Crashs der ehemaligen Swissair.
Weitere Ereignisse wie das Blutbad in Zug oder der Brand im Gotthard-Strassentunnel trugen das ihrige bei zum angenommenen Bewusstseins-Wandel in der Schweizer Bevölkerung.
Die Abkehr von «Auslaufmodell» Sonderfall zeigte sich denn auch deutlich in früheren Befragungs-Ergebnissen. Anfang der 90er Jahre setzten 74 Prozent der Bevölkerung auf eine offene Schweiz als Wunschziel für die Zukunft, wie die Verfasser schreiben. Heute, zehn Jahren später, habe sich das Wunschbild am meisten bei den 20-Jährigen geändert.
Ehemalige Rekrutenbefragung
Die Befragung, früher als Rekrutenbefragung bekannt, wurde 1998/99 bei rund 20’000 Rekruten und Jugendlichen durchgeführt und im Buch «isola elvetica – Das Bild der Schweiz im Zeitalter der Globalisierung» zusammengefasst.
swissinfo und Agenturen
Die Eidgenössische Jugend- und Rekrutenumfrage wurde 1998/99 bei rund 20’000 jungen Schweizern und Schweizerinnen durchgeführt.
54% wünschen sich die Bewahrung der Schweiz als Insel.
44% hätten ja gestimmt zur fremdenfeindlichen Überfremdungs-Initiative Schwarzenbachs von 1970.
50% bezeichnen ihren Wohnort als Wunschort.
Von den 20’000 Befragten waren nur 1400 Frauen.
470 Eltern und 192 Grosseltern nahmen ebenfalls an der Befragung teil.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch