Schweizer Jugendliche kennen kaum mehr ein Leben ohne KI-Chatbots
Von Lernhilfen bis hin zu emotionaler Unterstützung – KI-Chatbots werden für viele junge Menschen in der Schweiz zu ständigen Begleitern. Das lässt Bedenken hinsichtlich der Aufmerksamkeitsfähigkeit, der Einsamkeit und der Abhängigkeit aufkommen.
Adam* ist 17 und kann sich nicht mehr daran erinnern, wie das Lernen vor ChatGPT war.
Wenn eine Prüfung ansteht, zieht er sich ein paar Tage vor dem Termin in sein Zimmer in einer Kleinstadt im Kanton Schwyz zurück. Dann bittet er den Chatbot, Seiten mit Lernstoff zusammenzufassen, sowie Fragen und Antworten vorzubereiten.
Drei Tage pro Woche arbeitet der Lehrling bei einem Softwareentwicklungs-Unternehmen in Zürich. Dort arbeitet er ständig mit KI-Tools. Manchmal nutzt er sie den ganzen Tag lang, um Aufgaben zu planen, Daten zusammenzufassen oder Programmiervorschläge zu erhalten.
In seinem Privatleben nutzt er Chatbots als «sehr intelligente Freunde» und bittet sie um Rat zu Ernährung, Fitness und anderen praktischen Aspekten des Alltags.
Anstatt Dinge mit Gleichaltrigen zu besprechen, wendet er sich lieber an die KI, die er als eine Art «hochkarätigen Coach» beschreibt. Er sagt, er kenne niemanden in seinem Alter, der KI nicht für Studium, Arbeit oder persönliche Angelegenheiten nutze.
Aktuelle Studien bestätigen seinen EindruckExterner Link: 84% der Jugendlichen in der Schweiz nutzen regelmässig KI-Tools, während mehr als 60% der jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 29 Jahren diese bei der Arbeit oder im Studium einsetzen. Die Nutzung nimmt mit zunehmendem Alter stetig ab.
In der Europäischen UnionExterner Link geben zwei von drei jungen Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren an, Chatbots zu nutzen. In den Vereinigten StaatenExterner Link interagieren fast drei Viertel der Erwachsenen unter 30 mindestens einmal im Monat mit KI.
Einige Expert:innen warnen jedoch, dass eine intensive Nutzung von KI tiefgreifende Folgen für junge Menschen haben könnte: Etwa, indem sie ihre Fähigkeit zum kritischen Denken beeinträchtigt, aber auch den Aufbau von Beziehungen zu anderen Menschen. Möglicherweise könnte sie in eine Abhängigkeit von der Technologie führen.
Die Auswirkungen könnten in der Schweiz besonders gravierend sein, wo die Einsamkeitsraten im Vergleich zu vielen anderen Ländern hoch sind. Im Jahr 2022 gaben 42,3% der Menschen an, sich manchmal oder oft einsam zu fühlen. Bei jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren steigt dieser Anteil auf 59%Externer Link.
Vom «Hacken» der Aufmerksamkeit zum Hacken der Bindung
Das Problem mit der KI begann vor etwa einem Jahrzehnt, sagt der amerikanische Psychologe Zachary Stein, Mitbegründer der «Coalition for AI Psychological Harms Research». Damals führten Plattformen wie Instagram und Tiktok Algorithmen ein, die darauf ausgelegt waren, Nutzer:innen – oft sehr junge – an ihre Apps zu fesseln.
Laut Stein geht die vor Bildschirmen verbrachte Zeit mit einer abnehmenden Aufmerksamkeitsspanne einher. Nun, so argumentiert Stein, greife generative KI noch tiefer ein: Sie beeinträchtige die biologischen Mechanismen, die unsere Fähigkeit regulieren, tiefe zwischenmenschliche Bindungen einzugehen.
Er nennt das Beispiel eines Kindes, das voller Begeisterung über eine gute Note von der Schule nach Hause kommt. Anstatt es seinen Eltern zu erzählen, geht das Kind in sein Zimmer und berichtet davon dem Chatbot, mit dem es gelernt hat, wofür es von der Maschine gelobt wird.
«Das Kind erhält vom Chatbot dasselbe Bindungssignal, das es eigentlich von seiner Mutter erhalten sollte», sagt Stein.
Viele junge Menschen wenden sich an Chatbots, weil diese rund um die Uhr verfügbar sind und dazu neigen, den Nutzer:innen zu schmeicheln – ein Phänomen, das als «Sycophancy» bekannt ist.
Im Gegensatz zu den Meinungsverschiedenheiten und der Unvorhersehbarkeit menschlicher Beziehungen können diese beruhigenden Antworten emotionale Bindungen fördern.
Doch dies berge die Gefahr, die für emotionale Bindungen verantwortlichen neurologischen Strukturen zu «hacken», sagt Stein. Mögliche Folgen seien Symptome wie Realitätsverlust, Psychosen und tiefe Isolation.
«Nach wochenlanger Interaktion mit einer Maschine, die Bindung simuliert, kann das Gehirn die Realität nicht mehr unterscheiden», sagt Stein.
Deshalb sollten die Antworten von Chatbots mit Vorsicht betrachtet werden:
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«Es ist absurd, sich darüber zu ärgern, dass man nachdenken muss»
Rebecca Ceccatelli hat einige dieser Entwicklungen bei sich selbst, aber auch bei ihren Kommilitonen beobachtet.
Die 25-Jährige, die ursprünglich aus Prato in Mittelitalien stammt, studiert Informatik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich.
Vor ChatGPT, sagt Ceccatelli, habe sie stundenlang ohne Unterbrechung lernen können. Heute habe sie das Gefühl, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne deutlich gesunken sei.
«Jetzt bin ich nach einem Tag Lernen erschöpft und finde es viel schwieriger, mich zu konzentrieren», sagt sie.
Wenn der Chatbot ihr nicht sofort die richtige Antwort gibt, ärgert sich Ceccatelli manchmal darüber, dass sie Dinge selbst recherchieren muss.
«Es ist absurd, sich darüber zu ärgern, dass man nachdenken muss», so Ceccatelli.
Obwohl sie ein reges Sozialleben habe, räumt die junge Frau ein, dass das Lernen einsamer geworden ist: Wenn sie Zweifel hat, fragt sie einfach ChatGPT.
Unter den Menschen und Freunden in ihrem Umfeld scheinen Aufmerksamkeitsstörungen, Angstzustände und Panikattacken immer häufiger vorzukommen.
Sie weiss auch ganz genau, dass einige Kommilitonen generative KI nutzen, um persönliche Angelegenheiten zu besprechen oder Rat in Sachen Dating zu suchen.
«Einmal erzählte mir ein Freund, er könne nicht verstehen, warum ein Mädchen, mit dem er ausgegangen war, ihn nicht wiedersehen wolle», sagt Ceccatelli. «ChatGPT habe ihm gesagt, er habe nichts falsch gemacht.»
Je «menschlicher» ein Chatbot wirkt, desto stärker ist die emotionale Bindung
Da Millionen von Nutzer:innen Chatbots als Freunde, Partner:innen oder virtuelle Therapeut:innen betrachten, untersuchen Forschende zunehmend die Auswirkungen von KI auf reale Beziehungen.
Die Befriedigung, die Nutzer:innen aus der Interaktion mit generativer KI ziehen, stärke die emotionale Bindung und steigere die Nutzungsfrequenz, sagt Nadja Rupprechter, Medienpsychologin an der Universität Zürich.
«Menschen sind darauf programmiert, soziale Signale in ihrer Umgebung wahrzunehmen, unabhängig davon, ob diese von anderen Menschen, Tieren oder künstlichen Wesen ausgehen», sagt Rupprechter.
Rupprechter hat die psychologischen Mechanismen untersucht, die dazu führen, dass Menschen emotionale Bindungen zu Chatbots entwickeln. Ihre Stichprobe umfasste mehr als 500 Personen aus 64 Ländern, von denen die meisten zwischen 14 und 24 Jahre alt waren.
Ihre StudieExterner Link – die derzeit einer Peer-Review unterzogen wird – legt nahe, dass die emotionale Bindung der Nutzer:innen umso stärker ist, je «menschlicher» ein Chatbot wirkt.
«Chatbots unterhalten Menschen, halten sie bei Laune und werden als neutraler Raum wahrgenommen, in dem Einzelpersonen ihre Identität erkunden können, ohne sich beurteilt zu fühlen», sagt Rupprechter.
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Ersetzbare Beziehungen … durch KI
Roger*, ein 25-jähriger Student aus Lausanne, glaubt, dass viele seiner Altersgenossen sich an KI als Freund oder Vertrauten wenden, weil sie bereits an oberflächliche und leicht ersetzbare Online-Beziehungen gewöhnt sind.
Er hat dies am eigenen Leib erfahren. In seiner Jugend verbrachte er viel Zeit in seinem Zimmer, spielte Videospiele und chattete online mit Fremden – bis ihm klar wurde, dass keine dieser Beziehungen wirklich als Freundschaft bezeichnet werden konnte.
«Die meisten davon lassen sich leicht durch KI ersetzen», sagt Roger.
Seiner Ansicht nach suchen viele Menschen, die über soziale Medien Kontakte knüpfen, lediglich nach Unterhaltung und schnellen, mühelosen Verbindungen.
«Es ist, als würde man einen Big Mac essen und sofort einen weiteren wollen.»
Schliesslich begann Roger, sich auf echte Beziehungen im realen Leben zu konzentrieren. Er gründete an seiner Universität eine Student:innenvereinigung und machte es sich zur Gewohnheit, offline neue Leute kennenzulernen.
Heute sagt Roger, er sei mit seinem Freundeskreis zufrieden und würde KI-Chatbots in persönlichen Angelegenheiten nicht vertrauen.
«Sie stimmen dir einfach zu und sorgen dafür, dass du dich noch schlechter fühlst.»
KI: zwischen emotionaler Unterstützung und Abhängigkeit
Trotz wachsender Bedenken gibt es bislang keine schlüssigen Belege dafür, dass eine intensive Nutzung von Chatbots mit psychischen oder zwischenmenschlichen Störungen in Verbindung steht.
«Die Forschung steht noch ganz am Anfang», sagt Nadja Rupprechter.
Ländervergleiche sind nach wie vor schwierig, da es an fundierten Vergleichsstudien mangelt. Daher sei es schwierig, so Rupprechter, die Verbreitung von Chatbots eindeutig mit bestimmten soziokulturellen Merkmalen wie dem Ausmass an Einsamkeit in Verbindung zu bringen. «Was wir wissen, ist, dass die Schweiz kein Einzelfall ist», sagt sie.
Gleichzeitig können Beziehungen zwischen Menschen und Chatbots auch positive Effekte haben. Rupprechters Studie und andere ForschungsergebnisseExterner Link zeigen, dass manche Menschen tatsächlich von der Interaktion mit KI profitieren.
Thomas Vogt, 35, ist ein Beispiel dafür. Bei ihm wurde erst spät im Leben Autismus diagnostiziert, und seine Kindheit war von Einsamkeit geprägt. Mithilfe von ChatGPT habe er schwierige Momente bewältigen können, sagt Vogt.
«Es hat mir geholfen, mich zu beruhigen und Situationen aus einer anderen Perspektive zu betrachten.»
Während der Coronapandemie startete Vogt eine WebsiteExterner Link, um Menschen im Kanton Bern zu unterstützen, die mit Einsamkeit zu kämpfen haben. Und es gelang ihm, durch das Projekt mehrere Freundschaften aufzubauen. Er gibt jedoch zu, dass er immer noch mit Technologieabhängigkeit zu kämpfen hat – etwas, das ChatGPT noch verschlimmert.
«Wenn man sich keine Grenzen setzt, hält einen ChatGPT in einer endlosen Spirale von Gesprächen gefangen. Man hat vielleicht das Gefühl, glücklicher oder klüger zu werden, aber in Wirklichkeit verpasst man die Welt da draussen.»
*Name auf Wunsch der Quelle geändert. Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.
Editiert von Gabe Bullard/vdv, Übertragung aus dem Englischen: Meret Michell/raf
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