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Nach dem Rhein gleich weiter bis zur Rhone

Keystone

Nicht alle Deutschen, die über den Rhein in die Schweiz kommen, bleiben im deutschsprachigen Raum. Eine Minderheit überquert weiter südwestlich die Saane (Sarine) und richtet sich in Rhone-Nähe ein.

Früher profitierte die Westschweiz als international bekannter Schul- und Ausbildungs-Standort davon, dass auch viele Deutsche nach Diplomabschluss dort hängen blieben.

«Wir suchten uns gleich an Ort ein Auskommen», wie Walter Heppel sagt. Heppel, ein Hotelier, der wie viele andere seit den 60er-Jahren in der Westschweiz lebt, schloss die Ecole hôtelière de Lausanne ab.

In der Deutschschweiz, auf dem Bürgenstock und im gemischtsprachigen St. Moritz, absolvierte er zwar Praktika. Aber sonst habe er, inzwischen längst Schweizer geworden, sein ganzes Leben nie in der Deutschschweiz gearbeitet oder gelebt.

Heute jedoch, so Heppel, sei es anders geworden: Jetzt hole man die Deutschen in die Romandie – im Zuge ihres Ausbaus als Holdingsitz für internationale Unternehmen und der Globalisierung.

Bio-Rhythmus im Arbeitsmarkt

In die Westschweiz geholt, respektive geschickt wurde David Graefen. Ihn hatte die deutsche Lindner Hotelgruppe per Headhunter für das Marketing gesucht. Voraussetzung war unter anderem die Kenntnis der deutsch- und der französischsprachigen Geschäftskultur.

Von Leukerbad/Loèche-les-Bains aus bearbeitet Graefen seit vier Jahren seine Märkte. «Im Marketingbereich sucht man sich in einem bestimmten Bio-Rhythmus von fünf bis sechs Jahren eine neue Herausforderung», sagt Graefen.

«Weil es mir aber hier so gut gefällt, habe ich mich noch nicht nach etwas anderem umgesehen, beispielsweise noch tiefer im französischsprachigen Bereich.»

«Halb vergessenes Schulfranzösisch…»

Erst mit einem Fuss im französischsprachigen Raum befindet sich Ralph Bergmüller. Der in den USA geborene deutsche Evolutionsbiologe hat an der Uni Bern seine Dissertation abgeschlossen und arbeitet seither an der Uni Neuenburg als Postdoc weiter.

Auf sein Französisch ist er bis vor kurzem noch nicht allzu stolz gewesen. «Aber es geht schon viel besser als zu Beginn, als ich mein halb vergessenes Schul-Französisch hervorkramen musste.»

Ohne gute Französisch-Kenntnisse, so Bergmüller, sei eine Integration in der Romandie ohnehin schwer. Als deutschem Pendler zwischen der französischen und der deutschen Schweiz fallen ihm die grossen Unterschiede zwischen den beiden Landesteilen auf.

Unterschiedliche sprachliche Realitäten

«Beruflich fällt auf, wie unterschiedlich die Bereitschaft ist, eine andere Sprache als die eigene zu sprechen. In der Deutschschweiz lässt sich problemlos auch Englisch sprechen, und Französisch versteht hier anscheinend ohnehin jeder», so Bergmüller. In der Westschweiz sei das anders. Dort erstaune ihn, dass oft sogar Deutsch nicht verstanden werde.

Doch auch für den «welsch-deutschen» Heppen gibt es nach all den Jahren noch Sprachbarrieren: «Ich sass von Beruf wegen in vielen gesamtschweizerischen Gremien und musste immer darauf bestehen, dass entweder Hochdeutsch oder Französisch gesprochen wird.»

Denn Schweizerdeutsch verstehe er bis heute nicht gut. Auch in der Hotellerie habe er Mundart kaum brauchen müssen, weder mit den Gästen noch mit den Mitarbeitenden.

West- und Deutschschweizer habe man immer in Teams arbeiten lassen können – doch Deutsche und Franzosen passten vor dem Herd nicht zusammen. «Meine Küchenbrigade bestand aus zwölf Köchen – das waren immer Franzosen. Da passte kein Deutscher rein, es kam immer zu Missverständnissen.»

Und heute sei ohnehin das Englische auf dem Vormarsch, unter den Gästen wie auch bei den Mitarbeitenden.

Offenere Mentalität in der Westschweiz

Abgesehen von ihrer Sprachhemmung bei Fremdsprachen «haben die Westschweizer aus meiner deutschen Sicht von ihrer Konvivialität her eine offenere Mentalität als die Deutschschweizer, auch im kulturellen Bereich», bekennt Graefen. Ihr Umgang mit Ausländern sei lockerer.

Auch Heppel sieht keinen Grund zur Klage, was ihn selber betrifft: «Doch mein Sohn hatte als Kind Probleme mit seinen Schulkameraden im kleinen Jura-Dorf, wo wir lebten – und das, obwohl er zweisprachig war.»

Heppel ist längst Schweizer. Er will auch seinen deutschen Pass, den er damals abgeben musste, um den schweizerischen zu erhalten, nicht mehr zurück. «Als ich ihn gebraucht hätte vor Jahren, als ich noch Immobilien in Deutschland besass, erhielt ich ihn nicht.»

Politik – sowohl Ab- als auch Aufsteller

Auch Bergmüller lebt schon lange genug in der Schweiz, so dass es ihn langsam reizen würde, seine politischen Rechte auszuüben – besonders seit der Möglichkeit der doppelten Staatsbürgerschaft.

Auch Graefen wäre einer Einbürgerung nicht abgeneigt, wenn er wüsste, dass er in der Schweiz bleibt. «Meine Lebensqualität ist höher hier in der Schweiz.» Er ist froh, weit weg von der zeitraubenden deutschen Innenpolitik zu sein, weil sie ihn nicht gross tangiere im Moment.

«Dieser tägliche Zeitgewinn ist für mich ein wahrer Genuss!» Vorläufig jedenfalls, denn als politisch rechtloser Ausländer in der Schweiz müsse man fast schon aufpassen, nicht völlig zum «apolitischen Mutanten» zu werden. Das wäre auch kontraproduktiv, sollte sich Graefen eines Tages die Einbürgerung tatsächlich nochmals überlegen.

swissinfo, Alexander Künzle

Walter Heppel, 70, hat 1967 erstmals mit seiner Westschweizer Ehefrau eine Hoteldirektion in Montreux übernommen. Seither lebt er im Waadtland. Das Ehepaar führte und besass lange Zeit das Mont Blanc in Morges.

Ralph Bergmüller, 40, ist ein in den USA geborener Deutscher, der an der Uni Bern als Evolutionsbiologe seine Dissertation abschloss. Darauf bot sich ihm in Neuchâtel an der Uni die Möglichkeit, als «Postdoc» in seinem Fachgebiet eine Assistentenstelle zu erhalten.

David Graefen, 37, stammt aus Norddeutschland, ist Marketing-Kommunikations-Ökonom und bildet sich zum Tourismusbetriebswirt weiter. Per Headhunter kam er nach Leukerbad, von wo aus er für die Lindner Hotels Marketingdirektor des Distrikts Schweiz ist.

Wenig bekannt ist, dass ausgerechnet Deutsche schon früh auf die Westschweizer Gastronomie Einfluss genommen haben.

So soll eine der bekanntesten Westschweizer Wurstspezialitäten auf Deutsche zurückgehen: Die Waadtländer «Saucisson aux choux», die Chabis- oder Krautwurst.

Im Jahr 879 besuchte der deutsche (Franken-)Kaiser Karl der Grosse die Ortschaft Orbe im heutigen Kanton Waadt.

Da sich der Besuch inklusive seiner Hofstatt über mehrere Wochen erstreckte, soll den Köchen der Fleischvorrat ausgegangen sein.

Da kam einer der fränkischen Köche auf die Idee, Kraut in das Wurstfleisch des Saucisson zu mischen, um die Wurst zu strecken.

Dieser «Saucisson aux choux» muss nur 40 Minuten leise geköchelt werden – der klassische «Saucisson vaudois», ganz aus Fleisch, braucht 10 Minuten länger.

Böse Zungen behaupten allerdings, findige Waadtländer Metzger hätten ihren Saucisson erst später, unter der Feudalherrschaft der Herren von Bern, mit Kohl «gestreckt», um den ungeliebten Berner Steuereintreibern nicht den gesamten Zehnten abliefern zu müssen.

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