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Fernwärme in der Schweiz: grosses Potenzial, aber erhebliche finanzielle Hindernisse

Rohrleitungen
Fernwärmeleitungen in einem Wohnhaus in Zürich. Keystone / Gaetan Bally

Wer auf Fernwärme statt auf eine Öl- oder Gasheizung setzt, hilft, den CO2-Ausstoss zu senken, da die Fernwärmeanbieter zunehmend auf erneuerbare Energien setzen. In vielen Städten werden die Netze ausgebaut, doch verschiedentlich werden Projekte auch abgebrochen.

Heizen mit Wärme aus dem Bodensee – das war die Idee für ein Fernwärmeprojekt in Romanshorn. Doch die Abklärungen ergaben, dass das Projekt nicht rentabel betrieben werden könnte, sodass es im Dezember eingestellt wurde. Auch anderswo werden Fernwärme-Projekte nicht umgesetzt: In Rapperswil-Jona zum Beispiel, wo man die Abwärme aus der Kehrichtverbrennung von Hinwil ZH nutzen wollte, um 20 Prozent des Wärmebedarfs von Rapperswil abzudecken.

«Wir haben das fundiert abgeklärt und sind zum Schluss gekommen, dass die Risiken und Unwägbarkeiten zu gross gewesen wären», sagt die Stadtpräsidentin von Rapperswil-Jona, Barbara Dillier, gegenüber SRF. 115 Millionen Franken hätte das Projekt gekostet, das der Versorger Energie Zürichsee Linth EZL umsetzen wollte. «Aber die Finanzierbarkeit war nicht gegeben», bedauert Dillier.

Martin Roth, Verwaltungsratspräsident der EZL, sagt, das Projekt über mehrere Jahrzehnte mit genügend Kundschaft abzusichern, sei praktisch unmöglich gewesen. 

«Im Verhältnis der möglichen Rendite waren die Risiken letztlich einfach für das Unternehmen EZL zu gross. Es handelt sich um eine sehr lange Amortisationsdauer, 40 bis 50 Jahre. Und wenn sich etwas nicht so entwickelt wie erwartet, kann das eben für eine Firma wie die EZL dann Untergang bedeuten. Im schlimmsten Fall.»

Finanzielle und technische Hindernisse

Stefan Silat ist Fernwärmetechniker bei der Firma Thermonetz. Er ist derzeit am Ausbau der Fernwärme in der Stadt Bern beteiligt. Jede Baustelle ist anders, wie er aus Erfahrung weiss. 

Zum Beispiel im städtischen Gebiet, wo Häuser relativ nahe sind und die Gassen eng. Dort müsse man schauen, wie man Rohre verlegen kann.

Anderswo seien es vielleicht vorhandene Leitungen oder Tunnels, die die Techniker und Ingenieure beim Planen und Graben berücksichtigen müssen. Das ist aufwendig und teuer.

Der Stadtberner Energieversorger EWB investiert derzeit fast eine halbe Milliarde Franken, um 9000 zusätzliche Haushalte an sein Fernwärmenetz anzuschliessen. Damit sich dies rechne, müssten genügend Hauseigentümer:innen mitmachen, sagt die EWB-Sprecherin Sabine Krähenbühl. 

Ein Arbeiter verlegt eine Leitung im Boden.
Realisierung eines Fernwärmenetzes in Zürich. Keystone / Gaetan Bally

«Da geht die Post ab»

Finanzielle Risiken, die fehlende technische Machbarkeit oder auch Einsprachen wie etwa in Wil SG können Fernwärme-Projekte ausbremsen. Doch es gebe auch erfolgreiche Fernwärme-Ausbauten, wie kürzlich in Bern am Fernwärme-Forum des Verbands Thermische Netze Schweiz zu hören war.

«Städte wie Zürich oder Basel gehen voran, und auch Genf, Bern oder Lausanne bauen aus. Diese Städte investieren bis 2050 gegen sieben Milliarden Franken in den Ausbau ihrer Fernwärmenetze», sagt Andreas Hurni, Geschäftsführer des Verbands Thermische Netze Schweiz. «Da geht richtig die Post ab. Und auch in vielen kleineren Städten und Dörfern wird zügig ausgebaut.»

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Rechenzentren als Wärmequelle

In der Schweiz gibt es laut Hurni rund 1600 Fernwärme-Netze, die 10% des Schweizer Wärmebedarfs decken. «Bis 2050 könnte die Fernwärme einen Viertel des Wärmebedarfs abdecken.» Neben der Abwärme aus Kehrichtverbrennung und Industrie setzen die Fernwärme-Anbieter zunehmend auf erneuerbare Energiequellen: See- und Flusswasser oder Holzfeuerungen werden genutzt, und neuerdings gerät die Abwärme von Rechenzentren als Wärmequelle ins Blickfeld. Gas als Wärmequelle hingegen verliert an Bedeutung.

Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der weltweit höchsten Anzahl an Rechenzentren pro Kopf. Eine Entwicklung, die die Stromnetze unter Druck setzt, wie Sie in diesem Artikel lesen können:

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Aus der Abhängigkeit von Öl und Gas befreien

In der EU decke Fernwärme 13 Prozent des Wärmebedarfs, und 44 Prozent der Netze würden mit erneuerbarer Energie betrieben, sagte Pauline Lucas vom Verband Euroheat & Power an der Tagung. Weg von Öl und Gas, laute die Devise: «Die Dekarbonisierung der Wärme dient nicht nur den CO₂-Zielen, sondern ist auch eine Frage der Energie-Versorgungssicherheit.»

Zwei Drittel des Gasverbrauchs in der EU dienten zur Herstellung von Wärme und Kälte in Haushalten und Industrie. Aus dieser Abhängigkeit müsse man sich befreien, so Lucas.

Der Verbrauch fossiler Brennstoffe in der Schweiz ist rückläufig, aber mehr als jedes dritte Gebäude wird weiterhin mit Heizöl beheizt, was einer der höchsten Anteile in Europa ist:

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Das Schwedische Beispiel

Und der schwedische Energieexperte Mart Kivikas sagte im Gespräch mit SRF: «Wenn Sie im Winter durch Schweden fahren, sehen Sie kaum rauchende Schornsteine, da sehr viele Häuser an Fernwärmenetze angeschlossen sind.»

Seit langer Zeit schon werde die Abwärme aus der Industrie und aus Kehrichtverbrennungen fürs Heizen genutzt. In Stockholm seien 90 Prozent der Mehrfamilienhäuser an die Fernwärme angeschlossen. «Das funktioniert auch deshalb, weil die Städte die Investitionen in die Netze finanzieren und die Tarife so gestalten, dass sie günstiger sind als das Heizen mit Öl, Gas oder Kohle.»

Bei der Fernwärme wird die Wärme nicht in den einzelnen Gebäuden erzeugt, sondern in grossen Heizkraftwerken, die erneuerbare Energien (wie Holz oder Geothermie) oder fossile Brennstoffe nutzen. Von diesen Kraftwerken aus verteilt ein Leitungsnetz die Wärme an die angeschlossenen Gebäude.

Es ist auch möglich, die Restwärme von Kehrichtverbrennungsanlagen, Industriebetrieben oder Rechenzentren zurückzugewinnen. Auch das Wasser von Seen kann als Wärmequelle genutzt werden, wie dies beispielsweise in Genf der Fall ist.

Der OriginalbeitragExterner Link wurde am 7. Februar 2026 auf srf.ch veröffentlicht.

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