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Künstliche Intelligenz in der Schweiz: Was wir 2026 erwarten können

Ein Arzt hält ein durchsichtiges Tablet in der Hand
Ab Mai 2026 will das Universitätsspital Lausanne (CHUV) generative KI in seiner Notaufnahme testen. EPFL

Verbesserungen für das Schweizer KI-Modell Apertus sind in Sicht. Generative KI hält Einzug in Spitälern und die technologische Souveränität rückt ganz oben auf die politische Agenda. Auch 2026 wird künstliche Intelligenz die Schweiz weiter verändern.

Im neuen Jahr wird sich generative KI in neuen Bereichen der Schweizer Gesellschaft verbreiten – von Spitälern und öffentlichen Einrichtungen bis hin zu kleinen und mittleren Unternehmen. Die Regierung wird sich dafür einsetzen, die Risiken algorithmischer Diskriminierung zu begrenzen.

Da zudem immer mehr Nationen auf technologische Souveränität setzen, könnte die Schweiz als Vermittlerin in internationalen Diskussionen über die Regulierung von KI fungieren.

Wir haben mit Thilo Stadelmann, Professor für KI und maschinelles Lernen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, über die fünf grössten Fortschritte gesprochen, die 2026 im Bereich der KI in der Schweiz zu erwarten sind.

1. Ein Schweizer KI-Modell, das näher an den Nutzerinnen und Nutzern ist

Die grösste Neuigkeit im Bereich der KI in der Schweiz im Jahr 2025 war Apertus: das erste öffentliche, mehrsprachige und vollständig quelloffene Large Language Model (LLM) des Landes. Es wurde im September eingeführt.

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Das LLM wurde im Rahmen der Swiss AI Initiative entwickelt und wird bis 2028 vom Bund mit 20 Millionen Franken finanziert. Auch 2026 wird es mit technischen Verbesserungen und neuen, konkreten Anwendungen im Mittelpunkt der KI-Neuheiten stehen.

«Zum ersten Mal ist KI wirklich offen, vom Trainingscode bis hin zu jedem einzelnen Token [Wortfragmente, Anm. d. Red.]. Das stärkt nicht nur Open Source, sondern ermöglicht auch Tausenden von Ingenieurinnen und Ingenieuren in der Schweiz, den Aufbau grundlegender KI-Modelle zu erlernen – eine Fähigkeit, die bisher nur wenigen Labors in den USA und China vorbehalten war», sagt Stadelmann.

Apertus wurde in erster Linie für Unternehmen und Forschungszentren entwickelt und wurde seit seiner Einführung bereits über eine Million Mal heruntergeladen. Im Jahr 2026 will sich das Entwicklungsteam auf die für die Nutzerinnen und Nutzer wichtigsten Funktionen konzentrieren.

«Wir wollen ein ganzes Ökosystem rund um Apertus schaffen: Das wird eine wirklich tiefgreifende Wirkung haben», sagt Alexander Ilic, Leiter des Zentrums für künstliche Intelligenz der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).

Laut Stadelmann wird die grösste wirtschaftliche Wirkung der KI in der Schweiz jedoch weniger von grossen Vorzeigeprojekten als vielmehr von Hunderten Initiativen kleiner und mittlerer Unternehmen sowie Forschungseinrichtungen ausgehen, die selten Schlagzeilen machen.

Der Professor nennt ein Startup aus Zürich, das KI für das Live-Streaming von Kulturveranstaltungen nutzen will – eine Art «Netflix für darstellende Künste», das bei Erfolg eine neue Schweizer Medienplattform ins Leben rufen könnte. «Projekte wie dieses haben das grösste Potenzial, Wert und Arbeitsplätze zu schaffen», sagt er.

2. Schweizer Spitäler testen generative KI mit Patientinnen und Patienten

Im Jahr 2026 wird sich die Swiss AI Initiative auch auf spezialisierte Modelle konzentrieren, die auf Apertus basieren, besonders im medizinischen Bereich.

Im Mai wird das Universitätsspital Lausanne (CHUV) mit dem Test von Meditron beginnen. Meditron ist ein Schweizer LLM, welches das medizinische Personal bei klinischen Entscheidungen unterstützen soll – zunächst in der Notaufnahme.

Mehr als 300 medizinische Fachkräfte haben Meditron im Jahr 2025 anhand hypothetischer klinischer Fälle bewertet. «Diese Beteiligung spricht Bände über das grosse Interesse an dieser Technologie, aber auch über die Skepsis gegenüber den Ergebnissen, die sie liefert», sagt Noémie Blanco Boillat, Ärztin und Forscherin.

Sie arbeitet mit dem Zentrum für Biomedizinische Datenwissenschaft zusammen, das die Projekte zur Implementierung von KI am CHUV koordiniert.

Mary-Anne Hartley, Dozentin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und Koordinatorin des Meditron-Projekts, sagt, viele kommerzielle Large Language Models, die in der Medizin eingesetzt werden, hätten sich als unzuverlässig erwiesen, weil sie aus Datenschutzgründen nicht mit sensiblen Patientendaten trainiert werden könnten.

Dennoch gaben über 70% der am Meditron-Projekt beteiligten Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Ländern an, dass sie bereits Tools wie ChatGPT in der klinischen Praxis einsetzen.

Der Hauptvorteil von Open-Source-Modellen besteht darin, dass sie an die spezifischen Anforderungen von Spitälern angepasst und lokal ausgeführt werden können. Somit können sensible Patientendaten verwendet werden, ohne dass sie an externe Server gesendet werden müssen.

«Offene Modelle ermöglichen es uns, viel mehr Kontextinformationen bereitzustellen und die Qualität der Antworten zu verbessern, ohne die Privatsphäre zu verletzen», sagt Hartley.

3. Technologische Souveränität ganz oben auf der Agenda

Technologische Souveränität hat sich in der Schweiz und in Europa im Jahr 2025 von einem Nischenthema zu einer politischen Priorität entwickelt. Dies ist auf ein zunehmend instabiles geopolitisches Umfeld und die Unberechenbarkeit der Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten zurückzuführen.

«Die [Schweizer] Regierung hat erkannt, dass es keine gute Idee ist, beim Betrieb der eigenen Basisinfrastruktur von anderen Ländern abhängig zu sein», sagt Stadelmann und weist darauf hin, dass die meisten digitalen Instrumente von Unternehmen mit Sitz im Ausland betrieben werden.

Im Jahr 2026 will der Bundesrat Sicherheits- und aussenpolitische Risiken identifizieren und Korrekturmassnahmen vorschlagenExterner Link.

Bis dahin muss die Bundesverwaltung neue RichtlinienExterner Link befolgen, um die Abhängigkeit von einzelnen, oft US-amerikanischen Anbietern, zu verringern und die Kontrolle über die digitale Infrastruktur und Daten zu stärken.

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Projekte wie Apertus fügen sich zwar in diese langfristige Strategie ein, es bleiben jedoch offensichtliche Widersprüche bestehen. «Einerseits sprechen wir von technologischer Souveränität, andererseits verlassen wir uns weiterhin auf wenige grosse ausländische Anbieter», sagt Stadelmann.

In den nächsten zwei Jahren wird der Bund 140 Millionen Franken für die Erneuerung der Microsoft-Lizenzen ausgeben. Ein Anbieterwechsel wird als «zu riskant und kostspielig»Externer Link angesehen, aber die Regierung prüft derzeit bessere Alternativen.

4. Mehr Schutz vor Diskriminierung durch KI

Nach einigem Zaudern über den einzuschlagenden Weg hat die Schweiz beschlossen, kein allgemeines Gesetz zur künstlichen Intelligenz einzuführen, das der europäischen KI-Verordnung ähnelt. Diese stellt strenge Anforderungen an KI-Systeme, die als risikoreich für Einzelpersonen gelten.

Stattdessen will die Eidgenossenschaft das Übereinkommen des Europarats über KI ratifizieren und die nationale Gesetzgebung entsprechend anpassen. Bis Ende 2026 sollen die Behörden verbindliche und unverbindliche Massnahmen in sensiblen Bereichen wie dem Gesundheitswesen und der autonomen Mobilität ausarbeitenExterner Link.

Mit dem zunehmenden Einsatz von KI in Bereichen wie der Personalbeschaffung oder der Vergabe von Krediten steigt auch das Risiko algorithmischer Diskriminierung. Diese tritt auf, wenn KI-Modelle verzerrte oder unfaire Ergebnisse liefern, durch die bestimmte Personen oder Gruppen systematisch benachteiligt werden.

Im kommenden Jahr wird sich die Schweiz daher verstärkt dafür einsetzen, die Schweizer Bevölkerung vor Diskriminierung durch KI zu schützen, wie Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider gegenüber Swissinfo sagte.

KI-Experte Stadelmann ist der Ansicht, dass jede Innovation, die grosse Veränderungen in der Gesellschaft mit sich bringt, reguliert werden muss. Er ist jedoch der Meinung, dass sich die Gesetze vor allem auf Geschäftsmodelle konzentrieren sollten.

«Das grösste Risiko für die Gesellschaft geht nicht von der Technologie an sich aus, sondern von den Gewinnmodellen, die KI nutzen, um Aufmerksamkeit zu maximieren und Sucht zu erzeugen. Wir sehen bereits die Folgen für die jüngeren Generationen», sagt er.

Dabei bezieht er sich auf die Auswirkungen sozialer Medien, die KI-Algorithmen einsetzen, um junge Menschen an ihre Plattformen zu binden.

5. Vorbereitungen für den KI-Gipfel 2027 in Genf

2027 wird die Schweiz in Genf den internationalen Gipfel für KI-Massnahmen ausrichtenExterner Link. Diese Veranstaltung unterstreicht das Bestreben des Landes, sich als führend im Bereich der Technologie-Governance zu positionieren.

Die Wahl der Gastgeberstadt ist dabei kein Zufall: Genf ist Sitz zahlreicher internationaler Organisationen und seit langem ein Zentrum der globalen Vermittlung.

«Ich bin überzeugt, dass die Schweiz zeigen muss, wie sie zur Welt beitragen kann», sagte Bundesrat Albert Rösti, der den Gipfel in Genf vorgeschlagen hatte.

Die Schweiz will bei globalen Entscheidungen über KI mitreden. Ausserhalb der EU riskiert sie jedoch, von den wichtigsten Initiativen ausgeschlossen zu werden:

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Die Vorbereitungsarbeiten werden Anfang 2026 beginnen, sobald die Kosten bekannt sind. Bis dahin arbeitet die Schweiz bereits mit Indien für den Gipfel zusammen, der Ende Februar 2026 in Neu-Delhi stattfinden wird.

Für Stadelmann bietet der Gipfel in Genf die Gelegenheit, über technische Regulierung hinauszugehen und einen globalen Rahmen zu fördern, der sich auf die Wahrung der Menschenwürde und -autonomie sowie der Qualität sozialer Beziehungen im Zeitalter der KI konzentriert.

«Dank ihrer Neutralität und ihrer humanitären Tradition könnte die Schweiz verschiedene Akteure zusammenbringen, genau wie es bei den Genfer Konventionen der Fall war.»

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Editiert von Gabe Bullard, Übertragung aus dem Italienischen mithilfe von Deepl: Christian Raaflaub

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