"Ich hinterfrage ständig, aber die Wahrheit kenne ich nicht"

swissinfo.ch

Unser Redaktor Peter Siegenthaler geht Ende Mai in Pension. Wir stellten ihm exakt die Fragen, die er in den letzten Jahren anderen Personen stellte. 

Peter Siegenthaler, Sie waren 36 Jahre im Schweizer Journalismus tätig, 13 davon bei swissinfo.ch. Wir stellen Ihnen nun einige Fragen, die Sie vielleicht noch kennen. Sie haben diese bei anderer Gelegenheit anderen Leuten gestellt. Schliesslich haben Sie über die Jahre einen enormen Effort als kritischer Journalist geleistet. 

swissinfo.ch: Die Politiker zum Handeln bewogen hat aber ein 16-jähriges Mädchen. Ist das für Sie nicht ein wenig frustrierend?

Peter Siegenthaler: Die Rede ist von Greta Thunberg. Ich stellte die Frage einem grünen Politiker. Nein, mich frustriert es nicht. Es freut mich. Es geht um die junge Generation, um die Zukunft meiner Tochter und meiner Enkelin. Es ist schön, wenn junge Leute sich einig sind, dass man fürs Klima etwas machen muss.

Tragen Sie, zum Beispiel zum Einkaufen, eine Schutzmaske?

Bis jetzt noch nicht. Aber für Zug und Bus werde ich in Zukunft sicher eine dabeihaben. Ob auch zum Einkaufen, weiss ich noch nicht.

Gewisse ausländische Medien stellen die Schweiz immer wieder als Hochburg der Fremdenfeindlichkeit dar. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein. Es gibt Fremdenfeindlichkeit auch in der Schweiz, aber in vielen anderen Ländern ebenso, oder mehr. Bei uns erreicht die fremdenfeindlichste Partei etwa einen Drittel aller Wählenden. Das ist trotzdem zu viel.

Und wenn Sie sich in die Lage einer asylsuchenden Familie versetzen, deren Kinder nicht in die Badi gehen dürfen: Empört Sie das?

Ja, das empört mich, ganz klar. 

Was heisst das ganz konkret?

Im Sommer, wenn es 30 Grad ist, halten sich Kinder gerne am Wasser auf. Wenn ein Kind aufgrund von was auch immer hier ausgeschlossen wird, dann empört mich das ausgesprochen. Ich frage mich, was das für ein Gott sein muss, der den Kindern die Badi verbietet.

Was möchte die Mehrheit der Muslime?

Das weiss ich nicht. Da müsste man eine Befragung durchführen. Ich stelle mir vor, dass Muslime im grossen Ganzen ähnliche Wünsche haben wie Christen und alle andern wohl auch. 

Ich kenne Menschen, die auf Sozialhilfe verzichten, um sich nicht der Stigmatisierung auszusetzen. Sie auch?

Ja, solche Leute kenne ich. Abhängig zu sein vom Geld anderer Leute fällt vielen Leuten schwer. Lieber schnallen sie den Gürtel enger. 

Bleiben wir beim Geld: Wenn das Management einer Firma mehr Geld bezieht, bleibt am Ende den Aktionären weniger. Ist daran etwas falsch?

Hm, eine sehr komplexe Frage. Habe ich die wirklich mal gestellt?

Ja, die haben Sie gestellt. Es ging um die Abzockerinitiative.  
Oder anders gefragt: Was geht es den Stimmbürger an, wieviel ein Unternehmen seinen Angestellten zahlt?

Natürlich geht dies den Stimmbürger etwas an. Ein Unternehmen ist in die Gesellschaft eingebunden. Es beansprucht Boden der Allgemeinheit, es hat Emissionen, es beansprucht die Infrastruktur der Gesellschaft, es macht so Gewinn, kann sich bereichern. Darum geht es die Allgemeinheit sehr wohl etwas an, was die Leute dort in den eigenen Sack stecken. Ich würde mir wünschen, dass man sich in der Schweiz viel mehr die Frage stellt, ob das, was die Leute verdienen, gerecht ist – egal ob an der unteren oder an der oberen Grenze. Die niedrigen Saläre sind zu tief, die hohen viel zu hoch.

Ich stelle fest, das sind alles ganz gesellschaftsrelevante Fragen, die hier gestellt werden.

Wir können auch noch für eine Frage etwas persönlicher werden. Was war Ihnen wichtig in der Arbeit als Journalist?

Ich zitiere hier einen ehemaligen Radiodirektor. Er sagte, man muss sich als Journalist immer bemühen, die Wahrheit zu finden – aber im Bewusstsein, dass man diese nie wird finden können. Für mich hiess das: Man muss fragen und hinterfragen, aber sich auch immer wieder sagen, dass man die Wahrheit nicht kennt. Es ist ein sehr hoher Anspruch. Aber an diesem konnte ich mich orientieren.

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