Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

EM in Barcelona als Sprungbrett für höhere Aufgaben



Im Training Partnerinnen, im Wettkampf Gegnerinnen: Lisa Urech (links) und die Deutsche Nadine Hildebrand.

Im Training Partnerinnen, im Wettkampf Gegnerinnen: Lisa Urech (links) und die Deutsche Nadine Hildebrand.

(Keystone)

Für Weitspringerin Irene Pusterla und Hürdensprinterin Lisa Urech ist die Europameisterschaft die Bühne, auf der sich die grössten Hoffnungen der Schweizer Leichtathletik für höhere Aufgaben empfehlen können, sagt Ex-Kugelstoss-Weltmeister Werner Günthör.

"Leichtathletik ist eine brutale Sportart." Werner Günthör weiss, wovon er spricht.

Der heute 49-Jährige ist mit drei Weltmeistertiteln, Olympia-Bronze und EM-Gold der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet aller Zeiten.

Wie brutal Leichtathletik sein kann, hat Irene Pusterla in Barcelona am Dienstag in der Qualifikation für den Weitsprung-Final erfahren: Auch wenn ihr mit 6,62 Metern die Bestätigung ihres fantastischen Schweizer Rekordes von 6,76 gelang, verpasste sie die Finalqualifikation.

Vor rund zwei Wochen übertrumpfte die 22-jährige Tessinerin die 6,73, die der legendären Meta Antenen 1971 an der EM in Helsinki Silber beschert hatten.

Gleiche Weite, aber...

Besonders schmerzlich: Die schwedische Ex-Siebenkampf-Olympiasiegerin Carolina Klüft, die Pusterla den letzten Finalplatz wegschnappte, sprang nicht weiter, verzeichnete aber den um einen Hauch besseren zweitbesten Versuch. Zudem hätten die 6,62 bei allen vorigen Europameisterschaften locker für das Finale gereicht.

Für Pusterla ist es hoffentlich mehr als ein Trost, wenn sich Günthör im Gespräch mit swissinfo.ch von ihrem weiten Satz in Barcelona "besonders beeindruckt" zeigt.

Während der Einsatz Pusterlas in der katalanischen Metropole beendet ist, hat die Bernerin Lisa Urech, das zweite Aushängeschild der aktuellen Schweizer Leichtathletik, ihren Auftritt noch vor sich.

Mit ihren ebenfalls erst kürzlich gelaufenen 12,84 Sekunden scheint die 21-Jährige für den Final über 100m Hürden gesetzt, liegt sie doch auf Platz sechs in Europa. Vom Schweizer Rekord von 12,76, den Julie Baumann vor 19 Jahren aufgestellt hatte, trennen Urech nur noch acht Hundertstel.

Grosses Potenzial

"Kann sie ihre Bestzeit bestätigen und das Finale erreichen, kann von Platz acht bis nach ganz vorn viel gehen", sagt Günthör. Denn gerade auf den Sprintdistanzen spiele auch das Glück eine Rolle. Eine Konkurrentin könne stürzen oder einen schlechten Tag erwischen.

Gleichzeitig warnt er vor zu grossen Hoffnungen. Zwar zeige ihre Leistungskurve nach oben, doch käme es einem Sechser im Lotto gleich, könnte Urech am Tag X des EM-Finals ihre Bestleistung oder gar Baumanns Rekordmarke verbessern.

Während die junge Emmentalerin mit den letzten akribischen Vorbereitungen beschäftigt ist, denkt Günthör schon einen Schritt weiter. "Die EM ist für Urech wichtig im Hinblick auf grössere Anlässe wie WM und Olympia, wo sie mit noch mehr Druck wird umgehen müssen."

Weitere Verbesserung nötig

Um dort den Final erreichen zu können, würde ihre momentane Bestzeit wahrscheinlich nicht ausreichen, sagt der ehemalige Modellathlet, der mit 22,75m immer noch den Schweizer Kugelstoss-Rekord hält.

Während Gleiches auch für Weitspringerin Pusterla gelten kann und muss, dürften die meisten Athleten des 22-köpfigen Schweizer Teams von Barcelona die Heim-EM 2014 in Zürich als Fernziel angeben.

Kritik, dass die grosse Schweizer Delegation mehr Masse als Klasse aufweise, konterte der Verband mit dem Hinweis, dass das Barcelona-Team das Fundament der Mannschaft bilden solle, die in vier Jahren vor heimischem Publikum im Letzigrund die Farben der Schweiz tragen werde.

Günthör begrüsst einerseits das Bestreben des Verbandes, Leichtathletik für junge Athletinnen und Athleten attraktiv zu machen, indem er ihnen zeige, "dass es lässig sein kann, an einem Grossanlass teilzunehmen".

Ein Jekami (Jeder kann mitmachen) kommt für Günthör, der heute in Erlach am Bielersee lebt und im Bundesamt für Sport in Magglingen arbeitet, aber nicht in Frage: "Die selektionierten Athleten müssen mindestens die Chance haben, eine Runde weiter zu kommen. Nur dabei zu sein, damit ist weder dem Verband noch dem Athleten gedient."

Credo eines Schwerarbeiters

Günthör hat in seiner Karriere wohl hunderttausende Tonnen Gewichte gehoben, zehntausende Male die Kugel gestossen und Sprünge gemacht, um Kraft und Schnellkraft zu steigern. So überrascht es kaum, wenn er "arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten " als Grundlage des Erfolges in der Leichtathletik bezeichnet.

"Das ist nicht immer angenehm und einfach, besonders nicht, wenn man es mit einer Ausbildung oder einem Beruf verbinden muss."

Dazu kommt, dass das internationale Niveau in der weltumspannenden Sportart sehr hoch sei. "In kaum einer anderen Sportart, abgesehen vielleicht vom Schwimmen, sieht der Athlet sofort, wo er mit seiner Leistung in Bezug auf die Weltbesten steht." Das mache die Leichtathletik zu einer "brutalen Sportart", in der Talent allein nicht zum Erfolg führe.

Hin zu den Besten

Lisa Urech gehört zu jenen Athletinnen und Athleten, denen Günthör sein Credo von der harten und unablässigen Trainingsarbeit nicht ins Gewissen reden muss. Sie lebt und trainiert in Bern, reist aber aus eigenem Antrieb regelmässig nach Stuttgart, um dort bei einem deutschen Trainer und ihrer temporären Trainingspartnerin Nadine Hildebrand an Schnelligkeit und Technik zu feilen. Das Duo läuft auf schier identischem Level und pusht sich so immer weiter vorwärts.

Klar, dass Günthör Urechs Weg gefällt. "Das könnte durchaus der Weg sein, ein Team um eine erfolgreiche Athletin herum aufzubauen", sagt er. Die Situation erfordere aber eine gute Kommunikation der Trainer untereinander, denn sie müssten sich über Stärken, Schwächen, Fortschritte und Schwerpunkte austauschen.

Solo am Genfersee

Irene Pusterla hat den völlig entgegengesetzten Weg eingeschlagen, der ihr aber nicht minder Disziplin abverlangt: Die Psychologie-Studentin an der Universität Lausanne absolviert ihre Trainings mutterseelen allein.

Nur alle zwei Wochen reist sie heim ins Tessin, um dort mit ihrem Betreuer an der Sprungtechnik zu feilen. Wie Urechs "globalisiertes Training" hat auch Pusterlas Solo bisher zum Erfolg geführt.

Renat Künzi, swissinfo.ch

Schweizer Leichtathletik im Umbruch

Die Schweizer Leichtathletik befindet sich in einer Übergangsphase.

Zugpferde wie André Bucher, Anita Weyermann, Anita Protti oder zuvor Werner Günthör, Markus Ryffel und Pierre Délèze sind nicht mehr aktiv.

Erstmals seit Athen 1982 könnte die Schweiz an der EM ohne Medaille bleiben.

Die Aufsteigerinnen Lisa Urech und Irene Pusterla haben just vor der EM Leistungen erzielt, mit denen sie sich in der europäischen Spitze (Urech) oder unmittelbar dahinter (Pusterla) etablierten.

Viktor Röthlin (35), das Aushängeschild der letzten Jahre und EM-Silbermedaillengewinner 2006 in Göteborg, wird am Sonntag im Marathon versuchen, nach einer Serie schwerer gesundheitlicher Rückschläge an seine besten Zeiten anzuknüpfen.

Ein weiterer "Altmeister" hat in Barcelona überrascht: Der Berner Langstreckler Christian Belz, auch er 35, wurde über 10'000m hervorragender Sechster. Wie Röthlin hatte auch er in den letzten Jahren immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen.

Die EM 2014 findet in Zürich statt.

Infobox Ende

Werner Günthör

Der Ostschweizer mit Jahrgang 1961 gewann an der Hallen-EM 1984 in Göteborg als Zweiter seine erstes internationales Edelmetall.

1986 wurde er in Stuttgart Europameister.

1986 und 1987 ist Günthör Schweizer des Jahres.

1988 Olympia-Dritter in Soeul.

Weltmeister 1987 in Rom, 1991 in Tokyo und 1993 in Stuttgart.

Erster der Weltjahresbestenliste in den Jahren 1987, 1989, 1991 und 1993.

Vor seiner grossen Zeit als Kugelstösser war der Zweimeter-Mann ein sehr guter Zehnkämpfer.

Seinen Erfolgen in den Sportarenen verdankt Günthör einmalige emotionale Momente, "die sich kein Milliardär kaufen kann".

Dank seines Netzwerkes ist Günthör noch heute mit der Leichtathletik verbunden (ehemalige Konkurrenten, Meetingveranstalter, Manager).

Ehrungen wie die Wahl zum Schweizer des Jahres haben ihm auch wertvolle Kontakte über die Welt des Sports hinaus ermöglicht.

Worauf er heute immer noch besonders stolz ist: Er habe nichts geschenkt erhalten, sondern sich immer alles selbst erarbeitet.

Infobox Ende


Links

Neuer Inhalt

Horizontal Line


subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

swissinfo DE

Aufruf, der Facebook-Seite von swissinfo.ch beizutreten

Treten Sie unserer Facebook Seite auf Deutsch bei!

×