Zwischen Reben und Rückenschmerzen: Eine Schweizerin baut ihr Weingut auf
Iris Frauchiger hat vor ein paar Jahren den Bürojob in Bern hinter sich gelassen und ist Winzerin in Südfrankreich geworden. Heute produziert sie naturbelassene Weine und stellt sich den körperlichen, persönlichen und bürokratischen Herausforderungen dieses neuen Lebens.
«Sitzen geht schon», sagt Iris Frauchiger im Stehen, «aber nicht zu lange». Kürzlich ist sie für eine Rückenoperation hier nach Bern gereist. Man sieht es ihren Bewegungen an: vorsichtig, dosiert – die Bandscheibe. Dabei arbeitet sie sonst körperlich.
Frauchiger beginnt zu erzählen, von der Gemeinde Montblanc im Süden Frankreichs, von Reben, von Wärme. Von einem Ort, an dem sie neu angefangen hat.
Unsere Serie porträtiert Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland Unternehmen gründen und aufbauen. Anhand ihrer persönlichen Werdegänge zeigen wir, warum sie ihre Projekte jenseits der Landesgrenzen realisieren, welche Rahmenbedingungen sie dort vorfinden und welche Herausforderungen und Chancen sich daraus ergeben.
Anhand ihrer Lebenswege zeigt diese Serie zudem, wie die Fünfte Schweiz zur wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Ausstrahlung der Schweiz beiträgt.
Vom Büro in den Rebberg: Eine Chance in Frankreich
Den Entschluss Winzerin zu werden, fasste sie auf der Heimfahrt von einer Weindegustation. «Ich wollte nicht im Büro alt werden», sagt Frauchiger, die einmal die administrative Leitung der Kunsthalle in Bern innehatte. Sie war etwas über 40 und bereit, ihrem Leben nochmals einen neuen Impuls zu geben.
Sie begann zu lesen, zu recherchieren, Praktika zu machen – im Lavaux und im Süden Frankreichs – und baute sich so ein Netzwerk auf. Sie fand Freunde und Gleichgesinnte und bald auch ein eigenes Weingut.
«Mein Wunsch war es schon immer, irgendwann in Frankreich zu leben», sagt Frauchiger. Es war also ein grosses Glück für sie, als ihr vor drei Jahren ihr heutiger Mentor und Freund Aymeric Amiel einen Teil seines Betriebs in Montblanc – «nicht der Berg, sondern das Dorf», wie sie klärt – im Süden Frankreichs zur Pacht anbot.
«Eigentlich ist diese Gelegenheit zu früh gekommen. Trotzdem wusste ich, dass ich sie packen muss», so Frauchiger rückblickend. Sie konnte einen Teil vom Material übernehmen, die Reben waren gesund– das habe sie bestärkt, es zu tun. Ihr Umfeld, allen voran ihre Teenagertochter, habe positiv reagiert. «Mach dein Ding, Mama», habe sie gesagt.
«Ich bin ja nicht komplett ab der Welt, nur ein bisschen weiter entfernt von Bern», sagt die 46-Jährige. Dank technischer Möglichkeiten könne man heute auch online zusammen einen Kaffee oder Apéro trinken.
«Organisons Nous»Externer Link – organisieren wir uns – der Name ihres Weinguts scheint zu passen. «Beim Weinanbau unterstützt man sich gegenseitig, hilft einander aus und teilt auch die Anlagen und Geräte», erklärt sie.
Warum Frankreich – und nicht die Schweiz?
Mittlerweile ist die Bernerin das dritte Jahr als Winzerin tätig – und das ohne offiziellen Abschluss. Sie hätte zwar gerne die Ausbildung gemacht. «Doch dann wäre ich nochmals drei Jahre älter gewesen und hätte etwas gelernt, das im Süden Frankreichs wieder ganz anders ist als in der Schweiz», sagt Frauchiger. Also entschied sie: «Ich lerne es dann einfach beim Machen.»
Angefangen hatten sie in Montblanc zu zweit, gemeinsam mit einem Schweizer Kollegen, der Ende 2025 wieder in die Schweiz zurückkehrte. Heute produziert Frauchiger bereits kostendeckend. Für diese kurze Zeit sei das ganz gut.
Frauchiger hat sich in Naturweine verliebt. Auch wenn sie das Wort «Naturwein» nicht mag, naturbelassen sei ehrlicher. Klar war für sie auch immer, dass sie sich nicht in der Schweiz selbständig machen will.
«Ich habe nicht gerne Berge vor dem Kopf», sagt sie und lacht. In Montblanc – 20 Fahrminuten vom Mittelmeer entfernt – sei alles flach und dadurch sei die Weinproduktion auch um ein Vielfaches günstiger und körperlich auch weniger anstrengend.
Ein Beruf, der Spuren hinterlässt
Die Rebberge in der Schweiz liegen oft an sonnenverwöhnten, steilen Hängen. «Dazu braucht es spezielle und dadurch auch teure Maschinen», sagt sie.
Die Arbeit sei entsprechend noch einmal deutlich anstrengender. Für Frauchiger ein wichtiges Argument, besonders jetzt, mit ihrem operierten Rücken.
Sie nimmt die OP mit Humor. «Jetzt gehöre ich endlich dazu», sagt sie und lacht. Viele Winzerinnen und Winzer in ihrem Umfeld seien am Rücken operiert – ein Zeichen der körperlichen Belastung des Berufs.
Was ihr ihre momentane körperliche Verfassung auch vor Augen führt: Sobald sie ihren Zweitwohnsitz hier definitiv aufgibt – und das ist ihr Plan für dieses Jahr – wird sie auch auf das gute Gesundheitssystem der Schweiz verzichten müssen.
Die Zelte in der Schweiz definitiv abzubrechen, fällt ihr nicht leicht. «Da kommen schon Zweifel, Ängste und Unsicherheiten auf», gibt Frauchiger zu.
Wegen ihres Ausfalls verpasst sie derzeit Arbeiten im Rebberg: Pflanzenschutz, Mähen, das Ausbrechen der Reben – «eine meditative Arbeit, bei der man zu 200% bei der Pflanze ist», sagt sie wehmütig. Unterstützung erhält sie von Winzer:innen vor Ort und von Freund:innen aus der Schweiz und Montblanc.
«In Südfrankreich wartet niemand auf eine Schweizer Winzerin»
Nach langem Sitzen in einem Café in der Berner Länggasse macht sich die Kälte und Frauchigers Rücken bemerkbar. Sie sagt es beiläufig, fast entschuldigend, ein bisschen Bewegung würde ihr guttun. Langsam geht es los, Schritt für Schritt durch ihre alte Heimat, während sie weiter von ihrem neuen Leben erzählt.
Besonders gefalle ihr die Abwechslung am Beruf: Angefangen bei der Pflege der Reben, über das Ernten der Trauben, bis hin zur Weinproduktion und dem Verkauf.
In diesen Tagen füllt Frauchiger 11’000 Flaschen Wein ab: Weisswein, Rosé, Schaumwein – bis hin zu Rotwein. Sie besucht regelmässig Weinmessen in Südfrankreich und vertreibt ihre Weine auch in der Schweiz. Dafür hat sie eine Importfirma Externer Linkin der Schweiz gegründet. «In Südfrankreich wartet niemand auf eine Schweizer Winzerin», räumt sie ein.
Bürokratie ohne Ende
Die Administration mit Standbeinen in Frankreich und in der Schweiz sei nicht nur der Sprache wegen aufwändig und herausfordernd. Frauchiger vergleicht sie mit der Szene «von Schalter zu Schalter» aus Asterix erobert Rom. «Man wird von einem Schalter zum nächsten geschickt – es ist wahnsinnig kompliziert.»
Unterstützung erhält sie beim Umgang mit der Bürokratie von einem Treuhänder in der Schweiz und einem Buchhalter in Frankreich. Solange sie nicht definitiv in Frankreich lebt, sind ihr bezüglich Rechtsform ihres Unternehmens die Hände gebunden. Als Ausländerin und dazu nicht aus der EU könne sie nur wenige Rechtsformen wählen – im Moment ist «Organisons-nous» eine landwirtschaftliche Genossenschaft.
Frauchiger sieht ihre Zukunft klar in Frankreich. Sie schätzt den Rhythmus der Jahreszeiten, die Arbeit draussen und die unmittelbaren Resultate in ihren Händen. «Es ist streng, ja – aber auch unglaublich erfüllend.»
Sie habe gelernt, Risiken einzugehen und sich auf Neues einzulassen. «Am Ende geht es darum, es einfach zu versuchen», sagt sie.
Vor einem Migros bleibt Iris Frauchiger stehen. Sie müsse noch einkaufen, sagt sie. Ein kurzer Halt im alten Alltag, bevor es zu den Reben im Süden Frankreichs zurückgeht.
Editiert von Benjamin von Wyl.
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