Gedächtnislücke bei Prudentino
Am Mittwoch (20.06.) kamen beim Prozess gegen den ehemaligen Tessiner Strafgerichtspräsidenten Franco Verda der mutmassliche Mafia-Boss Francesco Prudentino und Verdas Ärzte zu Wort.
Verdas Verteidigung berief am Nachmittag zwei Psychiater in den Zeugenstand. Für einiges Erstaunen sorgte bei Richterin Giovanna Roggero-Will die Theorie eines Mailänder Psychiaters, wonach die Krebserkrankung des Angeklagten zwar sein Privatleben, nicht aber seine Arbeit als Richter am Strafgericht beeinflusst haben soll.
Verda war im Oktober 1998 wegen Krebs operiert worden, im Mai 1999 manifestierte sich die Krankheit erneut. In dieser Zeit soll der mutmassliche Zigarettenschmuggler Gerardo Cuomo vermehrt den Kontakt zum ehemaligen Richter gesucht haben, um sich dessen Vertrauen zu erschleichen, sagt Verdas Anwalt.
Prudentino erinnerte sich an nichts
Am Morgen war unter grössten Sicherheitsvorkehrungen der mutmassliche Boss des internationalen Zigaretten- und Drogenschmuggels, Francesco Prudentino, vor dem Strafgericht Lugano erschienen. Er sitzt in Triest in Haft und wurde mit dem Helikopter eingeflogen.
«Was Cuomo sagte, ging bei mir in einem Ohr rein und im anderen wieder raus», erklärte Prudentino. Mit diesen Worten bestritt er, den angeklagten Verda bestochen zu haben.
Verda hatte sich in seiner Funktion als Richter um die Freigabe von Prudentinos beschlagnahmtem Vermögen kümmern müssen. Cuomo teilte seinem Geschäftspartner Prudentino telefonisch mit, dass er sein Geld zurück bekomme, falls er bereit sei, Richter Verda 800’000 Franken zukommen zu lassen. Die Polizei hörte dieses Gespräch mit.
Wie glaubwürdig ist Cuomo?
Erst als ihm die Tonbandaufnahmen vorgespielt wurden, mochte sich Prudentino an das Gespräch erinnern. Er sei allerdings nie auf Cuomos Vorschlag eingegangen: «Weshalb hätte ich mit Cuomo einen Deal machen sollen, wenn meine Anwälte mit den Behörden verhandelten?», sagte Prudentino. «Ich hörte nur auf meine Anwälte.»
Verdas Verteidiger wertet Prudentinos Aussage als Beweis für die Unglaubwürdigkeit von Cuomos Anschuldigungen. Er stützt seine These auch auf eine Aussage Cuomos, wonach er stets einen Mittelsmann anrufen musste, um mit Prudentino sprechen zu können. Prudentino hingegen versicherte, er sei stets in direktem Kontakt mit Cuomo gestanden.
Das Urteil wird auf Montag erwartet
Am Donnerstag wird Sonderstaatsanwalt Luciano Giudici die Anklage vortragen. Danach haben die Anwälte das Wort. Ein Urteil wird spätestens am kommenden Montag erwartet.
swissinfo und Agenturen
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