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«Frauen dürfen alles, wenn kein Mann zuschaut»

Ein Blick in den neu erstellten Campus. Sabrina Metzger

Die ETH-Doktorandin Sabrina Metzger ist vor kurzem aus Saudi Arabien zurückgekehrt und plant, im Herbst wieder dorthin zurückzukehren. Sie hat im Land am Golf faszinierende Erfahrungen gemacht.

«Ich war drei Monate in Saudiarabien, und mit allem, was passiert, beantwortet sich vielleicht eine Frage, aber es stellen sich gleichzeitig zehn neue. Dieses Land ist ein Mysterium», sagt Sabrina Metzger. Man wundere sich oft, frage sich, warum machen sie das so und wie es funktioniere.

Der Grund, warum die 30-jährige Doktorandin der ETH Zürich vorübergehend ihren Wohn- und Arbeitsort nach Saudi Arabien verlegt hat, ist der, dass ihr Doktorvater, der Geophysiker Sigurjón Jónsson, seine Lehrtätigkeit an der KAUST-Universität weiterführt. Die KAUST ist eine internationale Universität, die vom saudischen König Abdullah bezahlt wird.

«Ich schreibe eine Doktorarbeit über die Verschiebung der tektonischen Platten in Island. Die Daten, die ich dazu brauche, sind Satellitenbilder und GPS-Daten. Ich kann überall auf der Welt daran arbeiten.» Also auch mitten in der Wüste von Saudi Arabien.

Auf das Gelände des Campus hat die saudische Sittenpolizei keinen Zutritt. Damit westliche Studierende überhaupt in die Wüste studieren kommen, gelten andere Regeln als im Rest des Landes: Männer und Frauen studieren zusammen, Frauen müssten sich nicht verschleiern und haben auch sonst dieselben Rechte wie die Männer.

Die nackten Arme einer Frau

Als junge, westliche Frau habe es sie am Anfang gestört, dass sie ständig angestarrt wurde. «Mich schüchterte es etwas ein.» In der Stadt sei man ganz offensichtlich ein Fremdkörper.

«Auch auf dem Universitätsgelände wird man von den Bauarbeitern oder dem Putzdienst angestarrt.» Diese Männer auf dem Campus, sagt sie, schauten die westlichen Frauen nicht aus bösem Willen an, sondern einfach, weil sie selten die nackten Arme einer Frau sehen.

In Saudi Arabien tragen die Frauen die Abbaya, einen bodenlangen, schwarzen Umhang, dazu ein Kopftuch, das die Haare verhüllt.

Es gebe zwei Arten von Polizei, einerseits die staatliche Polizei, andererseits die Sittenwächter. In Saudi Arabien gilt die Scharia, das islamische Gesetz.

Unliebsame Begegnungen mit der Sittenpolizei hat die junge Frau jedoch keine gehabt. «Als sie einmal etwas zu bemängeln hatten, sprachen sie unsere männlichen Begleiter an. Sie blieben jederzeit höflich.»

Begegnungen mit Frauen, von denen nichts sichtbar sei ausser ihren Augen, seien ihr zu Beginn ihres Aufenthalts am persischen Golf eher unheimlich gewesen: «Man weiss nicht, wie einem diese Frau gesinnt ist, da man das Gesicht nicht sieht. Man sieht nicht, ob sie lacht.» Sie habe nicht gewusst, ob sie diese Frauen überhaupt anschauen dürfe, oder wie sie sich verhalten sollte.

Zur Freiheit der saudischen Frauen hält sie fest: «Generell dürfen Frauen in diesem Land alles machen – ausser Autofahren -, solange ihnen keine Männer zuschauen.» Deshalb boome alles, was mit Computer zu tun habe, Online-Journalismus oder Bloggen. «Das können die Frauen von zu Hause aus machen und brauchen nicht auf die Strasse zu gehen.»

Dreispurige Autobahnen

Auch andere Dinge hat sie als ganz anders erlebt als in Europa, zum Beispiel den Verkehr: «Als ich in Saudiarabien ankam, habe ich rasch gemerkt, dass man vor Mord oder Kriminalität keine Angst haben muss, im Vergleich zu anderen Grossstädten der Welt. Aber der Verkehr! Wenn einem in Saudiarabien etwas zustossen sollte, dann im Strassenverkehr.»

Die Doktorandin erzählt von dreispurigen Autobahnen, auf denen die langsamen Verkehrsteilnehmer geschätzte 140 km/h fahren und die, wenn es nötig scheine, zu fünfspurigen umgewandelt würden. Es gebe keine Fussgängerstreifen, keinen öffentlichen Verkehr und die Strassen in der Stadt seien ständig verstopft. Unfälle und Verkehrstote seien an der Tagesordnung.

«In einem Land, in dem das Benzin 13 Rappen pro Liter kostet, denkt niemand an öffentlichen Verkehr.» Diese Haltung sei aber auch klimatisch bedingt. «Man steigt in seiner klimatisierten Garage in das klimatisierte Auto und steigt in der klimatisierten Garage des Supermarkts wieder aus.» Im Sommer wird es in Saudi Arabien fast 50 Grad warm.

Keine öffentlichen Räume

Ganz grundsätzlich sei das Leben in Saudiarabien anders als im Westen, resümiert sie: «Es gibt keinen öffentlichen Raum. Das Leben findet hinter Mauern statt.»

In Zürich treffe man sich an der Limmat oder am See in Cafés oder in einem Park. «Bei uns ist so viel über die Öffentlichkeit definiert. Wir treffen uns, wir reden, wir lachen unter Kollegen.»

In Saudi Arabien sei so etwas undenkbar: Wegen der Hitze und auch wegen der strikten Geschlechtertrennung. Männer und Frauen lebten in der Öffentlichkeit streng getrennt, ausser, es existieren familiäre Bindungen. Die ganze Kultur in Saudi Arabien sei sehr auf das Private bezogen. «Es gibt diese Mauer um das Haus. Wenn man dort drin ist, kann man sich selber sein.» Die Frauen könnten dort anziehen, was sie wollen, müssten nicht verschleiert sein.

«Dieser Aufenthalt war eine absolut faszinierende Erfahrung», sagt Sabrina Metzger. Die Doktorarbeit soll in einem Jahr fertig werden. Sie plant, im Herbst nach Saudi Arabien zurückzukehren.

Eveline Kobler, swissinfo,ch

Sabrina Metzger ist 30 Jahre alt und hat an der Uni Zürich ein Studium als diplomierte Naturwissenschafterin abgeschlossen. Nach dem Studium arbeitete sie 2 Jahre in der Privatwirtschaft, bevor sie sich entschloss, eine Doktorarbeit in Angriff zu nehmen.

Die KAUST-Universität ist eine neue Anlage, die mitten in der Wüste von Saudi Arabien aus dem Boden gestampft wurde. KAUST steht für «King Abdullah University of Science and Technologie».

Sie liegt 80 Kilometer entfernt von Jeddah, der zweitgrössten Stadt Saudi Arabiens und ist nur 120 Kilomter Luftline von Mekka weg.

Die KAUST ist ein vom saudischen König Abdullah gestiftetes Forschungszentrum, das Forscher, Ingenieure und Technologen ausbilden soll und mit der Privatwirschaft zusammenarbeiten soll. Der Campus ist 36 Quadratkilometer gross und 12,5 Milliarden teuer.

In nur zwei Jahren Bauzeit entstand ein Universitätsgelände, das dereinst 2000 Studierenden und 600 Fakultätsmitgliedern aus aller Welt beherbergen soll. Zur Zeit studieren rund 400 Personen dort.

Mit dieser Uni will der Saudische König den Anschluss an die westliche Wissenschaft schaffen.

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