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«Pendeln ohne Auto» – Schweiz hält sich zurück

Der Pendlerverkehr in den Städten könnte auch ökologischer organisiert werden. Keystone Archive

56 Schweizer Städte und Gemeinden beteiligten sich am Montag an der europäischen Aktion "In die Stadt - ohne mein Auto".

Zürich hat den Aktionstag pragmatisch auf den nächsten Sonntag verschoben. Freiburg möchte keine «Alibi-Aktionen».

Der europaweit sechste Aktionstag «In die Stadt – ohne mein Auto» gilt als Höhepunkt der seit zwei Jahren bestehenden «Europäischen Woche der Mobilität». Mit dieser Woche werben die teilnehmenden Gemeinden für nachhaltigen und städteverträglichen Verkehr, also für eine ökologischere Mobilität.

Mit «autofreien Sonntagen» habe die Aktion nichts zu tun, präzisierte der Leiter Verkehrspolitik des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS), Adrian Schmid, gegenüber swissinfo. Es gehe um Lösungen für die Verkehrssituation in den Städten.

Mehr als 1000 europäische Städte machten mit, darunter die meisten Hauptstädte. Die grösste Beteiligung gab es in Spanien. Insgesamt sind von der Aktion fast hundert Millionen Menschen betroffen.

Die Zahl der Schweizer Gemeinden ist jedoch gemäss der Organisatorin «energieschweiz» innert Jahresfrist von 70 auf 56 zurückgegangen.

Autofrei ja, aber nicht an Werktagen

Letztes Jahr war der 22. September ein Sonntag, was vielen Gemeinden entgegenkam. Gemäss der Zürcher Sektion des VCS ist der Umstand, dass der Aktionstag dieses Jahr auf einen Werktag fällt, der Grund, weshalb die Stadt Zürich ihn auf kommenden Sonntag verschob.

Dies sei schade, so die Reaktion des VCS: «Denn die Verkehrsprobleme bestehen auch unter der Woche und dieses Jahr will speziell der Pendlerverkehr angesprochen werden – diesen gibt es aber an einem Sonntag nicht.»

Doch die Organisatoren in Zürich haben ihre Gründe: «Wenn man ausgerechnet jene Leute, die eigentlich angesprochen wären, nämlich die Pendler, verärgern will, dann muss man nur die Innenstadt an einem Werktag sperren», sagte Lorenz Steinmann, Gesamtleiter Zürich Multimobil, gegenüber swissinfo.

Das Aktionstag-Konzept von 2002 mit den vielen Kooperations-Partnerschaften sei derart erfolgreich gewesen, dass die Organisatoren es dieses Jahr wiederholen wollten. Darum werde die Zürcher City erst am nächsten Sonntag autofrei sein.

Anders sah es in Bern aus: In der Bundeshauptstadt blieb am Montag die gesamte Innenstadt sowie ein Teil der Länggasse für den motorisierten Privatverkehr gesperrt.

Gemäss der Berner Stadtpolizei gab es etliche unfreundliche Reaktionen von Autofahrenden. Sie waren ob der Sperrungen ungehalten und fanden die Aktion «blöd».

Weniger Probleme erlebten Neuenburg und Lausanne – allerdings war hier der Montag ein Feiertag ohne die sonstigen Pendlerströme.

Freiburg will kein Mitmach-Alibi mehr

Freiburg beteiligte sich dieses Jahr nicht. Jean-Charles Bossens, stellvertretender Chef des städtischen Verkehrsdienstes, sagte gegenüber swissinfo: «Wir wollen kein Mitmach-Alibi, nur damit man sagen kann, man habe auch etwas getan.»

In den vergangenen beiden Jahren hatte Freiburg ehrgeizigere Programme: Strassen wurden gesperrt, es gab Animationen, und der öffentliche Verkehr war gratis. Aber, so Bossens: «Dieses Jahr fehlen uns einfach die Mittel.»

Für Nicole Zimmermann, Aktions-Koordinatorin und Sektionschefin im Bundesamt für Energie («energieschweiz»), obsiegen in der Westschweiz vielfach die Ängste vor einer abgeschlossenen Stadt. Bei ökologischen Anliegen reagierten die Westschweizer schlecht auf Zwang, erklärte die Fachfrau.

Energieschweiz will das Projekt des Aktionstags weiterverfolgen, bis die energie- und klimapolitischen Ziele der Schweiz umgesetzt sind. Bis 2010 sollen mit Hilfe der Förderung neuer Mobilitätsformen und des Langsamverkehrs die jährlichen CO2-Emissionen wieder einen Wert erreichen, der zehn Prozent unter dem Stand von 1990 liegt.

Die rigiden Massnahmen, die europäische Städte für die Teilnahme am Aktionstag erfüllen müssen, hätten in der Schweiz keine Chance, sagte Nicole Zimmermann. So müssten im Ausland Sperrzonen für Autos verfügt werden. Die Schweiz setze hingegen auf Freiwilligkeit.

Zuerst Frankreich, dann Genf

Die Geschichte des Aktionstages «In die Stadt – ohne mein Auto» begann 1998, als das französische Ministerium für Umwelt und Raumordnung die Städte dazu aufrief, am 22. September ihre Bewohner und Pendler aufzufordern, einen Tag auf das Auto zu verzichten.

35 französische Städte folgten dem Aufruf. Ein Jahr später schlossen sich bereits 92 italienische Städte und Gemeinden an. In der Schweiz machte die Stadt Genf und einige weitere Gemeinden mit.

Aufgrund des allgemein positiven Echos beschloss die Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission, diesen Aktionstag ab dem Jahr 2000 politisch und finanziell zu unterstützen: Alle europäischen Städte waren zur Teilnahme aufgerufen. Und über 800 Städte machten mit.

Hinter dem Aktionstag steht die Idee, dass Städte, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, ihre Verkehrsprobleme in den Griff bekommen müssen. Und da der Platz in urbanen Ballungsräumen knapp ist, können nicht einfach mehr Strassen gebaut werden. Es muss nach anderen Lösungen gesucht werden: Der öffentliche Verkehr soll gefördert, Velowege gebaut und das Zufussgehen sicherer gemacht werden. Kurz, die Mobilität muss umweltgerechter werden.

swissinfo und Agenturen

2002 haben 70 Gemeinden und Städte mitgemacht.
2003 sind es noch 57.
Ein Grund dafür liegt im Umstand, dass der 22. September dieses Jahr auf einen Werktag fällt.

«In die Stadt – ohne mein Auto» ist eine gesamteuropäische Aktion, die immer am 22. September stattfindet.
Sie ist eingebettet in die seit zwei Jahren bestehende «Europäische Woche der Mobilität».
In der Schweiz wird die Aktion von «energieschweiz» organisiert.
Ziel: die CO2-Emissionswerte wieder 10% unter die Werte von 1990 bringen.
Da der 22. September dieses Jahr auf einen Werktag fiel, hat die Stadt Zürich den Aktionstag auf den kommenden Sonntag verschoben.

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