Der Closomat: Wie eine Schweizer WC-Innovation (fast) die Welt eroberte
Hans Maurer hatte eine zündende Idee: Warum sich mit WC-Papier abmühen, wenn man sich nach dem «grossen Geschäft» bequem per Wasserstrahl reinigen kann? Dass der «Closomat», seine Erfindung, heute als Hightech-Variante den japanischen Markt komplett beherrscht, hätte sich der Zürcher aber wohl nie träumen lassen.
Waren Sie schon mal in Japan? Auf jeden Fall haben Sie bestimmt schon einmal etwas über die technologisch ausgefeilten japanischen WCs gehört oder gelesen.
In zahlreichen Medienberichten in westlichen Ländern wird deren Bedienung mit dem Cockpit eines Jumbojets verglichen. Schon viele sind an den zahlreichen Knöpfen auf den Bedienpanels dieser futuristisch anmutenden Toiletten gescheitert.
Was aber weitgehend unbekannt ist: Die Idee, eine Toilette mit Bidetfunktion, Massagesitz, Föhn, Wärmekissen und Stereoanlage zu verbinden, geht ursprünglich auf eine Schweizer Erfindung zurück. Fangen wir diese Geschichte also von vorne an.
Ein Mann hat eine Vision
Er wurde «Schiissi Muurer» genannt, einige bezeichneten ihn auch schlicht als «Spinner». Angefangen hatte alles mit einem Gartenstuhl, einem Plastikschlauch und einem handelsüblichen Haarföhn.
Als der 38-jährige Hans Maurer nach zwei Jahren Tüftelei in seinem Keller in Zollikerberg bei Zürich seine Erfindung präsentierte, hatte die Welt ihre erste Toilette mit warmem Wasserstrahl und einem Warmluftföhn für den Intimbereich.
Seine Frau Lilly schämte sich für die Idee und zog die Vorhänge zu, damit die Nachbarschaft das seltsame Treiben ihres Ehemanns nicht beobachten konnte. Der aber sagte: «Wir fliegen bald zum Mond, aber wir tun es in dreckigen Unterhosen!»
Denn Maurer, im Hauptberuf als Maschinenzeichner und Konstrukteur tätig, war überzeugt davon, dass das Reinigen mit Toilettenpapier unhygienisch sei und den Schmutz lediglich verteile.
Prüde Zeiten
Allerdings hatte der Erfinder noch zahlreiche Hürden zu meistern, bis seine Idee ausgereift war. Und die waren nicht nur technischer Natur. Wie sein Sohn Peter später in einem Interview sagte, hatte er auch mit der «verklemmten Mentalität» jener Zeit zu kämpfen.
1956 brachte Maurer den ersten «Closomat» auf den Markt – eine Wortschöpfung aus «Closet» (Toilette) und «Automatic». Als er diesen 1957 an der Mustermesse in Basel präsentierte, brachte ihm dies aber nur Spott und Häme ein. Er wurde als obszön beschimpft und sogar bespuckt.
Auch weil sein erstes Modell noch mit relativ vielen Kinderkrankheiten zu kämpfen hatte, konnte Maurer in den ersten vier Jahren lediglich 300 Stück davon verkaufen. Der Erfinder musste Schulden machen, denn für die Wohlfühl-Toilette hatte er seine Stelle als Konstrukteur von Büromaschinen gekündigt.
Der Durchbruch – und Japan
1961 kam er mit dem Modell «Standard» auf den Markt, und diesmal schien die Zeit reif zu sein für Maurers Dusch-WC. Innerhalb von 15 Jahren konnte er 10’000 Einheiten davon absetzen.
Doch in der Schweiz verfügen bis heute lediglich etwa 10% der Haushalte über eine Toilette mit Duschfunktion. Es brauchte ein anderes Land, das die Idee aufgreifen und verfeinern sollte, wie dies Japan bereits mit vielen anderen Erfindungen aus dem Westen exemplarisch gelungen war.
Maurer hatte zu jener Zeit bereits Lizenznehmer in Deutschland, Grossbritannien und Schweden, die seinen «Closomat» herstellten. Ab 1963 sollte seine Erfindung in Japan aber die Intimhygiene regelrecht revolutionieren.
Die Firma Toto übernahm damals nicht nur die von Maurer ausgedachte Basisversion, sondern fügte dieser mit seiner Weiterentwicklung «Washlet» zahlreiche Hightech-Funktionen hinzu.
Bei heutigen Modellen kann beispielsweise der Wasserstrahl in verschiedenen Stärken und auf Wunsch auch oszillierend eingestellt werden. Zudem wird man in vielen japanischen Toiletten quasi begrüsst und verabschiedet, wenn sich der Deckel bei Annäherung wie von Zauberhand öffnet und nach dem Stuhlgang wieder schliesst. Selbstverständlich hat die Toilette vorher automatisch gespült. Unzählige Posts von Japanreisenden feiern auf sozialen Medien solche Hightech-Toiletten ab.
Bei fast allen Modellen lässt sich auch der WC-Sitz heizen, und oft verfügt er über eine Geruchabsaugung und einen Warmluftföhn. Für Menschen, die Wert auf Diskretion legen, können verschiedene Töne wie etwa ein Bachrauschen oder Musikstücke abgespielt werden, während sie ihr Geschäft auf dem Thron verrichten.
Neuste Modelle sollen sogar über medizinische Sensoren verfügen, die gesundheitliche Aspekte überwachen, wie beispielsweise die Messung des Blutzuckerspiegels im Urin.
Die Krise
Heute sind in Japan rund 80% aller Haushalte mit einem Dusch-WC ausgestattet. In Europa und anderswo allerdings konnte sich die Idee nie flächendeckend durchsetzen.
Als Maurers Patente 1978 ausliefen, trat der Schweizer Sanitärriese Geberit mit einer eigenen Lösung auf den Plan. Heute ist die Firma in der Schweiz Marktführerin in diesem Bereich.
Closomat geriet 2007 in die Insolvenz, nachdem sie ein fehleranfälliges Modell namens «Aquaris» auf den Markt gebracht hatte. Dies ist auch das einzige Modell aus Maurers Produktion, für das die Nachfolgefirma Closemo keinen Kundendienst anbietet.
Durch die Fokussierung auf den Pflegebereich konnte Maurers Sohn Peter die Marke «Closomat» retten. In Schweizer Altersheimen, Rehakliniken und Spitälern ermöglicht eines der Modelle heute Menschen mit körperlichen Einschränkungen einen selbständigen Toilettengang.
Sterne für das Dusch-WC
Die Geschichte wäre hier zu Ende, hätte nicht die Hotelstars Union vor einigen Jahren eine neue Regel eingeführt. Diese Organisation ist für die Vergabe von Sternen an über 22’000 Hotels in Europa zuständig.
Seit 2025 ist gemäss diesen Vorgaben der Einbau von Dusch-WCs für die Vergabe von Hotelsternen in der Schweiz und in 20 weiteren europäischen Ländern direkt relevant.
Hans Maurer konnte diesen Erfolg nicht mehr erleben. Der WC-Pionier verstarb 2013 im hohen Alter von 95 Jahren. Er hätte sich bestimmt gefreut, dass seine Erfindung aus einem Schweizer Keller heraus heute weltweit für eine bessere Hygiene sorgt.
Die WC-Ente – ebenfalls eine Schweizer Erfindung
Für mehr Hygiene im WC sorgt auch eine weitere Schweizer Erfindung: Ebenfalls in der Region Zürich, in Dällikon, wurde 1980 nämlich die WC-Ente entwickelt. Mit dieser entenkopfförmigen Flasche mit gebogenem Hals kann ein Reinigungsmittel gezielt unter den WC-Rand gespritzt werden.
Diese Entwicklung wurde möglich, weil die Mutter des Erfinders Walter Düring, Maria Düring-Keller, in den 1950er-Jahren erfolgreich ein Entkalkungsmittel namens Durgol entwickelt hatte. Um dieses besser im WC zu verteilen, kam Düring Junior schliesslich auf die Idee mit dem Entenhals.
Auch er wurde zuerst für seine Idee verspottet, der Markt strafte die Spötterinnen und Spötter allerdings Lügen. Das Produkt gibt es auch heute noch – wie auch jenes seiner Mutter.
Editiert von Balz Rigendinger
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