Tod nach Festnahme: Fragen über Mitschuld der Polizei bleiben
Der Tod eines 42-jährigen Türken, der vergangene Woche in seiner Wohnung von einer Sondereinheit der Stadtpolizei Bern festgenommen wurde, steht in Zusammenhang mit den damaligen Ereignissen. Dies haben die bisherigen Untersuchungen ergeben.
«Der Tod des Mannes ist höchstwahrscheinlich eine Folge der damaligen Ereignisse, doch muss dies noch durch zusätzliche Untersuchungen erhärtet werden», sagte Ulrich Zollinger vom Institut für Rechtsmedizin der Universtität Bern (IRM) am Mittwoch (11.07.) vor den Medien in Bern. Sehr viele Fragen blieben unbeantwortet.
Klar ist hingegen gemäss Zollinger, dass der Mann nicht an den Schlagverletzungen durch die so genannten polizeilichen Mehrzweckstöcke (PMS) gestorben ist. Auf Amateuer-Videoaufnahmen sind heftige Schläge auf den Kopf des Mannes deutlich zu sehen.
«Es mag erstaunen, aber der Gehirnschädel des Mannes blieb unverletzt», sagte Zollinger. Auch das Gehirn blieb unverletzt. Verletzungen und Brüche erlitt er hingegen im Gesichtsschädel, am Rumpf und den Armen durch den Einsatz von chemischen Reizstoffen, Gummigeschossen und Schlagstöcken. Die inneren Organe blieben unverletzt.
Nicht mehr aus Ohnmacht erwacht
Als es der Polizei schliesslich gelang, den Mann zu überwältigen und vom Balkon ins Innere der Wohnung zu bringen, verabreichte der anwesende Notarzt dem Mann, der sich weiter heftig wehrte, eine Beruhigungsspritze «in üblicher Dosis», wie der zuständige Untersuchungsrichter Stephan Neuhaus sagte.
Weshalb der Mann darauf einen Herzkreislauf-Stillstand erlitt, ist unklar. Er musste durch den Notfallarzt reanimiert werden. Er erlangte bis zu seinem Tod am Samstag das Bewusstsein nicht mehr. Der Kreislauf-Zusammenbruch hatte zu einem bleibenden Gehirnschaden geführt.
Dabei könnten Stressfaktoren – der Mann stand gemäss Zollinger «während Stunden unter extremem Stress» – , eine vorbestandene Herzkrankgefäss-Verengung oder andere Krankheiten, Medikamente, Festhalte-Massnahmen und eingesetzte chemische Wirkstoffe, eventuell in Kombination, eine Rolle gespielt haben.
Familiendrama wegen Schulfest
Die Stadtpolizei war zur Wohnung des Mannes aufgeboten worden, weil er seine Frau und die drei Kinder im Alter von zwei bis neun Jahren mit einem Messer bedroht hatte. Zum Familienstreit soll es gekommen sein, weil der Vater dem ältesten Kind die Teilnahme an einem Schulfest verboten hatte.
Der Polizei gelang es Frau und Kinder unverletzt aus der Wohnung zu bringen. Sie wurden in die Praxis eines Psychiaters gebracht. Die Polizei, ein Bekannter des Mannes sowie sein Psychiater versuchten ihn zu beruhigen und ihn erfolglos zum Aufgeben zu bewegen.
Auch der spätere Einsatz von Reizstoffen zeigten keine Wirkung. Die Festnahme erfolgte erst nach vier Stunden und unter Beizug der Sondereinheit Stern der Berner Stadtpolizei.
Untersuchungen dauern an
Sowohl die polizeilichen wie die medizinischen Untersuchungen sind nicht abgeschlossen. Zudem wurde durch Untersuchungsrichter Neuhaus eine Voruntersuchung gegen Unbekannt wegen Körperverletzung und fahrlässiger Tötung eingeleitet.
swissinfo und Agenturen
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