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Ein Haus öffnet sich: Das Schweizer Kulturzentrum in Paris nach dem Umbau

Zwei Personen und eine Bronzeskulptur
Jean-Marc Diébold, Direktor des Centre culturel suisse, und Claire Hoffmann, Leiterin der Abteilung für Bildende Kunst, vor einer Skulptur der Genfer Künstlerin Mai-Thu Perret im Innenhof der Pariser Einrichtung. Mathieu van Berchem / SWI swissinfo.ch

Nach vier Jahren Umbau öffnet das «Centre culturel suisse» am 26. März wieder seine Türen. Neu betritt man das Haus durch eine Buchhandlung. Der Anspruch bleibt derselbe: Schweizer Gegenwartskunst fern von Klischees eine Bühne zu geben.

Eine Woche vor der Wiedereröffnung fehlte noch das Schild «Centre culturel suisse» an der Fassade der Pariser Niederlassung von Pro Helvetia, der Organisation, die für die Förderung der Schweizer Kultur im Ausland zuständig ist.

«Es gab einen Tippfehler, wir mussten es zum Lieferanten zurückschicken», erzählt Claire Hoffmann, Leiterin der Bildenden Künste am Schweizer Kulturzentrum.

Sie hätte allen Grund, angesichts der Kartons und des Bauschutts, der noch leeren Buchhandlung und der letzten Pinselstriche nervös zu sein – doch sie behält ihr unerschütterliches Lächeln, während sie uns das neu gestaltete Schweizer Kulturzentrum ParisExterner Link (CCS) vorstellt.

Bis anhin hatte das 1985 gegründete Zentrum keinen wirklich einladenden Zugang. Der Eingang führte in eine Sackgasse mit grossem, unwegsamen Pflaster. Am Ende der Sackgasse musste man noch eine wuchtige, nicht verglaste Tür aufstossen, bevor man schliesslich in die kleine Eingangshalle der Pariser Institution gelangte.

Entflechtung und mehr Durchlässigkeit

Heute ist ein kompletter Wandel sichtbar. Der Rahmen bleibt zwar derselbe: das Hôtel Poussepin, ein reizvolles Gebäude aus dem 17. Jahrhundert im Tourismusviertel Le Marais. Doch der Eingang führt nun durch die an der belebten Rue des Francs-Bourgeois gelegene Buchhandlung.

Die schweizerische Kultur betritt man also künftig durch die Bücher. Neben Kunst-, Grafik- und Architekturbüchern, die unbestrittene Stärken der Schweiz sind, soll auch Literatur präsentiert werden.

Von der Buchhandlung aus führt eine Rampe in die Ausstellungsräume. «Die Herausforderung für die Architektinnen und Architekten bestand darin, die Räume zu glätten, damit das Durchschlendern für die Besuchenden angenehm und für alle Publikumsgruppen so zugänglich wie möglich ist», sagt Hoffmann.

Entflechtung und Durchlässigkeit sind also die Schlüsselwörter des neuen CCS und seiner Architekturbüros: das Pariser «Architecture Studio Bœnders Raynaud» und das Basler Büro «Truwant+Rodet+».

Der Veranstaltungssaal kann sich nun zum ehemaligen Eingangsbereich und sogar zum charmanten Innenhof hin öffnen, was besonders praktisch für grosse Vernissagen, Veranstaltungen oder Performances ist.

Verwurzelt in der Gegenwart

Der Eingang hat sich verändert, die Wege sind flüssiger, aber wie sieht es mit den Inhalten aus? Ist das Schweizer Kulturzentrum Paris weiterhin das Schaufenster der helvetischen zeitgenössischen Kunst und der etwas konzeptuellen Avantgarden, wie es kritische Stimmen behaupten?

Vor rund zwanzig Jahren schlug sein Direktor Michel Ritter (1949–2007) eine stark auf zeitgenössische Kunst ausgerichtete Linie ein und verschaffte der Institution mit umstrittenen Ausstellungen – darunter «Swiss-Swiss Democracy» des Künstlers Thomas Hirschhorn – grosse Medienpräsenz.

Seine Nachfolger Jean-Paul Felley und Olivier Kaeser, dann Jean-Marc Diébold, der seit 2019 von Claire Hoffmann unterstützt wird, haben diesen Kurs beibehalten und gleichzeitig die Aktivitäten des CCS diversifiziert.

«Zeitgenössische Kunstschaffende auszustellen, ist der Auftrag, den uns Pro Helvetia erteilt», sagt Hoffmann. «Das Zentrum interessiert sich für lebende Kunstschaffende, beschränkt sich aber nicht auf Avantgarden oder aufstrebende Kreative», ergänzt Diébold.

«Eine der Besonderheiten des Schweizer Schaffens ist übrigens, dass es sehr stark in der Gegenwart verankert ist. Im Theaterbereich haben wir in der Schweiz zum Beispiel keine Tradition des klassischen Repertoires. Die Kunstschaffenden interessieren sich für die gegenwärtige Realität – daher die Qualität unseres Theaters und unseres Kinos bei Dokumentarfilmen.»

Die Pariserinnen und Pariser haben es verstanden: Im Schweizer Kulturzentrum können sie keine Werke von Albert Anker bewundern und keine Adaption von «Derborence» von Charles-Ferdinand Ramuz sehen, während sie Schokolade geniessen.

Eine offene, vielfältige Schweiz

«Im Gegensatz zu den meisten ausländischen Kulturzentren in Paris sind wir nicht vom diplomatischen Netzwerk abhängig», freut sich Diébold. Es gibt also keine Sprachkurse, keine Kulturförderung, kurz: keine «Soft Power», keine Schweizer Fahnen und keinen Freiburger Vacherin. «Das ist ein Glück, um das uns viele andere Institute beneiden», betont der Direktor.

Eine menschliche Skulptur in Gelb mit vielen Brüsten und einer silbernen Hand (Ausschnitt)
Diana III, ein Entwurf von Mai-Thu Perret, 2026. CCS / Mareike Tocha

Mit anderen Worten: Das CCS vertritt nicht die Schweiz, sondern stellt Kunstschaffende aus, die in der Eidgenossenschaft tätig sind. Der Pass zählt dabei weniger als eine starke Verbundenheit mit dem Land.

«Durch unsere Programmgestaltung vermitteln wir ein bestimmtes Bild der Schweiz», so Diébold. «Offen, vielfältig, weit entfernt von Klischees.»

Dies trifft auf die drei Ausstellungen zu, die für die Wiedereröffnung ausgewählt wurden. Drei Frauen, drei Generationen, drei Sprachregionen.

Wer aus der Buchhandlung kommt, wird von den Blumenfotos der jungen deutsch-ghanaischen Künstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah empfangen, die in Zürich lebt: Blumen, die jeder Substanz entleert sind – eine Hommage an ihren Vater, der Opfer eines medizinischen Fehlers wurde.

Im Innenhof und im Obergeschoss unter dem Glasdach zeigt die Genferin Mai-Thu Perret, die Mitte vierzig ist, ihre Skulpturen. Bei diesen glaubt man, Inspirationen aus der römischen, ägyptischen oder aztekischen Kunst zu erkennen. –, bevor man begreift, dass sie auf schelmische Weise ihre eigenen Mischungen kreiert.

Schliesslich lässt uns die Tessinerin Ingeborg Lüscher, die durch Adoption zur Schweizerin wurde, die wilden 1970er-Jahre wiederaufleben, als sie regelmässig ihre Styropor-Skulpturen in Brand steckte.

Nach vier Jahren Bauarbeiten – die 7,3 Millionen Franken gekostet haben – und Wanderausstellungen quer durch Frankreich ist das Schweizer Kulturzentrum noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Es intensiviert die Zusammenarbeit mit anderen Pariser Kultureinrichtungen und stellt dabei die Förderung Schweizer Kunstschaffender in den Mittelpunkt seiner Arbeit.

«Schauen Sie sich beispielsweise den Luzerner Zirkuskünstler Julian Vogel an. Wir haben ihn 2019 beim CCS anlässlich unseres ersten Zirkusfokus vorgestellt. Heute macht er eine Tournee mit hundert Terminen in Frankreich!», freut sich Diébold.

Im Moment der Wiedereröffnung dreht sich alles um die Frage des Publikumsandrangs. Werden die Pariserinnen und Pariser nach diesen Jahren der Bauarbeiten zurückkehren? Werden sie den Schritt von der Buchhandlung in die Ausstellungsräume wagen? Dafür haben Diébold und seine Kolleginnen und Kollegen zwei Vermittlungsfachleute eingestellt, um eine Verbindung zum Publikum zu knüpfen.

Das Schweizerische Kulturzentrum öffnet seine Türen ab dem 26. März. Das Wiedereröffnungsfest ist vom 26. bis 29. März geplantExterner Link. Die Ausstellungen von Akosua Viktoria Adu-Sanyah, Mai-Thu Perret und Ingeborg Lüscher sind bis zum 26. Juli zu sehen.

Editiert von Samuel Jaberg, Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub

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