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Wie der Bund die Impfskeptiker überzeugen will

Immer wieder kommt es in der Schweiz zu Protesten gegen die Corona-Massnahmen. Keystone / Urs Flueeler

Bald stehen die Impfstoffe gegen Covid-19 bereit. Doch wollen sich die Menschen überhaupt impfen lassen? Zumindest in der Schweiz müssen die Behörden noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

Dieser Inhalt wurde am 02. Dezember 2020 - 08:38 publiziert

Die Schweiz befindet sich noch fest im Griff der zweiten Covid-19-Welle. Die Ansteckungszahlen sind mittlerweile zwar rückläufig, der erfreuliche Trend scheint aber zu stagnieren. Gleichzeitig überschlagen sich die Meldungen über Erfolge bei der Herstellung von Impfstoffen. Doch werden sich die Schweizer impfen lassen? Im Auftrag der SRG, zu der auch swissinfo.ch gehört, führte die Forschungsstelle Sotomo im Oktober und November eine landesweite Umfrage durch.

Die Befragung von 40'000 Personen bestätigte Trends aus früheren Untersuchungen: Die Schweizer sind skeptisch. Nur etwas mehr als ein Viertel der Befragten (28%) beantwortete die Frage nach der Impfbereitschaft mit einem Ja. Fast die Hälfte (47%) zeigte sich zögerlich und erklärte, sie würde sich nur dann impfen lassen, wenn es keine Nebenwirkungen gäbe, oder sie würde fürs erste "abwarten und beobachten".

International gehört die Schweiz zu den Staaten, in denen das Vertrauen in Impfstoffe gering ist. Die Covid-19-Pandemie, welche viele ungesicherte Informationen und Kommunikationspannen mit sich brachte, hat hierbei kaum geholfen.

Schweizer Impfskepsis im weltweiten Vergleich

Laut einer gross angelegten Studie, welche das Vertrauen in Impfstoffe in 149 Ländern untersuchte, sind die Schweizer in den letzten Jahren gegenüber Impfstoffen zögerlicher geworden. Der Anteil der Menschen, die Impfstoffe für wichtig halten, ist zwischen 2015 und 2019 zurückgegangen (von 65% auf 53%). Es glauben auch weniger Menschen, dass sie wirksam sind (von 50% im Jahr 2015 auf 45% im Jahr 2019). Nur das Vertrauen in die Sicherheit von Impfstoffen nahm in diesem Zeitraum zu (von 30% auf 33%).

Die Studie, welche im vergangenen September in The Lancet veröffentlicht wurde, stützt sich zum Teil auch auf Untersuchungen des Wellcome Trust aus dem Jahr 2018. Dort rangiert die Schweiz in Bezug auf die Impfstoffskepsis unter den ersten fünf Ländern weltweit. Gemäss den Erhebungen waren 22% der Schweizer nicht überzeugt, dass Impfstoffe sicher sind, es ist nach Frankreich der höchste Wert in ganz Europa. Und 9% zeigten sich skeptisch, was die Bedeutung des Impfens für Kinder betrifft.

Auch das Weltwirtschaftsforum WEF gab eine Untersuchung in Auftrag. Gemäss der Umfrage, die vergangenen Sommer in 27 Ländern durchgeführt wurde, sagten insgesamt drei Viertel der befragten Erwachsenen, dass sie sich impfen lassen würden, wenn ein Impfstoff gegen das Coronavirus verfügbar wäre. In Frankreich lag die Quote bei 59% und in Deutschland bei 67%. Die Schweiz wurde in der WEF-Umfrage nicht berücksichtigt. Doch die Umfrage der SRG vom Oktober und November wollte dasselbe von den Schweizerinnen und Schweizern wissen. Hierzulande lagen die Zahlen deutlich tiefer: Nur 16% der Befragten sagten, dass sie sich sofort impfen lassen würden.

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Die Einführung eines wirksamen Impfstoffs ist aber noch Monate entfernt. Den Behörden bleibt also noch genügend Zeit, die Schweizer mit wirksamen Kampagnen zu überzeugen. Sie hoffen, vor allem in den sozialen Medien einen Unterschied machen zu können.

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Boom der Impfgegner

Auf Facebook und Twitter haben die Impfgegner leichtes Spiel. Wie das englische Center for Countering Digital Hate (CCDH) in einer Studie feststellte, werden in den sozialen Medien viele irreführende Berichte übers Impfen gepostet und geteilt. Gemäss dem CCDH existieren rund 400 Accounts mit 58 Millionen Followern, welche falsche oder irreführenden Behauptungen über Impfstoffe verbreiten. "Covid-19 lässt die Impfgegnerschaft boomen", heisst es in der Analyse. Viele der Accounts hätten im Jahr 2020 einen Follower-Zuwachs von rund 20 Prozent verzeichnet.

Für Pascal Wagner-Egger, Sozialpsychologe an der Universität Freiburg, ist das wenig überraschend. "Wir wissen, dass in Zeiten der Angst unbestätigte Gerüchte und Verdächtigungen zunehmen", sagt er. Eine Pandemie, die Monate, wenn nicht gar Jahre andauert, sei Nährboden und Multiplikator zugleich für alle Arten von Falschmeldungen und Fehlinformationen.

Experten werten die jüngsten Bestrebungen um eine Volksinitiative "Stopp Impfpflicht" als Zeichen dafür, dass die Impfgegnerschaft die Pandemie nutzt, um ihre politische Agenda voranzutreiben. Kritiker bezeichnen den Vorstoss als Panikmache. Gegenwärtig gibt es keine Impfplicht, und eine solche ist auch nicht geplant.

Doch Impfskepsis ist in der Schweiz kein neues Phänomen, wie Historiker Laurent Henri-Vignaud in einem Interview im Schweizer Radio RTS hervorhob. 1882 kam das Impfobligatorium im Rahmen des Epidemiengesetzes zur eidgenössischen Volksabstimmung und wurde mit fast 80% verworfen. 1883 setzten Impfgegner die Aufhebung des Impfzwangs in allen Kantonen durch.

"Die Debatte in der Schweiz wird demokratisch geführt, aber es existieren Widersprüche in der Impfpolitik", sagte Henri-Vignaud. Das geltende Epidemiengesetz erlaubt den Behörden grundsätzlich, einen Impfstoff für bestimmte Risikogruppen vorzuschreiben, zum Beispiel Pflegepersonal, doch nur, wenn es keine anderen Optionen gibt, die Seuche unter Kontrolle zu bringen.

Während weltweit diskutiert wird, wie eine breite Durchimpfung der Bevölkerung erreicht werden kann, sind Impfskeptiker in der Schweiz alarmiert: Gerüchte über Szenarien, wonach nur Personen mit einem Impfnachweis ins Ausland reisen dürfen, rufen viele auf den Plan.

"Diese Intensität der Gegnerschaft ist neu und haben wir so bei den Masern- und HPV-Kampagnen nicht erlebt", sagt Mark Witschi, Leiter der Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). "Doch das Problem ist dasselbe: Die Meinung wird mit religiösem Eifer vertreten."

"Wie Verschwörungstheoretiker neigen Impfgegner dazu, der Regierung und der Wissenschaft zu misstrauen", sagt auch Sozialpsychologe Wagner-Egger. Er hat sich im Rahmen seiner Arbeit zu Verschwörungstheorien in den sozialen Medien mit Impfgegnern auseinandergesetzt.

Sie würden nicht dem wissenschaftlichen Konsens glauben, sondern sich an Aussagen vereinzelter Experten festklammern. "Sie suchen nach Informationen, die ihre Überzeugungen bestätigen." In der Fachsprache wird das Confirmation Bias genannt.

"Impfen ist ein komplexes Thema, aber die Leute vereinfachen und sagen, es sei gefährlich oder Bill Gates wolle uns vergiften", so Wagner-Egger.

Auf die Unentschlossenen zugehen

Witschi vom BAG schätzt, dass 3 bis 5% der Schweizer Bevölkerung entschieden gegen Impfungen sind, eine Schätzung, die auch in Bezug auf das Corona-Vakzin zutreffen könnte. Sowohl er als auch Wagner-Egger sind der Ansicht, dass diese Menschen ihre Meinung nicht ändern werden.

Diese Hardcore-Skeptiker haben dasselbe Ziel wie die Gesundheitsbehörden: Die Unentschlossenen überzeugen, also all jene Personen, die sich über die Bedeutung, Sicherheit oder Wirksamkeit von Impfstoffen nicht im Klaren sind.

Dass hierbei die sozialen Medien eine grosse Rolle spielen, zeigte jüngst auch eine Studie, die im renommierten Fachmagazin "Nature" publiziert wurde: Wissenschaftler fanden heraus, dass auf Facebook Cluster von 50 Millionen "Unentschlossenen" stark mit Clustern von Impfgegnern verstrickt waren.

Menschen, darunter auch Leserinnen und Leser von swissinfo.ch, äussern online eine Vielzahl von Bedenken über einen zukünftigen Covid-19-Impfstoff: Wie gross werden die Nebenwirkungen sein? Und kann man Pharmaunternehmen und Regierungen überhaupt glauben, wenn sie behaupten, der Impfstoff sei sicher? Die Dringlichkeit, mit der versucht wird, die Covid-19-Pandemie in den Griff zu bekommen, hat die Suche nach einem Impfstoff stark beschleunigt. "Das nährt die Skepsis. Impfgegner glauben, das sei ihre Chance, die Menschen auf ihre Seite zu ziehen", sagt Witschi.

Er betont aber, dass Swissmedic, die Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, mit internationalen Partnern zusammenarbeite, um sicherzustellen, dass jeder zukünftige Covid-Impfstoff sicher sei.

"Der einzige Weg nach vorne ist, die Unentschiedenen richtig zu informieren, so dass sie sich eine fundierte Meinung bilden können." Da in der SRG-Umfrage nur 16 Prozent sagten, sie würden den Impfstoff sofort nehmen, liegt noch viel Arbeit vor dem BAG.

Momentan sieht der Bund vor, so viele Impfstoffe zu sichern, dass 60 Prozent der Bevölkerung geimpft werden könnten. Die Zuständigen denken, dass dies ausreichen sollte, um das Virus einzudämmen. Inwiefern das stimmt, wird sich erst zeigen, wenn die Impfungen angelaufen sind und die Behörden die Auswirkungen abschätzen können.

Gemäss Witschi könnte die öffentliche Informationskampagne beginnen, sobald ein Impfstoff von Swissmedic zugelassen wird. Das könnte nach Einschätzung des stellvertretenden Direktors im ersten Quartal 2021 der Fall sein. Wichtig sei jetzt, die Gründe für den Verzicht auf eine Impfung zu verstehen und sich damit auseinanderzusetzen, so der BAG-Experte.

"Es ist wichtig, Vertrauen in das System aufzubauen und zu erklären, wie Impfstoffe hergestellt, getestet, zugelassen und überwacht werden. So können wir zeigen, dass wir wissen, was Sache ist und auch verstehen, womit die Menschen Mühe haben."

Transparenz ist wichtig

L. Suzanne Suggs, eine Professorin für Sozialmarketing an der Università della Svizzera Italiana in Lugano, stimmt dieser Einschätzung zu. Ein transparenter Dialog sei wichtig: Die Menschen wollen, dass die Behörden ehrlich über alle Probleme im Zusammenhang mit dem Vakzin sprechen.

Ein gross angelegtes Impfprogramm wird sich über Monate erstrecken, was bedeutet, dass das Virus nicht über Nacht verschwinden wird. Es wird auch verschiedene Impfstoffe mit unterschiedlicher Wirksamkeit (und unterschiedlichen Nebenwirkungen) geben, die sich jeweils an andere Altersgruppen richten.

"Die Skepsis wächst mit jedem Facebook-Post über irgendwelche Nebenwirkungen", sagt Witschi. "Und wenn die ersten Nachbarländer vor uns mit dem Impfen beginnen, werden sich diese Meldungen noch häufen."

Impfgegner haben eine lange Geschichte

Impfgegner blicken auf eine lange Tradition zurück. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte der englische Arzt Edward Jenner einen Impfstoff gegen die Pocken, der innerhalb eines Jahrzehnts weltweit eingesetzt wurde. Doch der Widerstand kam "schnell und war brutal", wie die BBC beobachtete. Als die britische Regierung das Vakzin zur Pflicht machte, wehrten sich grosse Teile der Bevölkerung gegen "die Einmischung in das Privatleben der Menschen". Viele befürchteten auch schlimme Nebenwirkungen. Die Impfgegner formierten sich, soziale und politische Unruhen waren die Folge.

Auch in der Schweiz gab es teils heftige Ablehnung gegen Impfstoffe. 1882 kam das Impfobligatorium im Rahmen des Epidemiengesetzes zur eidgenössischen Volksabstimmung. Es wurde mit fast 80% verworfen. Die Kampagne war von einer "selten gesehenen Gewalt" geprägt, schrieb der Historiker Olivier Meuwly, wobei "Schockbilder" von leidenden Kindern in Umlauf gebracht wurden, um so Behauptungen zu unterstützen, dass der Impfstoff nicht sicher sei. In jüngerer Zeit waren die Masern Gegenstand einer heftigen Impfgegnerschaft. In der Schweiz kam es zu mehreren Ausbrüchen, trotz Plänen der Regierung zur Ausrottung der Krankheit.

Im Rahmen einer Strategie 2011-2015, welche die Anstrengungen des Bundes, der Kantone und der Partner aus Medizin und Bildung bündelte, gelang es, die Durchimpfungsrate bei jungen Erwachsenen und Kindern zu erhöhen. Dennoch gab es 2019 in Europa die höchste Zahl von Masernfällen seit einem Jahrzehnt. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist das teilweise darauf zurückzuführen, dass viele Eltern sich weigern, ihre Kinder impfen zu lassen.

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Suggs, die bei ihrer Forschung auf die öffentliche Wahrnehmung des Impfens fokussiert, sagt, dass die richtige Politik entscheidend sei. "Wenn die Impfstoffe von der Krankenversicherung oder der Regierung bezahlt werden und leicht zugänglich sind, ist das eine klare Botschaft an die Bevölkerung, die sagt: Impfstoffe sind wichtig." Das erhöhe traditionell die Akzeptanz.

Auch fehlendes Geschichtsbewusstsein könne ein Problem sein, sagt Sozialpsychologe Wagner-Egger. Er weist darauf hin, dass viele Menschen in wohlhabenden Ländern kaum etwas über die Seuchen in vergangenen Zeiten wüssten. Viele würden schlicht nicht glauben, dass Impfungen so wichtig seien. "Ein wirksames Mittel könnte deshalb sein, der Bevölkerung altes Filmmaterial zu zeigen, etwa über die verheerenden Folgen der Kinderlähmung und wie diese durch Impfungen ausgerottet wurde."

Witschi erklärt, "dass die Bereitschaft der Menschen, sich impfen zu lassen, gross ist, wenn sie das Risiko einer Nichtimpfung als gross wahrnehmen." Momentan sei die Pandemie allgegenwärtig, so dass viele Menschen eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema zeigten. "Jeder ist täglich so stark mit Meldungen zum Virus konfrontiert, dass viele die Gefahren und möglichen Folgen verdrängt haben."

Doch er denkt, dass die Bevölkerung mit der richtigen Informationspolitik überzeugt werden kann. "Die Botschaft muss klar sein: Je mehr Menschen geimpft werden, desto weniger Übertragungen haben wir, desto weniger Tests müssen durchgeführt werden und desto mehr entspannt sich die Situation in den Krankenhäusern."

(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)

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