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Zangengeburt bezahlter Mutterschaftsurlaub

Beruf, mehr Zeit für Kinder, mehr Qualität: Bezahlter Mutterschaftsurlaub entlastet Mütter, aber auch Arbeitgeber.

(Keystone)

80% Lohn während 14 Wochen: Am 1. Juli erblickte der bezahlte Mutterschaftsurlaub das Licht der Schweiz – nach einer "Schwangerschaft" von 60 Jahren.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund kritisiert die Lösung als nicht ausreichend, der Gewerbeverband als fair und realistisch.

Was auf den ersten Blick wie ein grosser Fortschritt für die Frauen erscheinen mag, grenzt in Tat und Wahrheit an ein politisches Trauerspiel helvetischer Sonderklasse: Die Einführung des bezahlten Mutterschaftsurlaubes in der Schweiz auf den 1. Juli dieses Jahres.

Erstens dauerte es die "politische Ewigkeit" von 60 Jahren - also über zwei Generationen - bis ein entsprechender Verfassungsauftrag nun endlich umgesetzt wird. Und auch das nur halbwegs.

Anno domini 1945

Blättern wir zurück: Am 25.Nov. 1945 wars, als die Schweizer Männer – Frauen erhielten das eidgenössische Stimmrecht erst 1971 – einen Bundesverfassungs-Artikel über den Familienschutz angenommen hatten. Dieser sah auch die Einrichtung einer Mutterschaftsversicherung vor.

Und zweitens hinkt das Schweizer Modell allen west- und nordeuropäischen Ländern arg hinterher. Nicht nur zeitmässig, sondern vor allem auch punkto Leistung. Hier ist Schweden einsamer Spitzenreiter, mit einem Mutterschaftsurlaub von nicht weniger als 69 Wochen, vor Norwegen mit 42 und Italien mit 22 Wochen.

Langer Atem gefragt

"Sozialpolitische, speziell aber Anliegen für Frauen, benötigen in der Schweiz Hartnäckigkeit und mehrere Anläufe", kommentiert Natalie Imboden, Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), gegenüber swissinfo die lange Anlaufzeit.

Was bringt der bezahlte Mutterschaftsurlaub nun aber konkret? Er garantiert Müttern 14 Wochen Urlaub bei 80% Lohn. Das tönt gut, hat aber einen Haken, denn die 14 Wochen sind weniger, als viele öffentliche wie private Arbeitgeber frischgebackenen Müttern schon bisher gewährten: Nämlich vollen Lohn bei 16 Wochen Mutterschaftsurlaub.

Rückschritt

Die Folge: Sparapostel haben ab 1. Juli willkommenes und beträchtliches Sparpotential entdeckt. Der Kanton Thurgau beispielsweise plafonierte die Mutterschafts-Taggelder bei maximal 172 Franken. Verliererinnen sind beim Staat angestellte Mütter mit überdurchschnittlichen Einkommen.

Anders dagegen der Kanton Bern: Er behält die grosszügige Lösung 16 Wochen/100% Lohn bei, wie auch eine Reihe anderer verantwortungsbewusster Kantone und privater Arbeitgeber.

"Die jetzige Lösung bringt Verbesserungen für jene Frauen, die noch nichts haben. Sie reicht aber noch nicht aus", so Imboden. Sie fordert namentlich familienpolitische Massnahmen für eine bessere Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf sowie einen Ausbau der Kinderbetreuung (Kinderkrippen etc.).

Vater der Mutterschaftsversicherung

Der freisinnige Nationalrat Pierre Triponez dagegen ist stolz auf die jetzige Lösung. Schliesslich war er es, der mit seinem Parlamentsvorstoss zum Mutterschaftsurlaub via EO-Gesetzesrevision die jahrzehntelangen Fronten durchbrach.

"Die Gesetzesrevision ist fair und realistisch. Parlament und Volk sagten Ja dazu, weil die Lösung finanziell verkraftbar ist", freut er sich.

Entlastung

Dabei ist die neue "Errungenschaft" für alle Arbeitgeber, die bisher bereits einen Mutterschaftsurlaub gewährten, ein kleines "Geschäft": Mussten sie den Urlaub bisher ganz aus eigener Tasche berappen, ist es ab 1. Juli nur noch die Hälfte.

Denn die Babypause wird aus der Kasse der Erwerbsersatz-Ordnung (EO) finanziert, die zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gespiesen wird.

Das kurzfristige Sparpotential liegt gesamtwirtschaftlich bei 300 Mio. Franken pro Jahr, rechnet Imboden vor. Langfristig sparten Arbeitgeber 100 Mio. Franken ein.

Dass die Entlastung positiv einschenkt, zeigten die Minderausgaben bei einzelnen Unternehmen, illustriert die Gewerkschafterin. Die Detailhandelsriesen Coop und Migros müssen demgemäss rund 3 bis 4 Millionen weniger ausgeben, bei der Zürcher Kantonalbank sind es 850'000 Franken, bei der ABB immerhin noch 350'000 Franken.

Differenzen und Einigkeit

Auch Triponez spricht von Entlastungen, sieht diese aber in viel bescheidenerem Umfang. Entlastungen auf Arbeitgeberseite müssten vielmehr bei der Altersversicherung (AHV), der Invalidenversicherung (IV) und der Kranken- und Unfallversicherung erfolgen. Also dort, wo die grossen Defizite bestünden, fordert der Gewerbevertreter.

Aber auch er befürworte Initiativen der Arbeitgeber, Mutterschaft und Beruf besser unter einen Hut zu bringen, bemerkt Triponez.

Win-Win-Situation brachte Wende

Es war auch dieser "Bonus", der schlussendlich im Parlament und beim Stimmvolk die Akzeptanz geschaffen hat, nach mehreren gescheiterten Anläufen an der Urne den Müttern in der Schweiz doch noch eine bezahlte Arbeitspause zu gönnen.

Die längst fällige finanzielle Anerkennung der Mutterschaft in der Schweiz sorgt bei vielen Frauen mit wenig Einkommen für eine gewisse Erleichterung. Aber auch für Ernüchterung, nämlich dort, wo bisherige grosszügige Regelungen durch den Rückgriff auf das gesetzliche Minimum abgelöst werden und Mütter weniger erhalten.

Sicher ist: Das Ringen um eine Mutterschaftsversicherung, das in der Schweiz über ein halbes Jahrhundert dauerte, ist alles andere als ein Ruhmesblatt für ein Land, dessen Stabilität weise Köpfe gerne von seinen fortschrittlichen und soliden Sozialwerken ableiten.

swissinfo, Renat Künzi

Fakten

1945: Die Mutterschaftsversicherung wird in der Verfassung verankert.
1974, 1984, 1987 und 1999: Das Volk sagt zu vier Varianten einer Mutterschaftsversicherung jeweils deutlich Nein.
26. Sept. 2004: Die EO-Revision zu Gunsten einer Mutterschaftsversicherung kommt in der Volksabstimmung mit 55,4% Ja durch.

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In Kürze

Der bezahlte Mutterschaftsurlaub ist am 1. Juli 2005 in Kraft getreten.

Die Regelung sieht eine 14-wöchige Babypause mit 80% des Lohnes vor, maximal 172 Franken pro Tag.

Das sei unzureichend, kritisiert der Gewerkschaftsbund SGB.

Er fordert eine bessere Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf und bessere Betreuungs-Angebote für Kinder.

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