Unternehmen profitieren von starken Gewerkschaften
Flexibilisierung hin, Deregulierung her: Von den Gewerkschaften profitieren auch die Unternehmen. Zumindest in Boom-Phasen sind die Gewinne stets dort am grössten, wo die Gewerkschaften stark sind. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Studie der Konjunktur-Forschungsstelle KOF der ETH Zürich.
In der Schweiz sind vor allem die grossen Arbeitgeber immer weniger bereit mit den Gewerkschaften über den Lohn zu verhandeln. In einigen Branchen, der Chemie etwa, wird der Lohn nicht mehr branchenweit, sondern firmenintern ausgehandelt. Zudem gibt es einen starken Trend hin zu individuellen Lohnabschlüssen. Dies ganz im Einklang mit der Forderung der OECD nach flexiblen Arbeitsmärkten.
Die OECD geht in ihrem Kampf für Flexibilität davon aus, dass die Arbeitslosigkeit eine Folge zu hoher Löhne sei. Je höher die Löhne, so die OECD, desto tiefer die Gewinne und desto geringer die Bereitschaft der Arbeitgeber in neue Arbeitsplätze zu investieren. Schuld an den hohen Löhne, so die These, sind die Gewerkschaften, die mit ihren kollektiven Lohnverhandlungen zu hohe Löhne durchsetzen und so die Gewinne der Unternehmen empfindlich schmälern.
Daniel Lampart von der KOF hat diese These mit einer neuen Untersuchung widerlegt. «Zumindest in der Schweiz wirken Gewerkschaften in bezug auf die Unternehmens-Gewinne in keiner Art und Weise bremsend», sagte Lampart im Gespräch mit swissinfo. Im Gegenteil: Die Untersuchung zeigt, dass starke Gewerkschaften den Lohnauftrieb sogar dämpfen.
Höhere Gewinne dank GAV
In der Schweiz nehmen Gewerkschaften vor allem über Gesamt-Arbeitsverträge (GAV) Einfluss auf die Lohnentwicklung. Gegenwärtig sind rund 1’200 Gesamt-Arbeitsverträge in Kraft, die für einen Drittel der Beschäftigten die Löhne und die Arbeitszeiten verbindlich regeln. GAV werden zudem meist auf Branchen-Ebene ausgehandelt, so dass in allen Unternehmen einer Branche die gleichen Arbeitsbedingungen herrschen.
Lampart hat über den Zeitraum von 1985 bis 1996 die Ertrags-Entwicklung in Branchen mit starken Gewerkschaften und einer hohen GAV-Dichte verglichen mit der Ertragsentwicklung in Branchen ohne oder mit nur geringer GAV-Deckung. Dabei hat sich gezeigt, dass sich in der von 1985 bis 1990 andauernden Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs ein deutlicher Zusammenhang zwischen gesamt-arbeitsvertraglicher Abdeckung und der Höhe der Gewinnquote besteht. Und zwar fielen die Unternehmens-Gewinne umso höher aus je stärker die jeweilige Branche durch Gesamt-Arbeitsverträge geregelt war.
In der Rezessions-Phase von 1991 bis 1996 liess sich indes kein direkter Zusammenhang zwischen Gewinnquote und gesamt-arbeitsvertraglicher Abdeckung herstellen.
Das Vorurteil, dass Gewerkschaften sämtliche Gewinne sofort in Lohnforderungen ummünzen würden, sei nicht haltbar, kommentiert Lampart das Ergebnis seiner Untersuchung. Den Grund für die höheren Unternehmens-Gewinne in Boom-Phasen sieht Lampart darin, dass die Löhne in Branchen mit hoher GAV-Abdeckung nicht in gleichem Masse ansteigen wie die Arbeits-Produktivität.
Stellenwechsel lohnt sich nicht
In Phasen des Aufschwungs und des Arbeitskräftemangels können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Branchen ohne GAV bei individuellen Verhandlungen höhere Löhne durchsetzen als Beschäftigte in Branchen mit GAV. Entsprechend gross ist daher in Branchen ohne GAV während Boom-Phasen der Anreiz zum Stellenwechsel. Anders die Situation in Branchen mit GAV, wo Stellenwechsel wegen der Präsenz verbindlicher Lohnsysteme kaum eine Verbesserung der Einkommens-Situation bringt.
Die Löhne steigen deshalb in Branchen mit GAV zu Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs langsamer an als in Branchen ohne GAV. Zudem geht den Unternehmen durch Stellenwechsel weniger firmenspezifisches «Humankapital» verloren, was sich positiv auf die Produktivität auswirkt.
Spitzenlöhne unerwünscht
Einen weiteren Grund für die höhere Gewinnquote in Branchen mit hoher GAV-Abdeckung sieht Lampart in der Präferenz der Gewerkschaften für Lohngerechtigkeit. Ziel der Gewerkschaften seien nicht möglichst schnell steigende, sondern stabile Löhne sowie keine allzu grossen Lohnunterschiede. Untersuchungen in verschiedenen Ländern zeigen, dass kollektive Lohnverhandlungen zu einer Verringerung der Lohnunterschiede innerhalb der Branchen führt.
Der Abschluss von Gesamt-Arbeitsverträgen hat sich laut Lampart für die schweizerischen Unternehmen über den untersuchten Zeitraum durchaus gelohnt. Denn anders als es die OECD behauptet, sei es nicht so, dass Gewerkschaften sich allfälligen Gewinn sofort unter den Nagel reissen würden. Gewerkschaften in der Schweiz seien nämlich – zumindest in Boom-Phasen – durchaus bereit die höheren Gewinne den Unternehmen zu überlassen.
Hansjörg Bolliger
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