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Kopf oder Zahl – du hast die Wahl

Der Kampf um die Sitzverteilung im neuen Parlament sorgt in der Schweiz für einen heissen Herbst. Eine Kampagne will Junge an die Urne bringen, die bisher nicht gewählt haben.

«Nur wer sich beteiligt, entscheidet mit», ist das Motto des Vereins «21. Oktober – besser wählen».

Die eidgenössischen Wahlen soll nicht der Zufall entscheiden: «Wer keine Meinung hat, lebt nur ein halbes Leben. Wer bei Wahl nur Qual verspürt, kann einem Leid tun. Wer alles den anderen überlässt, ist feige. Denn nur wer sich beteiligt, entscheidet mit. Auch bei den National- und Ständeratswahlen vom 21. Oktober 2007. Mach mit!»

So steht’s auf der Website des Vereins «21. Oktober – besser wählen». Die Kampagnen-Bewegung ruft Jugendliche und junge Erwachsene mit gezielten Aktionen auf, sich über die Wahlen zu informieren und auch an die Urne zu gehen.

Politikverdrossenheit auflockern

In der Schweiz gilt die Wahlberechtigung ab 18 Jahren. Bei den eidgenössischen Wahlen 2003 gingen 33% aller Wahlberechtigten unter 25 Jahren an die Urne. Dieser Anteil liegt deutlich unter der durchschnittlichen Beteiligung über alle Altersgruppen hinweg, die sich auf 45,2% belief.

Dass sich vor vier Jahren nur gerade ein Drittel aller jungen Wahlberechtigten an den eidgenössischen Wahlen beteiligten, ist für den Verein «21. Oktober – besser wählen» zu wenig. Deshalb wendet sich die landesweite Kampagne des Netzwerks junger, engagierter Leute an die 18-25-Jährigen.

Zielgruppe Internet

«Unsere Kampagne spielt sich hauptsächlich übers Internet ab. Dort können wir unsere Zielgruppe abholen», sagt Lorenz Keller gegenüber swissinfo. Er ist Co- Verantwortlicher und Mitinitiant der Kampagne. Aber auch zahlreiche Aktionen auf der Strasse, an Partys und Schulen sollen den Wahlherbst auflockern und das junge Zielpublikum auf lustvolle Art und Weise an die Politik heran führen.

Hoffnung auf höhere Beteiligung

Ob an den Parlamentswahlen vom 21. Oktober mehr Junge unter 25 Jahren wählen gehen als vor vier Jahren, ist schwer voraussehbar. Keller betont jedoch, laut Umfragen würden nach dem sehr heftigen Wahlkampf diesmal mehr Leute an die Urnen gehen.

«Ich hoffe, dass es nicht nur bei der älteren Bevölkerung so ist, sondern auch die Jungen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen», so Keller. «Und wir hoffen auch, dass wir mit unserer Kampagne einen Teil dazu beitragen können.»

10’000 Fünfräppler

Zu Beginn dieser Woche fand an zahlreichen Fachhochschulen und Universitäten in den Städten Basel, Bern, Chur, Freiburg, Liestal, Luzern, St. Gallen, Schaffhausen, Winterthur und Zürich eine Grossaktion statt.

Die Kampagnen-Bewegung verteilte 10’000 auf Stickers geklebte Fünfrappen-Münzen mit dem Slogan «Kopf oder Zahl, überlass die Wahl am 21. Oktober nicht dem Zufall» an Studierende.

Für Keller war die Aktion ein Erfolg: «Einerseits wurden wir von den Medien ein bisschen wahrgenommen, andererseits haben wir dank den 10’000 Münzen 10’000 Einzelkontakte herstellen und diese so auf unsere Kampagne aufmerksam machen können.»

Symbolisch stünden die Münzen dafür, dass die Wahl eben nicht dem Zufall überlassen werden soll.

Mit fünf Rappen könne heutzutage kaum mehr etwas gekauft werden. Wer sich allerdings an der politischen Diskussion beteiligen wolle, brauche lediglich eine eigene Meinung und politische Mitsprache – beides sei gratis erhältlich.

Wahlbeteiligung wichtiger als parteipolitische Farbe

Der Verein «21. Oktober – besser wählen» bezeichnet sich als politisch unabhängig. «Wir sind für das Wählen allgemein, für das Recht mitzumachen», sagt Keller. «Wir geben aber keine Wahlempfehlung ab für Kandidaten oder Parteien.

Natürlich gebe es Leute beim Verein, die parteipolitisch Farbe bekennen würden. «Die politischen Hintergründe der Macher gehen weit auseinander. Wenn es aber um die Wahlkampagne geht, verhält sich jeder von uns parteineutral, auf der Strasse, im Internet.»

Aggressive Kampagnen kein Mittel gegen Politikverdrossenheit

Lorenz Keller betont, dass es zu Beginn der Kampagne «21. Oktober – besser wählen» schwierig gewesen sei, junge Frauen zu mobilisieren. Mittlerweile sei dies aber kein Problem mehr.

«In der Lokalgruppe Luzern sind praktisch ausschliesslich Frauen, und im erweiterten Koordinationsteam aus 15 bis 20 Leuten sind wir mehr oder weniger gleich viele Männer und Frauen.»

Von aggressiven Wahlkampagnen, wie sie etwa die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) führt, hält Keller nicht viel.

«Ich glaube, dass mit einer aggressiven Kampagne zwar eigene, bereits bestehende Wähler gut mobilisiert werden können. Aber es ist sicher kein guter Zugang für Politverdrossene oder Nichtinteressierte, wenn man laut schreit, wenn man Behauptungen in den Raum stellt und wenn im Wahlkampf jede Partei behauptet, Recht zu haben.»

swissinfo, Jean-Michel Berthoud

«21. Oktober – besser wählen» ist eine Kampagnen-Bewegung, die Junge und Politikverdrossene für die Politik begeistern und an den nationalen Wahlen vom 21. Otkober 2007 an die Urne bringen will.

Sie ist ein politisch unabhängiger Verein mit Sitz in Zürich, der von einem Netzwerk junger Menschen mit politischem Hintergrund getragen wird.

Neben einem Koordinationsteam tragen zahlreiche Lokalgruppen die Kampagne aktiv mit.

Gemäss Artikel 136 der Bundesverfassung sind alle Schweizerinnen und Schweizer ab dem 18. Altersjahr stimm- und wahlberechtigt.

Am 6. Mai 2007 erlaubte die Landsgemeinde in Glarus den 16- und 17-Jährigen das aktive Stimm- und Wahlrecht. Am 12. Juni 2007 hat in Bern der Grossrat zur Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre Ja gesagt. 2008 wird das Stimmvolk entscheiden.

Geschichtlich gesehen galt lange Zeit das Stimm- und Wahlrecht erst ab 21 Jahren. Im 20. Jahrhundert wurde in zahlreichen Ländern das Alter auf 18 Jahre reduziert.

Während der Jahrtausendwende kam die Frage einer weiteren Reduktion auf. Einige Bundesländer in Deutschland senkten das Alter für Gemeindeabstimmungen auf 16 Jahre. Den Anfang hatte 1995 Niedersachsen gemacht.

Auch in Österreich senkten einige Bundesländer nach dem Jahr 2000 das Alter für Gemeindeabstimmungen auf 16. Anfang Juni 2007 hat Österreich als erstes und bisher einziges europäisches Land das Alter für das aktive Wahlrecht für alle Belange auf 16 Jahre gesenkt.

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