Novartis steigt bei Roche ein
Der Basler Pharmariese Novartis streckt die Hand nach dem Konkurrenten Roche aus. Novartis gab am Montag (07.05.) die Übernahme einer 20-Prozent-Beteiligung für 4,83 Mrd. Franken an Roche bekannt. Verkäuferin ist Martin Ebners BZ-Gruppe. Analysten und Gewerkschaften reden von einem ersten Schritt - besonders Roche dementiert Gerüchte aber über weiter gehende Zusammenarbeit.
In der Basler Pharmagrossindustrie werden die Karten neu gemischt: Fünf Jahre nach der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy zu Novartis streckt die Nummer 1 der Schweizer Pharmaindustrie die Hand nach dem Konkurrenten Roche aus. Möglich wurde der Vorstoss durch den BZ-Bankier Martin Ebner, der seine Forderungen nach Einsitznahme im Roche-Verwaltungsrat und der Vereinfachung der Kapitalstruktur nicht verwirklichen konnte und sein Aktienpaket deshalb verkaufte. 32 Mio. Inhaberaktien oder rund 20 Prozent des stimmberechtigten Kapitals wechseln für 4,83 Mrd. Franken in bar die Hand. Novartis zahlte 151 Franken pro Aktie oder fünf Prozent mehr als der Schlusskurs vom letzten Freitag.
Keine Fusion, beteuern beide
Novartis-Präsident und Konzernchef Daniel Vasella informierte Roche-Konzernchef Franz Humer am vergangenen Freitagabend über den Deal. «Dieser Kauf ist eine langfristige finanzielle Investition von strategischer Ausrichtung», sagte Vasella am Montag. Eine Fusion stehe zum heutigen Zeitpunkt nicht zur Diskussion. Vasella erinnerte aber auch an die Grossfusionen in der Branche, die Novartis aus der absoluten Spitzengruppe verdrängt hatten.
Novartis sei die am besten passende Käuferin für dieses Paket, sagte Vasella. Bisher sei nicht über eine Zusammenarbeit mit dem Management von Roche gesprochen worden. Vasella hofft aber, dass sich eine Kooperation mit der Zeit finden lässt. Denn Roche verfüge über gute langfristige Geschäfts-Perspektiven.
Eine Fusion ist für Roche im Moment überhaupt kein Thema. Konzernchef Humer sagte, dass sich Roche auf Wachstum aus eigener Kraft konzentriere. «Wenn man unsere Strategie betrachtet ist klar, dass wir auf organisches Wachstum fokussiert sind», sagte er. Und weiter: «Aber wenn es strategisch weise ist, werden wir weiterhin alle anderen Möglichkeiten anschauen.» Wichtig sei, dass die Mehrheitsbeteiligung an Roche nicht geändert habe.
Mehrheits-Verhältnisse ändern nicht
Der Aktionärspool der Gründerfamilien Hoffmann und Oeri-Hoffmann bleibt mit einem ausgewiesenen Anteil von 50,1 Prozent der Inhaberaktien und der Stimmen bedeutendster Aktionär. Novartis hält zwar nur 3,7 Prozent des gesamten Roche-Kapitals, ist mit 20 Prozent der Stimmrechte neben dem Familienpool aber die zweitstärkste Kraft.
An den Mehrheitsverhältnissen werde sich nichts ändern, beteuern die Verantwortlichen: Die in einem Aktionärspool verbundenen Familienaktionäre von Roche wollen ihre Stimmenmehrheit nicht abgeben. Weiter betonte Pool-Sprecher Fritz Gerber: «Der Pool wird seine Mehrheit wie immer verantwortungsvoll im Interesse des ganzen Unternehmens einsetzen.» Auswirkungen auf die Stellung des Pools habe die Transaktion nicht. Auf die Frage, ob Novartis nun in den Verwaltungsrat von Roche einziehen werde, sagte Gerber: «Sicher nicht. Es liegen keinerlei derartige Begehren vor. Der Pool hat deshalb keinen Anass, sich darüber Gedanken zu machen.»
Weitergehende Schritte: Börse hofft,…
Der Einstieg des Novartis-Konzerns beim Konkurrenten Roche hat an der Börse beiden Papieren Auftrieb gegeben. Die Genussscheine des Roche-Konzerns verbesserten sich am Montag um über 3%, die Roche-Aktie stieg sogar um beinahe 6%. Etwas weniger legten die Papiere von Novartis zu: Ihr Kurs stieg um knapp über 2%.
…Gewerkschaften befürchten
Mit der 20-Prozent-Beteiligung strebe Novartis offensichtlich eine Fusion oder zumindest eine strategische Allianz mit Roche an, sagte Jost Arnet von der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI). Der GBI lehnt das weitere Zusammenrücken der beiden Pharmamultis ab. Bereits eine strategische Allianz hätte einen beträchtlichen Stellenabbau zur Folge, sagte Arnet. Eine Fusion wäre nicht nur sozial-, sondern auch wirtschaftspolitisch höchst problematisch.
swissinfo und Agenturen
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch