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Wie viel zählt ein Leben in Afghanistan?

Norah Niland

In Afghanistan zahlen vor allem Frauen und Mädchen den Preis für das Scheitern der Politik. Der "Afghan Fund" in Genf sollte endlich handeln, um die Zentralbank zu rekapitalisieren, findet Norah Niland.

Afghanistan ist von einer reichen und vielfältigen Kulturgeschichte geprägt, die von der Antike bis in die Gegenwart reicht. Obwohl das Land mit einer Fülle unerschlossener Ressourcen gesegnet ist, kämpfen Millionen von Afghaninnen und Afghanen ums tägliche Überleben: gegen Hunger und den Mangel an sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und medizinischer Versorgung.

Wachsende Schulden und eine tiefgreifende Armut machen Afghanistan zu einem der ärmsten Länder der Welt. Dies wirft die Frage auf, ob das Leben der Afghaninnen und Afghanen jenen Regierungen etwas bedeutet, die dieses beispiellose Ausmass an Elend verursacht haben.

Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Politik verschiedener Akteure, die lieber afghanische Bürgerinnen und Bürger durch eine ökonomische Kriegsführung bestrafen (eine Agenda der künstlich erzeugten Armut). Anstatt mit den Taliban-Behörden zu verhandeln, die stolz auf ihre berüchtigten Verordnungen sind, so abstossend diese auch sein mögen. Diese Verordnungen untermauern die Interpretation der afghanischen Kultur durch die Taliban sowie tief verwurzelte Normen, die Frauen und Mädchen seit langem diskriminieren.

Armut in Afghanistan ist kein neues Phänomen. Sie lässt sich zum Teil auf fast fünf Jahrzehnte bewaffneter Konflikte zurückführen. Dazu gehörte auch eine nach dem 11. September 2001 entstandene Kriegswirtschaft, die die strukturellen Ungleichheiten verschärfte. Die von den USA angeführte Besatzung verschlimmerte die schwache und korrupte Regierungsführung und begünstigte Straflosigkeit. Sie trug zudem zur Rückkehr der Taliban nach Kabul im August 2021 bei.

Das Wiedererstarken des Islamischen Emirats Afghanistan – so der offizielle Name der Taliban-Regierung – löste eine Reihe von Strafmassnahmen der USA und ihrer Verbündeten aus. Dazu gehörte die sofortige Einstellung der Wirtschaftshilfe für Kabul, das zuvor zu 75% auf westliche Finanzmittel angewiesen war.Externer Link Die USA blockierten 2021 9,1 Milliarden US-Dollar (7,1 Milliarden CHF) der afghanischen Devisenreserven. Dies fesselte die Zentralbank, die Da Afghanistan Bank (DAB), und lähmte die Wirtschaft und das Bankensystem.

Der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Dr. Shah Mehrabi wies damals darauf hinExterner Link, dass der fehlende Zugriff der DAB auf ihre Dollar-Reserven ihre Fähigkeit untergraben würde, einen stabilen Wechselkurs zu gewährleisten und die Inflation einzudämmen. Tatsächlich kann eine Volkswirtschaft ohne eine erfahrene und glaubwürdige Zentralbank nicht effektiv funktionieren.

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Angesichts der Notlage verarmter und mittelloser Afghaninnen und Afghanen organisierte die UNO ein System, um Bargeld in Form von US-Dollar einzufliegen und so humanitäre Programme zu unterstützen. Dies erwies sich auch als Rettungsanker für die DAB, da sie die US-Dollar für regelmässige Währungsauktionen nutzen konnte, um den Wert des Afghani, der Landeswährung, zu stabilisieren. Dies wiederum ermöglichte Finanztransaktionen und Handel.

Dieses System ist nun in Gefahr, da die westlichen Mittel für humanitäre Massnahmen seit letztem Jahr drastisch gekürzt wurden und seit 2021 keine Unterstützung für nachhaltige Entwicklung mehr geleistet wird. Die USA, die Afghanistan bis 2024 mit über 40% der gesamten Hilfe unterstützt hatten,Externer Link stellten ihre Hilfe im April 2025 abrupt ein. Mit brutalen Folgen.

Drastische Kürzungen gab es auch bei anderen Geberländern wie Deutschland und Grossbritannien. Tom Fletcher, der ranghöchste humanitäre Koordinator der UN, stellte nach einem Besuch in Afghanistan im letzten Jahr fest,Externer Link dass der humanitäre Sektor insgesamt schrumpfen und viele schutzbedürftige Menschen sterben würden.

Daten belegenExterner Link, dass 21,9 Millionen Afghaninnen und Afghanen – 45% der Bevölkerung – in diesem Jahr dringend humanitäre Hilfe benötigen. Mehr als ein Drittel der 45 Millionen Menschen im Land leidet derzeit unter Hunger. Die stark steigende akute Ernährungsunsicherheit bedeutet laut Welternährungsprogramm, dass eine «erschreckende Anzahl von 3,7 Millionen Kindern eine Behandlung gegen MangelernährungExterner Link benötigen werden». Die Schliessung von mehr als 420 Gesundheitseinrichtungen im vergangenen Jahr hat zu einem «Anstieg der Säuglingssterblichkeit um 3% bis 4%» und einem deutlichen AnstiegExterner Link der Müttersterblichkeit beigetragen.

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Die Politik der Kollektivbestrafung

Wegen der repressiven Taliban-Politik ist Afghanistan heute faktisch zu einem Paria-Staat geworden. Während gleichzeitig ignoriert wird, wie die Massnahmen, die die DAB fesseln, die Wirtschaft weiterhin strangulieren. Diese Politik der Kollektivbestrafung blendet aus, wie die Armut Frauen und Mädchen – die die Hauptlast der lähmenden Restriktionen der Taliban tragen – weiter an den Rand drängt. Diese Restriktionen verhindern ihre Teilnahme am öffentlichen Leben und schränken ihren Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Arbeit ein.

Die anhaltende Armut hat traditionelle Bewältigungsstrategien an ihre Grenzen gebracht. Familiennetzwerke sind in Krisenzeiten von entscheidender Bedeutung, ebenso wie Migration in Nachbarländer, Geldüberweisungen, Verschuldung und der Verkauf landwirtschaftlicher und Haushaltsgüter. Die erzwungene Rückkehr Externer Linkvon rund 5,4 Millionen Afghaninnen und Afghanen, vorwiegend aus Pakistan und dem Iran, aber auch aus Europa, hat in jüngster Zeit den Geldfluss stark eingeschränkt und die wirtschaftliche Notlage verschärftExterner Link.

Laut einem UNO-BerichtExterner Link aus dem letzten Jahr greifen neun von zehn Familien, darunter viele von Frauen geführte Haushalte, die besonders stark von Armut betroffen sind, auf schädliche Bewältigungsstrategien zurück, um zu überleben.

Im September 2022 überwiesen die USA 3,5 Milliarden US-Dollar – die Hälfte der blockierten afghanischen Reserven – an den neu gegründeten Fund for the Afghan peopleExterner Linkangeblich zum Wohle der afghanischen Bevölkerung. Man ging davon aus, dass dies zur Linderung der Wirtschafts- und Liquiditätskrise beitragen würde. Anfänglich konzentrierte sich der «Afghan Fund» auf die Entwicklung interner Verfahren, doch im vergangenen Jahr ist er offenbar, wie der Verlauf und die Inhalte seiner Vorstandssitzungen zeigen, in einen Winterschlaf verfallen.

Meine Anfragen zu diesem Thema bleiben mittlerweile unbeantwortet, anders als früher. Mir scheint es, als würde er eher aus politischen Gründen denn aus Trägheit daran gehindert, Massnahmen zur Rekapitalisierung der DAB zu organisieren. Damit ignoriert der «Afghan Fund» die Tatsache, dass die gesperrten Vermögenswerte Eigentum des afghanischen Volkes sind, dessen bewusste Enteignung höhere Sterblichkeitsraten zur Folge hat.

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Seit ihrem überstürzten Rückzug aus Afghanistan im Jahr 2021 prägen harte Taktiken die Entscheidungen der USA. Zusätzlich sind zahlreiche Akteure, die sich als überzeugte Verfechter der Menschenrechte ausgeben und regelmässig ihre Besorgnis über das Schicksal afghanischer Frauen öffentlich kundtun – darunter die Schweiz –, an einer unmenschlichen Politik beteiligt, die in krassem Widerspruch zu Gerechtigkeit und Menschlichkeit steht.

Ungeachtet der politischen Lage zählen afghanische Leben. Dies spiegelt sich in einer Vielzahl von Initiativen wider, die ein Ende der künstlich erzeugten Armut und des damit verbundenen Leidens fordern. Von Anfang an haben United Against Inhumanity (wo ich mich engagiere) und andere Gruppen ein Ende der willkürlichen Beschlagnahmung afghanischer Vermögenswerte sowie die Rekapitalisierung der DAB gefordertExterner Link.

Dies kann schrittweise erfolgen, indem monatlich mindestens 150 Millionen Dollar im Rahmen eines international überwachten Systems ausgezahlt werden. Staaten, die nach dem 11. September 2001 Mittel bereitgestellt haben, sollten zudem in nachhaltige Programme für die afghanische Zivilbevölkerung investieren. Der Schwerpunkt sollte auf der Existenzsicherung der Menschen liegen, einschliesslich unternehmerischem Empowerment für Frauen.

Die von der Autorin geäusserten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die von Swissinfo wider

Editiert von Benjamin von Wyl, Übertragung aus dem Englischen mit der Hilfe von KI-Tools: Petra Krimphove

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