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Zugehörigkeit als Instrument sozialer Integration

Gewalt und Intoleranz bei jungen Leuten: Lugano setzt auf Prävention und die Partizipation der Jugendlichen. Ti-Press

Das tragische Unglück von Locarno, bei dem am Karneval ein junger Student zu Tode geprügelt wurde, hat viele Fragen zur Befindlichkeit von Jugendlichen, zu Gewalt und Integration aufkommen lassen.

Lugano setzt seit Jahren auf das Prinzip einer aktiven Eingliederung. Mit dem Einsatz von Gassenarbeitern erfolgt zudem präventiv ein Beitrag zu Partizipation und Integration von Jugendlichen.

Noch steht der Südschweizer Kanton Tessin unter Schock eines Gewaltakts, der als «schwarzer Freitag des Karnevals» in die Geschichte eingehen dürfte.

Ein 22-jähriger Student erlag seinen Verletzungen, nachdem er von Gleichaltrigen zusammengeschlagen worden war. Die drei mutmasslichen Täter haben kroatische Wurzeln.

Das soziale Klima im Tessin ist aufgekratzt. Doch bei aller berechtigter Trauer und Wut sollte man auch die positiven Initiativen nicht vergessen, die im Kanton ergriffen wurden.

So ist die Stadt Lugano schon seit geraumer Zeit in der Jugendprävention aktiv und fördert gezielt das Zugehörigkeitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger zu ihrer Stadt.

Zusammengehörigkeitsgefühl stärken

Mit der Initiative «Conoscere, conoscersi» (in etwa: Erkennen und sich kennen lernen) will die Stadt das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Bevölkerung stärken. Das gegenseitige Verstehen und die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsschichten sind dafür entscheidend.

Stadträtin Nicoletta Mariolini ist für die Integration und soziale Information verantwortlich und somit auch für dieses Projekt. Sie zeigt einen dicken Ordner mit Informationen zur Initiative.

Mariolini ist der Ansicht, dass die Bürger ihre Stadt lieben müssen. Der Kern der Initiative «Conoscere, conoscersi» liegt denn auch in den Begriffen Partizipation, Teilen und Zugehörigkeit. Die Bürger müssten erkennen, dass sie ein gemeinsames Gut teilen und auch pflegen müssen.

«Dieser Ansatz ist eine Voraussetzung für eine Gesellschaft, in der Sicherheit nicht nur als legitime Forderung gilt, sondern als gemeinsam zu erreichendes Ziel von Bürgern», so Mariolini. «Der Respekt für das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Gemeinwohl wird zu einem verbindenden Moment zwischen den Bürgern.»

Präventionsarbeit bei der Jugend

In einer Gesellschaft, die auf dem Teilen gemeinsamer Werte aufbaut, kommt den Jugendlichen eine besonders wichtige Rolle zu. Lugano will gerade in diesem Bereich neue Wege gehen, im Projekt einer so genannten urbanen Nähe.

Polizisten und Quartierverantwortliche, Sozialarbeiter und junge Menschen nehmen dabei komplementäre Rollen ein.

Diese «Arbeit der Nähe» will eine soziale Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren in der Präventionsarbeit erreichen. Das Verhältnis Gesellschaft – Individuum soll umgekehrt werden.

Statt zu warten, bis sich Junge an staatliche Stellen wenden, will man, dass sich der Staat auf die Jugend zu bewegt. Dafür braucht es Vertrauenspersonen, wie Sozialarbeiter, die in den Quartieren und Gassen den direkten Kontakt zur Jugend suchen.

Ähnliche Projekte mit Gassenarbeitern wurden schon in anderen Teilen der Schweiz verwirklicht. Beispielsweise in Genf, Lausanne, Basel, Nyon, Yverdon, Winterthur und Freiburg. Die Ergebnisse aus diesen Städten sind ermutigend.

In Genf setzt man stark auf eine pädagogische Begleitung im Prozess der Integration. Neben Repression im Bereich von Jugendgewalt oder Vandalismus wird somit aktive Prävention betrieben. In Genf sind zur Zeit elf Gassenarbeiter im Einsatz.

Lugano gehört auch den Jungen

In Lugano sind 9700 Einwohner zwischen 12 und 30 Jahre alt. Das entspricht 19% der Gesamtbevölkerung (52’000), die auf Grund von Gemeindefusionen in jüngster Zeit stark gestiegen ist. Wie sieht Prävention in diesem Kontext aus?

«Koordination, Zusammenarbeit und eine gemeinsame Interventionsstrategie sind die richtigen Voraussetzungen für unser Projekt. Die Partizipation an der Gesellschaft wirkt als direkter Integrationsfaktor», sagt die zuständige Stadträtin.

Gemäss Mariolini fügt sich diese Aufgabe gut in die Jugendpolitik und komplementär in die Arbeit der Polizei ein: «Die Quartier- oder Gassenarbeiter werden zu einem entscheidenden Glied in der Präventionskette.»

Mariolini ist überzeugt, dass man gegen Intoleranz oder provokatives Verhalten bei Jugendlichen frühzeitig vorgehen müsse. Nur wenn man auch präventiv eingreife, sei es möglich, die Identität junger Menschen zu stärken und sozialen Spannungen vorzubeugen.

swissinfo, Francoise Gehring, Lugano
(Übertragen aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Jugendgewalt ist nach dem Tötungsdelikt an einem Studenten durch ausländische Jugendliche in Locarno während des Karnevals zum grossen Thema geworden.

Die Tessiner Kantonsregierung ist der Ansicht, dass man die Augen nicht länger schliessen kann.

Der Regierungsrat hat eine Task-Force ins Leben gerufen, in der auch Vertreter von Städten und des Kantons einsitzen. Geleitet wird sie von einem Staatsanwalt.

Die «Task-Force Jugendgewalt» hat die Aufgabe, die Sicherheitssituation im Kanton genau zu erfassen sowie kurz-, mittel- und langfristige Strategien im Umgang mit der Jugendgewalt auszuarbeiten.

Lugano ist seit jeher eine kosmopolitische Stadt. Mehr als ein Drittel der 52’512 Einwohnerinnen und Einwohner sind Ausländer oder haben ausländische Wurzeln. 137 Nationalitäten sind in der Stadt präsent.

«Conoscere, conoscersi» ist eine neue Initiative der Stadt Lugano zur Integration von Ausländern. Sie zielt darauf ab, im Sinne eines Zugehörigkeitsgefühls gemeinsame Werte zwischen Schweizern und Ausländern zu stärken. Zudem soll die Aufnahme von neu Zugezogenen unabhängig von ihrer Nationalität erleichtert werden.

Die Stadt setzt für diese Initiative umfangreiches Informationsmaterial ein. In einem Ordner werden neben der Stadtgeschichte auch die Traditionen und Institutionen erläutert.

Ein Stadtplan zeigt die wichtigsten Anlaufstellen für die Bürger und diverse Treffpunkte. Mit Gassenarbeitern in den Quartieren sucht die Stadt zudem in ihrer Sozialarbeit den direkten Kontakt zu Jugendlichen.

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