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Familienbande neu geknüpft

Familie im Wandergebiet Cimetta über dem Lago Maggiore (Tessin). Schweiz Tourismus

Normalfall ade: Die einstige Kernfamilie erhält mit der Patchwork-Familie Konkurrenz. Noch existieren keine allgemein gültigen Vorstellungen darüber, wie mehrere Erwachsene sich die Elternschaft teilen.

Der Möglichkeiten, die Familienbande neu zu knüpfen, gibt es jedenfalls viele.

Was gestern undenkbar war, ist heute ein Muss. Was heute ein Muss ist – wird morgen veraltet sein. Was Morgen ein Trend sein könnte, findet gar nie statt. Im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums dreht sich das Lebenskarussell immer rasanter. Werte werden laufend verschoben, wandeln sich, verschwinden scheinbar ganz.

Da wird die Sehnsucht nach Stabilität, nach Geborgenheit, nach der rettenden Insel im gefährlichen Ozean gross und grösser. Die Familie als immer währendes Bollwerk gegen hohe Wellen, Sturmböen, gegen Ebbe und Flut solls richten. Doch derart aufgeladen mit Erwartungen laufen viele Familien auf Grund.

Frauen wollen arbeiten, Kinder kriegen und Träume verwirklichen. Männer wollen Karriere machen, eine Familie gründen und die Ruhe geniessen. Vereinfacht gesagt. Aber hoppla! Gegen 40 Prozent der Ehen in der Schweiz werden geschieden, 70 Prozent der Scheidungen von Frauen eingereicht.

Und plötzlich steht die geschiedene Mutter, manchmal der geschiedene Vater, samt Kind und Kindern wieder am Pier. Halten Ausschau nach einer neuen Insel.

Aus zwei mach eins = die Patchwork-Familie

Anna W.* war 32 Jahre alt, allein erziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes als sie H.*, 35 Jahre alt, Witwer und allein erziehender Vater eines sechsjährigen Sohnes, kennen lernte. Im Tageshort, den beide Buben besuchten. Die Jungs spielten gerne zusammen. Aus einem gemeinsamen Nachtessen wurde eine gemeinsame Nacht.

Anna W. erinnert sich: «Es war schön, mit einem Mann zusammen zu sein, aber noch während der Nacht wurde mir klar, dass ich nicht wollte, dass mein Sohn mich morgens in der Wohnung seines Spielkameraden sehen sollte.» So zog sich Anna W. spät nachts zurück.

Eine Situation, die sich wiederholte, bis das neue Liebespaar sich entschloss, ihren Kindern und auch ihrem Umfeld gegenüber Farbe zu bekennen. Ihre Beziehung wurde öffentlich, aber nicht einfacher.

Anna W.: «Über zwei Jahre lang war mein Sohn mit mir allein gewesen. Jetzt sollte er mich teilen lernen und gleichzeitig den Kontakt zu seinem leiblichen Vater, der immer bestanden hatte, weiter aufrecht erhalten. Keine einfache Situation, für niemanden.»

Stiefmütter und leibliche Väter

Anna W. und ihr neuer Partner versuchten behutsam, die richtige Mischung aus Nähe und Distanz zu finden. Das gelang mal gut, mal besser, mal schlechter. Und dann stand eines Tages die erste gemeinsame Ferienplanung an.

Nun meldete auch der leibliche Vater von Annas Sohn seine Wünsche an, wollten Grosseltern und Gottis «ihre» Kinder sehen, mussten Anna und ihr Partner die Agenda abgleichen, wurde darüber diskutiert, welches Auto zum Einsatz kommen würde, und und und.

Als der gordische Knoten durchtrennt schien, wurde Annas Sohn krank. Die Ferien fielen trotzdem nicht ins Wasser. Doch als H. Anna in den Ferien von einer «Altlast» erzählte (und von einem Kind, das nun unterwegs sei), löste Anna die Beziehung auf.

Was tönt wie eine Fernseh-Soap, ist eine Geschichte, die das Leben schrieb. Patchwork-Familien, sie hiessen früher Stief-Familien, müssen beileibe nicht zwangsläufig so enden. Und das Märchen mit der bösen Stiefmutter muss heute neu geschrieben werden.

Denn jede Familie entwickelt eine bestimmte Beziehungsstruktur sowie Rollenpositionen ihrer Mitglieder, die durch jeden Neuzugang – Erwachsene mit und oder Kinder – in Frage gestellt werden.

Das verlangt eine intensive Gesprächs- und Konfliktkultur. Und viel Geduld. So kann jede Familie – und sei sie noch so bunt zusammengewürfelt – ihre Chancen nutzen und genügend Ankerplätze bereit halten. Für alle.

*Namen der Redaktion bekannt

swissinfo, Brigitta Javurek

Gemäss BFS hat die traditionelle Familie bei den 35- bis 44-Jährigen einen Anteil von 70%.

Nur jede fünfte Frau des Jahrgangs 1965-69 hat vor dem 25. Altersjahr ein Kind geboren.

Bei den Jahrgängen 1945-49 gebaren noch 44% der Frauen in jungen Jahren ein Kind.

Der Begriff Patchworkfamilie ist nicht eigentlich definiert. Trotzdem wird der Begriff auch von Ehe- und Familien-Therapeuten benutzt.

Im Unterschied zu einer Kernfamilie, deren Mitgliedschaft biologisch und gesetzlich festgelegt ist und die meist einen gemeinsamen Familiennamen und einen gemeinsamen Haushalt hat, ist die rechtliche wie auch die gesellschaftliche Lage der Patchworkfamilie nicht geklärt.

Oftmals sind Patchworkfamilien negativen Vorurteilen ausgesetzt. Dem Gesetz nach hat der nicht leibliche Elternteil in der Zweitfamilie keine Rechte und Pflichten gegenüber dem Kind des Partners.

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