Immer mehr junge Männer in der Schweiz lassen sich sterilisieren – hier sprechen zwei über die Gründe
Kinder kriegen? Nein danke! Der Erfahrungsbericht zweier Männer, die sich schon mit Anfang zwanzig einer Vasektomie unterzogen haben, steht stellvertretend für einen grösseren Trend: die stetig sinkende Geburtenrate. Ein Einblick in den demografischen Winter in der Schweiz.
«Mit 21 Jahren habe ich mich dazu entschlossen, eine Vasektomie machen zu lassen», erzählt Raul, unterdessen 27 Jahre alt. «Ich wollte nicht das Risiko einer ungewollten Vaterschaft eingehen. Und ich spürte das Bedürfnis, die Kontrolle über mein Sexualleben zu haben.»
Seine Entscheidung wurde nicht leichtfertig getroffen, sondern war lange reiflich überlegt. Den Anstoss gab der Bericht eines Freundes, der sich ebenfalls hatte sterilisieren lassen.
«Erst der dritte konsultierte Urologe stimmte meiner Entscheidung zu – und das erst, nachdem er mir eine dreimonatige Bedenkzeit auferlegt hatte», sagt Raul.
Keine Zweifel an der Entscheidung
Nach dem Bundesgesetz über die Sterilisation darf der Eingriff in der Schweiz an «urteilsfähigen Personen, die das 18. Altersjahr vollendet haben», vorgenommen werden, sofern sie «umfassend über den Eingriff informiert» wurden und ihre schriftliche Einwilligung gegeben haben.
Dennoch sind Urolog:innen sehr vorsichtig; viele folgen den Leitlinien der European Association of Urology (EAU), die von einer Vasektomie bei Personen unter 30 Jahren abrät.
Nach den neuesten Daten der Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Statistik (BFS) gaben im Jahr 2022 bei der Frage nach der angewandten Verhütungsmethode 8,9 % der Bevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren die männliche Sterilisation an. Dies ist ein leichter Anstieg gegenüber der Umfrage von 2017. Der Anteil steigt mit dem Alter: Bei den 35- bis 44-Jährigen erreicht er 10,8 %, während er bei den 25- bis 34-Jährigen bei 1,8 % liegt.
Ebenfalls laut BFS wurden 2019 in Schweizer Spitälern 2566 Sterilisationen durchgeführt: 733 betrafen Männer, 1833 Frauen. Daten zu ambulanten Eingriffen ausserhalb von Krankenhäusern liegen nicht vor. Die Vasektomie ist in der Deutschschweiz weiter verbreitet als in den anderen Sprachregionen des Landes.
Auch Rauls Eltern hätten es vorgezogen, wenn er sich noch etwas Zeit gelassen hätte. «Mein Vater war sehr skeptisch, meine Mutter bat mich, zumindest Sperma einfrieren zu lassen, was ich jedoch nicht getan habe», erzählt er am Telefon. Sechs Jahre nach dem Eingriff ist Raul überzeugter denn je von seiner Wahl, ebenso wie seine aktuelle Partnerin.
«Wir wollen keine Kinder in eine kapitalistische Welt setzen und sie in ein Zahnrad eines Systems verwandeln, das keinen Raum zum Leben lässt. Zudem gibt mir die Kinderlosigkeit mehr Freiheit und mehr Zeit für meine Vereinsaktivitäten.»
Raul engagiert sich in Klima- und Antispeziesismus-Gruppen, kämpft für Tierrechte und arbeitet im Lebenshof «Co&xister» im Kanton Waadt.
Elternschaft bedeutet nicht automatisch mehr Glück
Ein ähnliches Zeugnis stammt von Oliver (Name von der Redaktion geändert). Mit Anfang zwanzig begann er, seine Zukunft und die des Planeten zu hinterfragen. Aus dieser Zeit stammt auch sein Aktivismus in veganen und antispeziesistischen Kreisen.
«Ich habe die Vasektomie mit 25 Jahren vornehmen lassen, als ich in Kanada war, wo die Praxis weniger restriktiv ist», erzählt der heute 30-jährige Student. «Nach dem Gespräch stimmte der Arzt meiner Entscheidung zu und führte die Operation noch am selben Tag durch.»
Seine Entscheidung war auch von seinem Lebensstil geprägt. Er ist ehrenamtlich in verschiedenen Vereinen aktiv – ein unbezahltes Engagement, das es ihm nach eigenen Angaben nicht erlaubt, einer Familie einen Lebensstandard nach heutigen Vorstellungen zu garantieren.
Oliver ist beileibe nicht der einzige junge Mensch in der Schweiz in dieser Situation. Nach Daten der Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Statistik hat sich die Zahl der 20- bis 29-Jährigen, die keine Kinder wollen, von 2013 bis 2023 etwa verdreifacht: Heute betrifft dies eine von sechs Personen in dieser Altersgruppe.
Zu den genannten Faktoren zählen die Arbeitsbedingungen und die Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Zudem denken immer mehr junge Menschen, dass ein Kind nicht zwangsläufig ein erfüllteres oder schöneres Leben bedeutet.
Elternschaft hätte demnach eher negative Auswirkungen auf das Glück, die Paarbeziehung und die berufliche Zukunft.
Nach den jüngsten Schätzungen der Vereinten Nationen (World Population Prospects 2024) ist die globale Fruchtbarkeitsrate von etwa fünf Kindern pro Frau in den 1950er-Jahren auf 2,3 im Jahr 2024 gesunken.
In vielen Ländern liegt die Geburtenrate bereits deutlich unter dem Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau, das den Generationenwechsel garantiert. In Spanien liegt sie bei 1,23; in Italien bei 1,21 und in Malta bei 1,11. Ähnlich ist die Situation in Japan (1,23), China (1,02) und Südkorea, das mit 0,75 einen der weltweit niedrigsten Werte verzeichnet.
Die Schweiz bildet keine Ausnahme: 2024 sank die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau auf 1,29 – ein historischer Tiefstand.
Wirtschaftliche Unsicherheit und Klimaängste
Dieses Gesamtbild wird auch von Clémentine Rossier bestätigt, Direktorin des Instituts für Demografie und Sozioökonomie an der Universität Genf: «Zu den Hauptursachen gehört die Zunahme der wirtschaftlichen Unsicherheit, wie wir sie nach der Finanzkrise 2008/09 erlebt haben. Verschiedene Studien zeigen, dass Zeiten, in denen die Wahrnehmung einer starken wirtschaftlichen Instabilität zunimmt, neun Monate später zu einem Geburtenrückgang führen.»
Neben der wirtschaftlichen Komponente war es für Oliver ein ganzes Bündel an Gründen, das ihn dazu bewegte, auf das Vatersein zu verzichten. «Ich mache mir Sorgen um die Zukunft. Wir erleben eine Klimakrise mit immer heisseren Sommern. Und ich finde, dass sich die Welt in Richtung einer Faschisierung bewegt», sagt der Aktivist, der in seiner Freizeit gegen Lebensmittelverschwendung kämpft, indem er aussortierte Lebensmittel von Grossmärkten an Bedürftige verteilt.
Seine Sorge wird von vielen geteilt, wie Rossier bestätigt: «Zu den Faktoren, die die Entscheidung gegen Kinder beeinflussen, gehören auch die wachsenden Ängste im Zusammenhang mit der Klimakrise. Ein weiteres Element ist die sogenannte dritte Welle des Feminismus, die unter anderem durch die #MeToo-Bewegung aktualisiert wurde und die Geschlechterrollen innerhalb von Paaren und Familien neu infrage gestellt hat.»
Viele junge Frauen, so die Professorin, akzeptieren die Doppelbelastung von Arbeit und Familie in einer Gesellschaft, in der die Gleichstellung der Geschlechter unvollständig bleibt, nicht mehr.
In diesem Zusammenhang zeigt sich Oliver froh darüber, die Last der Empfängnisverhütung selbst übernommen zu haben, um seine Partnerin zu entlasten. «Sie schätzt es sehr, dass sie nicht die Pille nehmen muss und kein Risiko einer ungewollten Schwangerschaft besteht», so der Student.
Rossier betont, dass es sich dabei nicht nur um eine körperliche und mentale, sondern auch um eine wirtschaftliche Last handelt. «Studien zeigen, dass die Kosten für Verhütungsmethoden fast ausschliesslich von den Frauen getragen werden, was eine ungerechte Verteilung der Verantwortlichkeiten verstärkt.»
Polarisierung und neue Männlichkeiten
Jannik Böhm ist Sexualpädagoge und führt seit etwa zehn Jahren Sexualerziehungskurse in Schulen durch, vor allem mit Jungen. Im Klassenzimmer beobachtet er eine gewisse Polarisierung bei Themen rund um Geschlecht und Sexualität.
Neben feministischen und progressiven Tendenzen bemerkt er das Wiederaufleben traditionellerer Familienmodelle und Rollenbilder. «Es handelt sich um widersprüchliche Dynamiken. In den Klassen lassen sich drei Gruppen unterscheiden», berichtet der 38-Jährige. «Ein Drittel der Jugendlichen befürwortet die Gleichstellung und eine neue Vorstellung von Männlichkeit, ein weiteres Drittel hat noch keine klare Meinung, und das letzte Drittel ist von Kreisen wie der Manosphere oder Incels beeinflusst, die traditionalistische und oft sexistische Visionen verteidigen.»
Die Spannungen zwischen diesen Gruppen seien spürbar, so Böhm weiter, und äusserten sich vor allem in homophoben Einstellungen und der Tendenz, die eigene Männlichkeit durch die Abwertung von Homosexualität und allem weiblich Gelesenen zu definieren.
In seinen Kursen spricht der Pädagoge über Sexualität und stellt verschiedene Verhütungsmethoden vor. Er weist darauf hin, dass in der Schweiz der Gebrauch der Pille zugunsten von Methoden wie dem Kondom, der Spirale und natürlichen Methoden zurückgeht.
«Das Kondom garantiert keine absolute Sicherheit, da die Wahrscheinlichkeit einer ungewollten Schwangerschaft bis zu 15% betragen kann», erklärt Böhm, der auch Mitglied des Stiftungsrats von Sexuelle Gesundheit Schweiz ist. «Aus diesem Grund und mangels Alternativen könnte die Zahl der jungen Männer, die sich für eine Vasektomie entscheiden, in Zukunft steigen.»
Ein Trend, der sich beispielsweise in Frankreich bereits abzeichnet, wo es einen regelrechten Boom bei Vasektomien gab. Von 2010 bis 2022 wurde ein fünfzehnfacher Anstieg verzeichnet, wenngleich von einem sehr niedrigen Niveau aus. Weltweit hingegen sinkt die jährliche Zahl der männlichen Sterilisationen.
Oliver und Raul schwimmen gegen den Strom, vor allem weil sie diese Entscheidung bereits in sehr jungen Jahren getroffen haben. Oliver hat den Gedanken, eines Tages Vater zu werden – vielleicht durch Adoption oder alternative Wege –, noch nicht ganz aufgegeben.
Für Raul hingegen ist das Thema abgeschlossen. «Während ich an der Vasektomie keinerlei Zweifel habe, habe ich ein Tattoo, von dem ich wünschte, ich hätte es nie stechen lassen», sagt er lachend.
Wie lässt sich der Geburtenrückgang stoppen, und geht das überhaupt? Diskutieren Sie hier mit:
Mehr
Editiert und aus dem Italienischen übertragen von Marc Leutenegger
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch