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Im Cockpit des Jets – im Dienste des Mitmenschen

Retten fliegend Menschenleben: Die Rega-Pilotinnen Nadine Flückiger und Melanie Steinmann. swissinfo.ch

Im letzten Jahr flog die Rega 1304 Verletzte und Kranke heim in die Schweiz. Unter anderem mit Rettungs-Jets, die auch von den beiden Pilotinnen Melanie Steinmann und Nadine Flückiger geflogen werden.

Im Cockpit des Repatriierungsjets der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) sitzen oft die beiden Pilotinnen Melanie Steinmann (30) und Nadine Flückiger (28) an den Steuerinstrumenten. In den je 600 Flugstunden, die sie bisher für die Rega geleistet haben, waren sie auch mit schweren Schicksalen konfrontiert.

swissinfo.ch triff die beiden jungen Pilotinnen im Rega-Hangar des Flughafens Zürich Kloten. Melanie erinnert sich gut an die Repatriierung einer Familie, die Urlaub im Ausland machte. «Sie spazierten am Strand, als der Vater plötzlich von einer Welle mitgerissen wurde. Die Frau und die zwei Kinder mussten alles machtlos ansehen. Er überlebte, jedoch bestand der Verdacht auf Querschnittslähmung», erzählt sie.

Als der Verunfallte ins Ambulanzflugzeug gebracht worden sei, hätten die Kinder nicht begriffen, warum er sich nicht mehr bewegen konnte. Die Frau sei hin und her gerissen gewesen zwischen dem Anspruch, in diesem Moment zu funktionieren und der Angst über das mögliche Schicksal ihres Mannes als Tetraplegiker, schildert Melanie Steinmann.

«Sobald der Patient eine Geschichte mit sich bringt, ist man betroffen», sagt sie. Nadine Flückiger ihrerseits ist immer aufgerüttelt, wenn die Patienten jung sind. «Dann ist man vorsichtiger mit dem eigenen Leben.»

Keine Angst

Vorsichtig sein und gleichzeitig einen Risikoberuf ausüben? «Die Computer können versagen. In diesem Fall greifen wir als Piloten ein und können so trotzdem noch fliegen. Zu einem Absturz kommt es erst, wenn sich eine Verkettung von Fehlern ergibt», sagt Nadine.

«Unsere Flugzeuge sind sehr gut gebaut, deswegen habe ich keine Bedenken», erzählt die Pilotin. Sie ist auch in ihrer Freizeit in der Luft, als Segelfliegerin.

Technik-Freaks

Die Technik bereitet Nadine keine Kopfschmerzen. Dieses Fach habe sie immer interessiert. Wenn sie nicht fliegen könnte, hätte sie sonst etwas im Bereich der Mechanik gemacht. Schon als Kind ging sie mit ihrem Vater an Flugshows. An ihrem 14. Geburtstag schenkte er ihr einen Segelflug. «Das hat mich gepackt. Ich bestand die Segelflugprüfung vor der Autoprüfung.»

Die Pilotenausbildung absolvierte sie bei der Crossair in Basel. «Als ich fertig war, kam das Grounding. Ich musste warten, bis ich die Chance zu fliegen bei Farnair erhielt, denn es gab damals sehr viele Piloten, aber keine Jobs.»

In Turbulenzen

Melanie, die nebenbei auch Helikopter fliegt, ist ebenso von der Technik begeistert. «Einen Jet zu beherrschen, ist eine schöne Herausforderung», sagt sie, die in ihrem Beruf kein Risiko sieht. «Die Aviatik ist heutzutage so sicher wie noch nie».

Sie lässt sich auch von Turbulenzen nicht aus der Ruhe bringen. «Vor dem Flug analysieren wir die meteorologische Karte. So wissen wir genau, wann und in welcher Höhe Turbulenzen auftreten.»

Für die beiden jungen Frauen hat ihr Beruf keine Schattenseite. Ausser vielleicht, dass sich das Privatleben nicht so einfach planen lässt. Ob ihr Beruf sich mit der Gründung einer Familie vereinbaren lässt? «Das kommt sehr auf den Mann an», lacht Nadine.

Andere Länder, andere Sitten

Seit ihrer Anstellung bei der Rega im Januar 2008 ist Melanie unter anderem schon nach Argentinien und Thailand geflogen. Bei entfernten Destinationen, wo man rund 7.5 Stunden am Stück fliegt, ist eine bestimmte Ruhezeit vorgeschrieben. Da besteht manchmal die Möglichkeit, etwas über das Land zu erfahren. Dieser kulturelle Austausch macht ihren Beruf noch interessanter.

«Da die Rega auch Auftragsflüge erhält, fliegen wir auch ausländische Patienten. Einmal transportierten wir einen Mann aus einem arabischen Land. Die Frau, die ihn begleitete, war verhüllt und hat uns in der Luft nicht gross beachtet. An der Destination angekommen, lud sie uns ein und behandelte uns wie Königinnen», erzählt Melanie.

Dieses Beispiel zeige, dass hinter rätselhaft erscheinenden Verhaltensmustern auch viel Herzlichkeit stecken könne.

Melanie war als 17-Jährige ein Jahr lang in Honduras. «Ich besuchte die Schule und wohnte bei einer tollen Familie, zu der ich immer noch Kontakt habe. Ich habe gute Erfahrungen gemacht, die mir noch heute nützen». Sie spricht fliessend Englisch, Französisch und Spanisch.

Schweiz positiv konnotiert

Jeder Einsatz der Rega hinterlässt Spuren. Melanie findet: «Wir werden mit Alpen, Kühen, Käse, Schokolade und Banken in Verbindung gebracht». An diesem Bild möchte sie nicht viel ändern, will jedoch noch einige Aspekte hinzufügen. «Wir Schweizer sind unterdessen ein sehr multikulturelles, modernes und offenes Volk geworden.»

Das Thema der Frauen, die in Männerdomänen vordringen, finden die Pilotinnen überflüssig. «In der Ausbildung ich war die einzige Frau unter 22 Männern. Ich bekam etwas mehr Aufmerksamkeit. Es ist ein zusätzlicher Ansporn, immer bei den Besten zu sein», so Melanie.

Die Pilotinnen, die sich mit viel Sport fit halten, lieben ihren Beruf, auch weil er so abwechslungsreich ist. «Ich könnte nicht den ganzen Tag in einem Büro arbeiten. Bei uns ist jeder Tag anders, man hat eine andere Crew, verschiedene Destinationen und wunderschöne Sonnenuntergänge. Und nicht zuletzt fliegen wir bei der Rega immer für einen guten Zweck», sagt Nadine.

Wird sie nach ihrem Beruf gefragt , antwortet sie, sie sei in der Fliegerei tätig. Der Gesprächspartner nimmt dann meistens an, sie sei Flight-Attendant. «Ja, ein bisschen weiter vorne», lautet dann ihre Anwort.

Rosa Amelia Fierro, swissinfo.ch

Gegründet 1952 als Zweig Flugrettung der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft.

Ab 1960 eigenständiger Verein.

1979: Gründung der Stiftung Rega.

Der Name Rega wurde aus den Bezeichnungen Rettungsflugwacht/Garde aérienne/Guardia aérea abgeleitet.

Die finanzielle Basis der Rega legen die über zwei Millionen Gönnerinnen und Gönnern mit ihrem Jahresbeitrag.

Die Rega arbeitet mit staatlichen und privaten Rettungsorganisationen zusammen. Freie Kapazitäten werden in- und ausländischen Versicherungen angeboten, jedoch ausschliesslich in medizinischen Notfällen.

Zur Flotte der Rega gehören drei Ambulanzjets und 13 Rettungshelikopter.

Die Rega-Helfer zählen 300 Spezialistinnen und Spezialisten, darunter 23 Piloten und zwei Pilotinnen.

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