Was erwartet das Internationale Genf im Jahr 2026?
Das Internationale Genf geht geschwächt und voller Unsicherheiten ins Jahr 2026. Gründe dafür sind die Rückkehr von Donald Trump als US-Präsident sowie eine Vertrauenskrise in den Multilateralismus. Zwischen Restrukturierungen und einem Wettbewerb von Standorten entscheidet sich die Zukunft der internationalen Ordnung auch am Ufer des Genfersees.
Das Jahr 2025 brachte für die internationalen Organisationen in Genf tiefgreifende Veränderungen. Sie litten bereits unter Budgetkürzungen und einem Mangel an Glaubwürdigkeit angesichts der weltweiten Zunahme von Konflikten. Dazu kam ein beispielloser Rückzug des Engagements der Vereinigten Staaten, der mit der Rückkehr von Donald Trump ins Weisse Haus einher geht.
Als wichtigster Geldgeber und historisch einflussreicher Akteur des UN-Systems hat Washington insbesondere der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Menschenrechtsrat (UNHRC) – beide mit Sitz in Genf – den Hahn zugedreht. Mit der Auflösung der US-Agentur für Auslandshilfe (USAID) stürzte die neue US-Regierung den humanitären Sektor und seine wichtigsten Institutionen in Genf in eine tiefe Krise.
«Das multilaterale System befindet sich in einer finanziellen und politischen Krise. Einige Sonderorganisationen, insbesondere im humanitären Bereich, waren bei der Finanzierung ihrer Aktivitäten bis zu 40 Prozent von den Vereinigten Staaten abhängig», betonte kürzlich Botschafterin Anna Ifkovits Horner, stellvertretende Leiterin der Schweizer Mission bei der UNO in GenfExterner Link, bei einer öffentlichen Konferenz in Bern.
«Diese Situation ist problematisch. Die Lösung wäre eine Diversifizierung der Einnahmequellen, aber angesichts der geopolitischen Gesamtlage ist das nicht einfach», fügte sie hinzu.
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Weitere Reformen
Angesichts dieser Entwicklung hat UN-Generalsekretär Antonio Guterres Budgetkürzungen eingeleitet und einen umfassenden Reformprozess namens UN80Externer Link gestartet. Mit dieser Initiative soll die Effizienz der Vereinten Nationen gesteigert werden. Zu den geplanten Massnahmen gehören die Zusammenlegung von Agenturen mit ähnlichen Aufgabenbereichen und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Genf und New York an kostengünstigere Standorte wie Nairobi oder Rom.
Das Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR), die Internationale Organisation für Migration (IOM), das Büro für Menschenrechte (OHCHR), die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sowie UNICEF und UNAIDS gehören zu den Genfer Organisationen, die am stärksten von den Entlassungen und Stellenverlagerungen betroffen sind. Es geht um mehrere Hundert Arbeitsplätze.
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Aller Voraussicht nach werden diese Umstrukturierungen auch im Jahr 2026 fortgesetzt werden. Einige Optimisten hoffen, dass der weitere Abbau gebremst oder verhindert werden kann. Sie betonen die Vorteile, die Genf in Bezug auf Know-how und Infrastruktur bietet, verweisen aber auch auf Massnahmen, die die Kantons- und Bundesbehörden als Reaktion auf diese Entwicklung ergriffen haben, insbesondere diverse Finanzhilfen.
Doch die extrem hohen Lebenshaltungskosten in Genf als zweitgrösste Stadt der Schweiz sind und bleiben ein grosses Problem für die internationalen Organisationen, die ihre Ausgaben senken wollen. Hinzu kommt die Aufwertung des Schweizer Frankens, der in den letzten Jahren gegenüber dem Euro seinen Wert um mehr als 10 Prozent gesteigert hat.
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Das Internationale Genf
Wer wird Generalsekretär:in der UNO?
Für Antonio Guterres wird 2026 das letzte Jahr seiner Amtszeit sein. Mit Sicherheit wird er so weit wie möglich versuchen, die von ihm eingeleiteten Reformen zum Abschluss zu bringen. Aber er wird sich mit der Unzufriedenheit etlicher Mitarbeiter:innen auseinandersetzen müssen, die unter den Kündigungen und Umstrukturierungen leiden.
Das Personal der internationalen Organisationen hat im Jahr 2025 in einem für Genf bisher ungekannten Ausmass mobilisiert und Protest-Kundgebungen organisiert. Es wird diese Gangart sicherlich auch im nächsten Jahr fortsetzen.
2026 wird daher zu einem Wahlkampfjahr für die zukünftige Generalsekretärin oder den zukünftigen Generalsekretär werden, die oder der 2027 ihr/sein Amt antreten wird. Gemäss der geltenden geografischen Rotation sollte sie oder er aus Lateinamerika stammen.
Es sind bereits mehrere Namen im Umlauf, darunter der aus Argentinien stammende Direktor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) in Wien, Rafael Grossi, und die derzeitige Generalsekretärin der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD), Rebeca Grynspan aus Costa Rica – eine wichtige Persönlichkeit im internationalen Genf.
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Sind die Vereinten Nationen im Nahen Osten noch relevant?
In einer sich rasch wandelnden Weltordnung und angesichts kritischer Stimmen, die das Fehlen einer echten Reformstrategie anprangern, werden die Mitgliedstaaten die Zukunftsvisionen der Kandidat:innen für eine in der Krise steckenden UNO sehr genau unter die Lupe nehmen.
Wendepunkt für die humanitäre Hilfe?
Im Jahr 2025 erhielten die von den Vereinten Nationen koordinierten humanitären Hilfsprogramme nur 13 der erhofften 45 Milliarden Dollar. Das ist der niedrigste Betrag seit 2016 – einer Zeit, in der der weltweite Finanzbedarf für humanitäre Hilfe noch halb so hoch war wie heute. Dieser Rückgang ist grösstenteils auf den Rückzug westlicher Länder zurückzuführen, die in militärische Aufrüstung statt in humanitäre Hilfe investieren und mit Haushaltsproblemen zu kämpfen haben.
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Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) hat im Dezember seinen traditionellen Spendenaufruf für 2026 gestartet. Die Zielvorgabe liegt weit unter derjenigen des vergangenen Jahres, nämlich bei 33 Milliarden Dollar – einem realistischen Betrag. Mit diesem Geld soll 135 Millionen Menschen weltweit geholfen werden, die von Kriegen, Klimawandel, Katastrophen und Epidemien betroffen sind.
Die grosse Frage ist, ob eine Erhöhung der Beiträge noch möglich ist. Angesichts des Rückzugs der USA und europäischer Länder, die historisch zu den grössten Geldgebern zählten, hoffen die humanitären Organisationen, neue Förderer zu gewinnen, etwa die Golfstaaten oder die Volksrepublik China, die jedoch bilaterale Hilfe privilegiert. Daneben werden auch private Zuwendungen gesucht. Im Moment deutet jedoch nichts darauf hin, dass sich bei der Finanzierung kurzfristig eine Veränderung ergeben könnte.
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Welchen Platz hat der Frieden?
Genf war historisch als Ort für internationale Friedensverhandlungen bekannt. Nach einer schwierigen Zeit während der Pandemie schien die Calvin-Stadt diese Funktion zu verlieren. Städte wie Doha in Katar, Istanbul in der Türkei oder Kairo in Ägypten haben sich als starke Konkurrenten für internationale Gipfelgespräche etabliert.
Während diese Städte ihren Status in diesem Jahr festigen konnten, hat Genf immerhin etwas vom früheren Glanz zurückgewonnen, namentlich durch Gespräche auf höchster Ebene über das iranische Atomprogramm sowie Verhandlungen zwischen Kiew und Washington über den amerikanischen Friedensplan für die Ukraine. Russland nahm an diesen Gesprächen allerdings nicht teil. Nachdem sich die Schweiz den Sanktionen gegen Moskau angeschlossen hatte, erklärte Russland, dass die Schweiz kein neutraler Treffpunkt mehr sei.
Ein Gipfeltreffen in Genf zwischen dem ukrainischen und dem russischen Präsidenten im Jahr 2026 erscheint zwar höchst unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Eine entsprechende Option hatten einige europäische Staats- und Regierungschefs im vergangenen Sommer nach dem Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin vorgeschlagen. Da die Schweiz sich darauf vorbereitet, den Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zu übernehmen, deren Mitglied Russland ist, kommt Genf als «Hauptstadt des Friedens» vielleicht doch noch zu Ehren.
>> Hören Sie sich unseren englischsprachigen Podcast Inside Geneva an, der sich mit der Zukunft des Völkerrechts in der heutigen Zeit befasst.
Editiert von Virginie Mangin; Übertragung aus Französischen von Gerhard Lob / me
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