Kinder werden in der Schweiz zum Luxus

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Frauen in der Schweiz bekommen immer weniger Kinder und dies auch immer später. Viele schieben die Familienplanung nach hinten, weil Ausbildung und Karriere Vorrang haben, oder weil es keinen geeigneten Partner gibt. Auftakt zu unserer Serie über Elternsein in der Schweiz. 

Das erste Kind mit Mitte dreissig? Das ist auch in der Schweiz keine Seltenheit mehr. Viele Frauen entscheiden sich relativ spät für ein Kind. Im Durchschnitt bekommt eine Frau hierzulande mit 30,9 Jahren zum ersten Mal Nachwuchs. Noch vor zwanzig Jahren waren Frauen bei der Geburt des ersten Kindes im Schnitt 28,3 Jahre alt. 

Serie Eltern in der Schweiz
Was bedeutet es, Verantwortung für Kinder zu übernehmen? Welche Schwierigkeiten bringt Elternsein in der Schweiz mit sich? Und was bedeutet es, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt? In unserer Serie thematisieren wir verschiedene Facetten des Elternseins.

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Laut Daten des Max Planck Institutes und der Universität Wien stieg das Alter beim ersten Kind in den vergangenen Jahrzehnten in allen OECD-Ländern an. Im Durchschnitt waren in OECD-Ländern Frauen 2016 beim ersten Kind 28,9 Jahre alt – jedoch nur in Spanien waren Mütter beim ersten Kind noch älter als in der Schweiz.

Paare in der Schweiz bekommen nicht nur spät Kinder, sondern sie haben auch wenige. In der Schweiz bekommt eine Frau im Schnitt 1,52 Kinder, diese Zahl ist seit 1990 relativ konstant. Frauen aus dem Ausland, die in der Schweiz leben, haben im Durchschnitt mehr Kinder als Schweizerinnen.

Im internationalen Vergleich bekommen die Schweizerinnen zwar wenige Kinder, sie sind aber in Europa nur im unteren Mittelfeld. Laut Daten des Wittgenstein Zentrums für Demografie in Wien bekommen Frauen in Spanien, Italien, Zypern und Rumänien beispielsweise noch weniger Kinder.

Am meisten Kinder bekommen Frauen in Georgien, der Türkei und Frankreich. Dass Frankreich so weit oben liegt, hat Gründe: Dort gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts Vorschulen, die Kleinkinder ab drei Jahren aufnahmen. Der Staat hat schon sehr früh dabei geholfen, dass Kinder betreut werden und, dass Frauen nach der Geburt wieder arbeiten gehen können. Doch selbst in Frankreich sinkt die Geburtenrate.

Längerer Bildungsweg - weniger Kinder 

Was sind die Gründe für das späte Kinderkriegen in Europa und in der Schweiz im Speziellen? Zum Einen hätten Frauen heute einen längeren Bildungsweg als noch vor einigen Jahrzehnten, sagt Bettina Isengard, Soziologin an der Universität Zürich. Dies gelte für alle westlichen Länder. Eine akademische Ausbildung dauert mehrere Jahre – das Alter, in dem man eine Familie gründet, verschiebt sich also seit einiger Zeit nach hinten. 

Auch die Partnerwahl habe sich in den letzten ein bis zwei Generationen verändert, sagt Bettina Isengard. Frauen seien anspruchsvoller geworden, und somit sei manchmal auch kein geeigneter Partner für die Familienplanung vorhanden.

Die Partnerwahl ist anspruchsvoller geworden: Auch aus diesem Grund werden Schweizer in der Regel eher spät Eltern. © Keystone / Gaetan Bally

Ein weiterer Grund für die tiefen Fertilitätsrate sei die Kinderbetreuungssituation in der Schweiz, so Isengard. Frauen hierzulande haben einen vergleichsweise kurzen Mutterschaftsurlaub. Der erst kürzlich beschlossene Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen hilft Männern und Frauen nur wenig, eine bezahlte Elternzeit für beide Partner fehlt. Somit ist die Geburt eines Kindes für viele Frauen immer noch ein Einschnitt in der Karriere, der gut überlegt wird.

Hohe Betreuungskosten in der Schweiz

Weil die Betreuungskosten in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr hoch sind, fühlen sich viele auch nicht finanziell abgesichert, sagt Isengard. "Nicht alle Eltern können sich die Kinderkrippen einfach so leisten. Für viele entstehen trotz Subventionen gemessen an ihrem Einkommen sehr hohe Kosten", sagt Isengard.

Und nicht nur Kindertagesstätten sind teuer. Ein Kind zu bekommen ist hierzulande fast Luxus. Laut einer Studie des Zürcher Jugendamtes kostet ein Kind je nach Alter 1200 bis 1800 Franken pro Monat. Der Medianlohn liegt bei 6500 Franken brutto – ein Kind kostet also je nach dem 18 bis 27 Prozent des Bruttolohns eines Elternteils. 

Für ein zehnjähriges Kind müssen Eltern zum Beispiel 1500 Franken pro Monat oder 18'000 Franken pro Jahr bezahlen. Am meisten Geld kosten Wohnen (560 Franken pro Monat), Essen (340 Franken) und Freizeit (300 Franken). Bettina Isengard bestätigt das. Die Menschen, die unterdurchschnittlich verdienten, bekämen zum Teil Probleme, zum Beispiel beim Umzug in eine grössere Wohnung - vor allem in den Städten.

Viele sind ungewollt kinderlos 

Es gibt also verschiedene Gründe, das Kinderkriegen aufzuschieben. Viele heben sich die Kinderplanung für später auf – vielleicht weil die Ausbildung und die Karriere Vorrang haben, oder weil es keinen geeigneten Partner gibt. Die Folge sind ältere Eltern, aber auch, dass viele Menschen ungewollt kinderlos bleiben. Die Fruchtbarkeit sinkt bei beiden Geschlechtern mit dem fortschreitenden Alter, bei Frauen sinkt sie ab 35 Jahren rapide.

Es gibt auch Paare, die altersunabhängig kein Kind zeugen können. Wenn ein Paar nach zwei Jahren ungeschütztem Geschlechtsverkehr kein Kind bekommt, gilt es als unfruchtbar. Das trifft in der Schweiz insgesamt auf etwa 7 Prozent der Paare zu. So entscheiden sich viele Paare für eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung. 

In der Schweiz war in den 2000er Jahren die Zahl der Frauen, die sich für medizinische Hilfe entscheiden, angestiegen, 2010 hatte sie den Höchststand erreicht. Heute entsteht jedes vierzigste Kind mithilfe einer künstlichen Befruchtung.

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