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Die schwierige Suche nach dem Gleichgewicht

Forschung an Maniokpflanzen an der ETH Zürich. Keystone

Die Wirtschaft ist bereit, sich an Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern zu beteiligen.

Die von Schweizer Forschern erarbeiteten Prinzipien für solche Kooperationen findet sie aber kaum umsetzbar.

Partnerschaften zwischen öffentlicher und privater Forschung zugunsten von Ländern der Dritten Welt sind bisher noch Einzelfälle.

Ein Beispiel ist das «Medicines for Malaria Venture», in dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO), weitere internationale Organisationen, Pharmakonzerne (unter ihnen Roche und Syngenta), Biotechfirmen sowie Universitäten aus Nord und Süd vereinigt sind.

Ziel ist es, alle fünf Jahre ein erschwingliches Medikament gegen Malaria zu entwickeln. Finanziert wird die Forschung mit Geldern aus wohltätigen Stiftungen.

«Dass die Pharmaindustrie mangels Gewinnaussichten nicht mehr in die Entwicklung von Medikamenten gegen Tropenkrankheiten investiert, war für uns der Grund für diese Initiative» sagt WHO-Experte Robert Ridley.

«Die Wirtschaft macht jetzt mit, weil einige Manager ein soziales Verantwortungsbewusstsein haben. Indes müssen solche Kooperationen für die Industrie kostenneutral sein, und es muss ein klarer Ausstiegsmechanismus vorhanden sein.»

Auch Adrian Dubock vom Basler Agrochemie-Unternehmen Syngenta nennt die soziale Verantwortung als einen der Gründe für den Konzern, die Entwicklung von gentechnisch angereichertem Vitamin-A-Reis zu unterstützen, um damit Erblindungskrankheiten in Entwicklungsländern zu bekämpfen.

Wichtiger sind ihm aber andere Motive: «Wir wollen die Haltung der Öffentlichkeit zu gentechnisch veränderten Organismen ändern und neue Märkte erschliessen.»

Gleichberechtigte Mitsprache

Ob es überhaupt sinnvoll ist, im Forschungsbereich «Public Private Partnerships» einzugehen, stellte die seit 1994 bestehende Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) an einer gemeinsamen Veranstaltung mit Roche und Syngenta in Basel zur Debatte.

Für nachhaltige Partnerschaften hat die KFPE elf Prinzipien entwickelt, darunter «gemeinsame Definition der Ziele», «geteilte Verantwortung», «geteilte Gewinne».

Doch Martin Frigg vom Arbeitskreis «Sehen und Leben», einer Roche-Initiative, die sich ebenfalls gegen Vitamin-A-Mangelerscheinungen einsetzt, relativiert: «Es gibt immer ein Ungleichgewicht.»

Syngenta-Vertreter Dubock findet, für eine effiziente Arbeit sei eine Mischung aus Demokratie und «verantwortungsbewusster Führung» nötig. Insgesamt wertet er die KFPE-Prinzipen als «zu idealistisch» für eine buchstabengetreue Anwendung.

Auch Daouda Dao vom Centre Suisse de Recherches Scientifiques (CSRS) in Côte d’Ivoire räumt unterschiedliche Mitspracherechte der Partner in Nord und Süd ein.

«Doch wir entwickeln Massnahmen dagegen und sind auf gutem Weg.» Das CSRS entwickelt in Zusammenarbeit mit Nestlé und Syngenta ertragreichere Maniok- und Mais-Sorten.

Der Ernährungsmulti ist besonders an geeigneten Sorten für die industrielle Verwertung (Herstellung von Maniok-Flakes oder dem Couscous-ähnlichen Attiéké) interessiert. Den Bauern verspricht das Projekt grössere Abnahmechancen.

Forschungsplatz stärken

Ein weiteres Ziel von Nord-Süd-Forschungspartnerschaften muss nach Ansicht der KFPE die Stärkung der Forschungsplätze im Süden sein. Damit soll unter anderem die Abwanderung von Wissenschaftlern gestoppt werden.

Ridley glaubt, dies ergebe sich von selbst. Know-how bilde sich bei beteiligten Unternehmen in Entwicklungsländern, etwa bei Generika-Herstellern, bei den Forschern, welche die Anwendung der neuen Medikamente begleiten, sowie bei Regierungen.

Bruno Stöckli von der Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke bleibt skeptisch. Er fordert eine Offenlegung sowohl der Interessen wie auch der Forschungsergebnisse.

«Hat das CSRS Zugang zu den Nestlé-Datenbanken? Das wäre eine echte Partnerschaft.» Stöckli sieht eine weitere Gefahr: «Wir müssen genau beobachten, dass Public-Private-Partnerships im Forschungsbereich nicht zu Privatisierungen von Forschungsinstitutionen in Entwicklungsländern führen, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden.»
swissinfo

und Boris Bögli, InfoSüd

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