Enorme Solidarität mit Flutopfern
Die Schweiz leistet weitere 25 Millionen Franken Soforthilfe für die betroffenen Länder in Südasien.
Die Zahl der Schweizer Todesopfer wird mit 12 angegeben. Die Behörden befürchten jedoch einen «massiven Anstieg» der Opferzahl.
Die Zahl der Todesopfer im südasiatischen Katastrophengebiet ist am Donnerstag erneut dramatisch angewachsen und auf über 130’000 gestiegen, melden die Nachrichtenagenturen.
Allein in Indonesien erhöhte sich die Opferzahl um fast 30’000 auf knapp 80’000, gaben Vertreter des indonesischen Gesundheitsministeriums bekannt.
Zahl der Schweizer Opfer soll «massiv» steigen
Die Zahl der Schweizer Opfer in der Katastrophenregion in Südostasien wird sich nach Befürchtung der Bundesbehörden massiv erhöhen.
Dies gab der Chef des Krisenstabs im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), Peter Sutter, am Donnerstag in Bern bekannt.
Besorgnis erregend sei vor allem die Zahl von 380 Schweizerinnen und Schweizern, die nach wie vor in Thailand gesucht würden. Insgesamt fehlten noch die Spuren von 850 Personen aus der Schweiz.
«Es ist zu befürchten, dass die Zahl der Opfer erheblich um nicht zu sagen massiv steigen wird», sagte Sutter.
Inzwischen sei eine Zahl von echten Vermissten identifiziert worden, für die das Schlimmste befürchtet werden müsse.
Diese Fälle, zu deren Zahl Sutter aus Rücksicht auf die Angehörigen keine Angaben machen wollte, würden nun prioritär behandelt.
Wie Sutter weiter bekannt gab, wurden bisher rund 60 Verletzte aus der Katastrophenregion in die Schweiz zurückgeflogen. In weiteren 14 Fällen sei ein Rücktransport vorbereitet.
Victim Identification Teams
Arnold Bolliger vom Krisenstab des Bundesamtes für Polizei (fedpol) sagte, die zwei von der Schweiz entsandten elfköpfigen Victim Identification Teams (DVI) seien zur Identifikation von Leichen in Phuket eingetroffen. Sie seien voll ausgerüstet und könnten ihre Arbeit sofort aufnehmen.
Die Toten würden nach den Standards von Interpol untersucht, erklärte Bolliger. Die erhobenen Daten wie die DNA würden auf Formularen erfasst, elektronisch gespeichert und mit den Daten verwandter Personen verglichen. Bis eine Person definitiv identifiziert sei, könnten Wochen und Monate verstreichen.
Telefonkonferenz der Regierung
Bundespräsident Joseph Deiss hatte die Schweizer Regierung am Donnerstagmorgen zu einer Telefonkonferenz zusammengerufen, um die aktuelle Lage zu analysieren und zusätzliche Massnahmen zu diskutieren.
«Das schreckliche Seebeben vom Stephanstag hat uns alle zutiefst erschüttert», sagte Deiss. Als dringliche Massnahme beschloss die Landesregierung, für die sofortige humanitäre Hilfe zusätzliche 25 Mio. Franken zu sprechen.
«Damit ist es aber nicht getan», sagte Deiss in Bern. «Die Menschen, die alles verloren haben, brauchen wieder eine Perspektive», sagte er weiter.
Geberkonferenz im Januar?
Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) wurde deshalb beauftragt, den Bedarf für ein mittel- und langfristiges Aufbauprogramm vorzubereiten und so rasch wie möglich dem Bundesrat die Finanzierung dafür zu beantragen.
Darüber hinaus will die Schweiz auch die Vereinten Nationen bei der Koordination der gemeinsamen Hilfsanstrengungen aktiv unterstützen.
Die Schweiz sei bereit, in Zusammenarbeit mit der OCHA, der Koordinationsstelle der humanitären Hilfe der Vereinten Nationen, und den Geberstaaten in Genf eine internationale Hilfskonferenz zu organisieren.
Denn die enormen Schäden, die durch diese wohl grösste Naturkatastrophe seit Menschengedenken ausgelöst worden seien, könnten nur durch gemeinsame und koordinierte Anstrengungen aller Staaten bewältigt werden, sagte Deiss.
Laut EDA-Staatssekretär Franz von Däniken könnte diese Konferenz in der ersten Januarhälfte stattfinden.
Noch keine Meldung von 1000 Schweizer Touristen
An der Zahl von vorerst elf bestätigten Schweizer Todesopfern hat sich am Donnerstagmorgen nichts geändert. Deiss wies aber darauf hin, dass die Zahl der Schweizer Opfer sicher deutlich höher sein werde als bei früheren Katastrophen.
Zu rund 1000 Schweizer Touristen konnte laut von Däniken bis Donnerstagmorgen noch kein Kontakt hergestellt werden. Am Mittwoch waren es noch rund 1200 gewesen.
Die Tendenz sei zum Glück fallend, sagte der Leiter des Krisenstabs im EDA, Botschafter Peter Sutter.
Der Chef des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe, Toni Frisch, erklärte, die Präsenz vor Ort sei als Zeichen der Solidarität sehr wichtig. Es gehe auch darum, den Menschen, die vor Ort von diesem grossen Leid betroffen seien, Mut und Hoffnung zu geben.
Kritik an Botschaft zurückgewiesen
Von Däniken trat vor der Presse auch Kritik entgegen, Schweizer
Betroffene seien nicht oder zu wenig unterstützt worden. Eine weitere Verstärkung der Botschaften in den betroffenen Ländern sei nicht notwendig.
So hätten sich beispielsweise in Bangkok auch Freiwillige aus der Schweizer Kolonie gemeldet, um mitzuhelfen.
In der Zeitung «Blick» haben sich Überlebende Schweizerinnen und Schweizer über die mangelhafte Betreuung durch die Botschaft in Bangkok beschwert. In der Mittagszeit sei am Telefon ein Band zu hören gewesen, das auf die Lunchtime aufmerksam gemacht habe.
Auch habe die Botschaft – im Gegensatz zu Deutschland oder Österreich – am Flughafen keine Ansprechecke eingerichtet.
Nationale Trauerfeier
Als Zeichen der Anteilnahme wird am kommenden 5. Januar im Berner Münster von den drei Landeskirchen eine nationale Trauerfeier organisiert.
Der Bundesrat wird mit Josepht Deiss, dem neuen Bundespräsidenten Samuel Schmid sowie Aussenministerin Micheline Calmy-Rey vertreten sein.
An diesem Tag sollen als Zeichen der Solidarität mit den Opfern auf allen Gebäuden des Bundes die Fahnen auf Halbmast gesetzt werden.
Am selben Tag finde eine nationale Spendenaktion der Glückskette statt, so Bundespräsident Deiss. Die Kantone rief er auf, das Gleiche zu tun.
Solidarität brauchten die Familien von Touristen, die ihr Leben verloren hätten, aber auch die vielen tausend Frauen und Männern aus den betroffenen Ländern in der Schweiz, die trauerten oder bange Stunden des Wartens und der Hoffnung durchlebten.
Die Schweizer Spenden für die Betroffenen der Flutkatastrophen haben am Donnerstag einen zweistelligen Millionenbetrag erreicht. Allein bei der Glückskette wurden bereits 11 Mio. Franken einbezahlt. Terre des Hommes stellte 3 Mio. Franken bereit.
swissinfo und Agenturen
Die Hotline des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), die Verwandten von Südostasien-Reisenden Auskunft gibt:
+41 31 325 33 33.
Das Sammelkonto der «Glückskette» lautet: 10-15000-6 (Vermerk «Seebeben Asien»).
Die Schweizer Regierung gab weitere 25 Mio. Franken für die Flutopfer frei.
Am Sonntag sprach sie bereits 1 Mio. Franken.
Langfristig will sich das Land für den Wiederaufbau in den Katastrophen-Gebieten einsetzen.
Der 5. Januar ist zum nationalen Solidaritätstag erklärt worden.
Am selben Tag findet in Bern ein Gedenk-Gottesdienst statt.
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