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Maul- und Klauenseuche: Die Schweiz ist vorbereitet

MKS: Die Schweiz nimmt die Seuchengefahr ernst. Keystone

Fast kein Tag vergeht ohne schlechte Nachrichten in Sachen Maul- und Klauenseuche (MKS). Auch die Schweizer Bauern und Behörden nehmen die akute Seuchengefahr ernst. Was würde geschehen, wenn die MKS in der Schweiz wieder - wie vor 35 Jahren - ausbrechen würde?

Noch bleibt die Schweiz von der Seuche verschont. Im Gegensatz zu Nordirland, demjenigen europäischen Land, bei dem der Schock seit Freitag (13.04.) in den Knochen sitzt. Nach dem zweiten Fall von Maul- und Klauenseuche haben die Behörden am Samstag Massenschlachtungen von Tausenden von Schweinen, Schafen und Rindern angeordnet.

In der Schweiz laufen die Diskussionen über Notmassnahmen im Falle eines Ausbruchs der Seuche heiss. Um gewappnet zu sein, haben sich die Kantons-Tierärzte getroffen und über Strategien gegen die Maul und Klauenseuche gesprochen.

Zurzeit keine Impfung

Erörtert wurde auch das Thema Impfung. Dies kommt für die Kantons-Tierärzte aber zurzeit nicht in Frage. Es sei falsch zu glauben, mit Impfung könnte eine Einschleppung der MKS in die Schweiz verhindert werden, sagte die Zürcher Kantons-Tierärztin Regula Vogel. Man könne höchstens die Ausbreitung verlangsamen. Der Appenzeller Kantons-Tierarzt Albert Fritsche betonte, sobald die Schweiz impfe, verliere sie ihren Status als MKS-freies Land. Das heisst, die Schweiz könnte mithin keine tierischen Produkte mehr exportieren. Dazu gehören vor allem auch Käse, Milch und Schokolade.

Falls aber die MKS in die Schweiz einbrechen sollte, wollen die Kantons-Tierärzte über sogenannte Ring-Impfungen in einem Schutzgürtel um einen betroffenen Hof nachdenken. Noch ist die Schweiz verschont geblieben von der MKS. Und solange sich die Seuche in den Nachbarländern nicht ausbreitet, will man mit Impfen zuwarten.

Für Professor Ueli Braun von der Universität Zürich ist klar: «Kommt die MKS in die Schweiz, sollte geimpft werden.» Zuerst mit einer Ring-Impfung. Wenn diese nicht Erfolg hätte, wäre er für eine Impfung des ganzen Bestandes, auch wenn man damit wirtschaftliche Sanktionen gegen die Schweiz in Kauf nehmen müsste. Er könnte eine Tötung und Entsorgung der Tiere nie verantworten, vor allem wenn er an die jahrzehntelange Zuchtarbeit der Schweizer Bauern denke, sagt Professor Braun.

Für den Ernstfall ist alles schon vorbereitet

Was passiert nun genau, wenn ein Tierarzt dem kantonalen Veterinärdienst einen MKS-Verdachtsfall meldet? Christian Huggler, Berner Kantons-Tierarzt zu swissinfo: «Wir gehen sofort mit dem Seuchenkoffer auf den betroffenen Bauernhof und entnehmen Proben. Diese werden umgehend ins nationale Virus-Institut zur Untersuchung gebracht.»

Im Institut bei Bern werden die Proben – das sind Zungenflüssigkeit, Speichel und Blut – analysiert. Gleichzeitig werden noch andere Tests angesetzt. Wenn zwei positive Resultate aus zwei verschiedenen Untersuchungen erfolgen, dann ist die MKS bestätigt, sagt Instituts-Direktor Christian Griot. Dank einem neu entwickelten Test können heute im Virus-Institut pro Tag 50 Seuchenproben verarbeitet werden. Dennoch: Im Ernstfall, wenn die MKS in der Schweiz ausbrechen würde, wäre das Institut ganz klar überfordert, gesteht Direktor Griot. Da müsste man eine Hotline einrichten.

Krisenstab und Eingreiftruppe

Kantone, Bund, Polizei, Virus-Institut und Tierkadaver-Entsorgungs-Unternehmen sind Tag und Nacht miteinander verbunden. Im Ernstfall würde ein Krisenstab eingerichtet. Das Genfer Veterinäramt hat sogar eine professionelle Eingreiftruppe auf die Beine gestellt, um für den Eventualfall gewappnet zu sein. Der Kanton Genf teilt 105 Kilometer Grenze mit Frankreich und will sich keine Gleichgültigkeit gegenüber einer Seuche leisten.

Auf dem direkt betroffenen Hof würden sofort sämtliche Klauentiere getötet und danach in luftdichten Containern abtransportiert. Der Hof würde umgehend hermetisch abgeriegelt, sagt Kantons-Tierarzt Christian Huggler gegenüber swissinfo: «Das heisst, es darf kein Tier weggehen, es darf keine Person und auch keine Ware weg.»

Der Tierarzt des Betriebes muss eine genaue Anamnese (Krankheits-Vorgeschichte) über alle Tiere erheben und eine Analyse über die Tierbewegungen machen, die vor dem MKS-Verdacht stattgefunden haben; er muss auch überprüfen, ob die Personen des Hofes in anderen Ställen gewesen sind; er muss festhalten, wo die Milch hingeliefert wird. Der Tierarzt kann den Betrieb nur nach einer eigenen Desinfektion verlassen.

Schutz- und Überwachungszone

Weiter wird dann eine Schutzzone im Umkreis von drei Kilometern um den betroffenen Hof errichtet. Dazu kommt eine Überwachungszone von zehn Kilometern. In der Schutzzone gilt für die Klauentiere ein absoluter «stand still», d.h. die Tiere müssen im Stall eingesperrt werden. Erst 21 Tage nach der Seuche und nach einer gründlichen Putz- und Desinfektions-Aktion dürfen wieder neue Tiere auf den Hof.

Aber eben: Soweit sind wir in der Schweiz glücklicherweise noch nicht. Hans Wyss, Kommunikations-Chef vom Bundesamt für Veterinärwesen (BVET), meint gegenüber swissinfo, das wichtigste in der aktuellen Situation sei, dass die Bauern, die Tierhalter sensibilisiert seien. Das BVET habe jeden Tierhalter angeschrieben und auf die wichtigsten MKS-Symptome aufmerksam gemacht. Wenn dieser feststelle, dass ein Tier zu speicheln beginne, hohes Fieber habe oder sogar Blasenbildung, dann müsse er sofort den Tierarzt einschalten, sagt Wyss. Und der Tierarzt müsse dann sofort den Kantons-Tierarzt informieren – womit das ganze Krisenszenario dann beginnen würde.

Jean-Michel Berthoud

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