Stadttauben: schiessen, fangen oder sterilisieren?
Fast alle Schweizer Städte kämpfen mit dem Taubenproblem. Ansätze, die Taubenbestände zu reduzieren, gibt es zahlreiche, die wenigsten sind zielführend. Bern aber hat die Zahl der Stadttauben erfolgreich und tierschutzkonform gesenkt.
In der Stadt Zürich werden jedes Jahr etwa 1000 Stadttauben geschossen. «Wir schiessen sie mit Gewehr und Schalldämpfer, nach allen Regeln der Kunst», sagt Fabian Kern, Leiter der Wildhut der Stadt Zürich. Zusätzlich werden Tauben mit Fallen gefangen und anschliessend gekeult.
Weil Stadttauben aber bis zu 20 Junge haben pro Jahr und viele Leute die Tauben füttern, nimmt die Zahl der Strassentauben nicht ab. Das ist auch in Basel so, wo gemäss Behördenangaben zwischen 1965 und 1985 über 100’000 Tauben geschossen und gefangen wurden – also mehr als 5000 pro Jahr.
Hören Sie dazu den Radiobeitrag von SRF:
Betreute Taubenschläge setzen sich durch
Seit mehreren Jahren schon setzen verschiedene Städte nun aber auf Taubenschläge, um die grossen Taubenpopulationen in den Griff zu bekommen. Die Stadt Augsburg hat vor 30 Jahren damit begonnen. In Zürich überprüfen die Behörden entsprechende Pläne und in Basel-Stadt gibt es im Sommer sogar eine Volksabstimmung zum Thema. Initiative wie Gegenvorschlag sehen die Einführung von Taubenschlägen vor. Der grösste Teil der befruchteten Eier würde den Tauben in den Schlägen weggenommen.
Doch wie gross dürfen diese Taubenschläge sein? Muss man den Tauben einen Teil der befruchteten Eier lassen, damit sie nicht entmutigt wieder wegziehen? Kann man die männlichen Tiere allenfalls sogar sterilisieren – und was kostet das? Unter anderem diese Fragen will der Basler Regierungsrat in einem dreijährigen Pilotversuch klären.
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Bern macht vor, wie es funktioniert
In Bern wird all das seit bald 15 Jahren gemacht und laufend weiter verfeinert. Verantwortlich dafür ist der Tierpark Bern. Er begleitet das Projekt auch wissenschaftlich.
Die Zahl der Stadttauben hat sich unterdessen von 10’000 auf knapp 1500 Vögel verringert. Und den Tauben, die in den Schlägen brüten, gehe es gut, sagt Meret Huwiler. Sie kümmert sich als Kuratorin um die Berner Stadttauben. «Bei gutem Taubenmanagement können die Tiere acht bis 12 Jahre alt werden. Die normale Lebenserwartung einer Stadttaube liegt bei zwei bis drei Jahren», sagt Huwiler.
In Bern gibt es acht Taubenschläge mit je bis zu 150 Brutnischen. Die Tiere werden regelmässig gefüttert, jährlich geimpft und genau kontrolliert. Sie werden mit einem Chip versehen, wie man sie auch bei Katzen verwendet.
Zweimal im Jahr werden die Taubenschläge geschlossen und alle Tiere kontrolliert. Alle noch nicht bekannten Tiere werden narkotisiert. Via Endoskopie wird eine Kamera in den Bauchraum eingeführt, das Geschlecht so eindeutig bestimmt und bei den Männchen wird dann der Samenleiter durchgetrennt.
Auch Wildtauben erobern die Stadt
Das ganze Prozedere ist ziemlich aufwändig, aber es scheint sich zu lohnen. «Wir sind unterdessen ziemlich geübt und schnell», sagt Meret Huwiler. Die Eier im Schlag werden regelmässig durchleuchtet. Wenn – durch ein externes Männchen – doch ein Ei befruchtet ist, so wird es durch ein Gipsei ausgetauscht.
Die Menschen haben schon im alten Mesopotamien Tauben mit Körnern angelockt und ihnen Brutnischen zur Verfügung gestellt. Das taten sie nicht aus Tierliebe, sondern um sich dann an den Eiern und an den jungen Täubchen zu bedienen.
Bis heute gelten Tauben in vielen Ländern als Delikatesse. In Frankreich zum Beispiel findet man sie regelmässig auf der Speisekarte. Das Fleisch ist leicht rötlich und zart. In der Schweiz lässt es die Gesetzgebung jedoch nicht zu, Stadttauben zu fangen und zu essen.
Die Gesamtkosten für das Berner Taubenmanagment belaufen sich auf knapp 240 000 Franken. Das ist zwar viel Geld, aber das regelmässige Putzen der verkoteten Stadtgebäude ist vermutlich teurer. Alleine in der Stadt Zürich fallen pro Jahr 80 Tonnen Taubenkot an.
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