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KI-Firmen kaufen Antiquariate leer – und vernichten die Bücher

Die KI-Firmen sind bei ihren Bücherankäufen nicht wählerisch. Hauptsache niemanden interessiert's.
Die KI-Firmen sind bei ihren Bücherankäufen nicht wählerisch. Hauptsache niemanden interessiert's. IMAGO/Schöning

Palettenweise wandern Sachbücher und Romane aus europäischen Antiquariaten in die USA. Dahinter stecken mutmasslich KI-Unternehmen: Sie nutzen gedruckte Bücher als Rohdaten für ihre Sprachmodelle – und werfen sie nach dem Scannen in die Tonne. Ein wichtiges Kulturgut geht dadurch verloren.

Ab Anfang Mai trafen bei einem deutschen Online-Antiquariat jeweils nachts zwischen drei und fünf Uhr massive Aufträge ein – automatisiert, systematisch. Der Händler bemerkte das – und tauschte sich mit Kolleg:innen aus. Und siehe da: In einem Online-Forum für Antiquare häuften sich identische Berichte.

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Ein kanadisches Unternehmen namens Zoom Books kaufte palettenweise vergriffene Ware – Kochbücher, Biografien, Belletristik. Keine Raritäten, sondern das genaue Gegenteil berichtet der Händler: «Gekauft wurden gezielt Non-Fiction-Titel ab 1970 mit ISBN-Nummern – angestaubte Lagerleichen, die seit Jahren niemand wollte. Ein Weiterverkauf ist völlig ausgeschlossen: Die Bücher sind wertlos, und es wurde pro Titel immer exakt nur ein Exemplar gekauft.»

Ein Dementi

Zoom Books dementiert die Vorwürfe kategorisch und verweist auf ein reguläres Recycling- und Handelsmodell. Doch die Systematik der Käufe schürte unter Händlern massive Zweifel. Auf Lagerfotos sieht man die Bücher lieblos in grosse Kisten geworfen – kein Händler behandelt Ware so.

Für den EU-Markt wurde ein Zwischenlager an der tschechisch-deutschen Grenze hochgezogen. Der Händler schätzt das mutmassliche Volumen auf 700’000 Titel allein in Deutschland, drei Millionen weltweit.

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Das juristische Schlupfloch

Hinter dem Phänomen könnte ein umstrittenes Konstrukt aus dem US-amerikanischen Urheberrecht stecken. Wer digitale Texte im Netz kopiert, riskiert Schadensersatzklagen. Kaufen KI-Unternehmen die Bücher hingegen physisch und vernichten sie nach dem Einlesen, gilt dies in der Branche als Versuch, sich auf das sogenannte Fair-Use-Prinzip zu berufen.

Wie das in der Praxis aussehen kann, enthüllte die «Washington PostExterner Link» über ein früheres Digitalisierungsprojekt des KI-Unternehmens Anthropic: Das Unternehmen hatte Millionen von Büchern erworben, die Seiten gescannt und den Inhalt in seine Sprachmodelle eingespeist.

«Die Annahme ist: Sie müssen die Bücher physisch besitzen und nach dem ‹Lesen› vernichten – um zu argumentieren, dass keine widerrechtliche Kopie im Umlauf bleibt und es als Fair Use durchgeht», sagt der Buchhändler zur vermuteten Logik dahinter.

Die begehrten Bücher

Warum gedruckte Bücher begehrt sind? Die bislang frei zugänglichen Texte im Netz sind für das Training moderner Sprachmodelle weitgehend ausgeschöpft. KI-Unternehmen suchen deshalb gezielt nach alten Fachbüchern aus Regionalgeschichte, Sprach-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften – Texte mit historischen Sprachstufen und stilistischen Feinheiten, die im heutigen Internet noch fehlen.

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Kurzfristig freuen sich Händler, ihre unverkauften Lagerbestände loszuwerden. Langfristig droht aber ein anderes Bild: Das klassische Antiquariat funktioniert als zirkulierende Bibliothek, in der alte Titel immer wieder in den Handel zurückkehren. Werden vergriffene Bücher nun im grossen Stil zu Altpapier vernichtet, konzentriert sich das analoge Erbe unwiederbringlich als exklusive Datenmasse in den Händen weniger Unternehmen – still, systematisch und bisher ohne öffentliche Debatte.

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