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Tamilen planen Zukunft in der Schweiz



Viele Tamilen sind in der Schweiz heimisch geworden, wie diese Familie in Genf.

Viele Tamilen sind in der Schweiz heimisch geworden, wie diese Familie in Genf.

(Keystone)

Ein Jahr nach der militärischen Niederlage der tamilischen Befreiungsbewegung haben viele Tamilen in der Schweiz ihre Hoffnungen auf eine Rückkehr aufgegeben. Stattdessen richten sie sich auf eine Zukunft in der Schweiz ein.

In der Schweiz leben 43'000 Tamilen, diejenigen mit Schweizer Pass nicht eingerechnet. Sie kamen in den 1980er- und 1990er-Jahren auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg hierher.

Obwohl man Ihnen anfänglich mit grosser Skepsis begegnette, haben sich die Tamilen gut integriert, zumindest oberflächlich. Sie gelten als sehr fleissig, und viele ihrer Kinder sind sehr gute Schüler. Eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung anerkennt dies und betrachtet die Tamilen als besser integriert als andere Einwandergruppen.

Geschlossene Gesellschaft

Aber sie bilden eine geschlossene Gesellschaft, die stark von Traditionen geprägt ist. Die Zugehörigkeit zu einer Kaste oder einem Familienclan ist prägend für die Identität, gerade in der Schweiz. Arrangierte Ehen innerhalb der tamilischen Gemeinde sind häufig, wobei die Braut oft aus Sri Lanka stammt, während der Bräutigam in der Schweiz aufgewachsen ist.

Dieser "geschlossene Kreislauf" sorgt dafür, dass Tamilen meist ausserhalb der Gesellschaft in der Schweiz leben. Junge Tamilen und Tamilinnen, die Schweizerinnen oder Schweizer heiraten, sind die Ausnahme.

Eine solche ist Pavi. "Tamilen müssen sich dafür interessieren, wie die Schweizer leben", findet der Geschäftsmann aus Basel, der mit einer Schweizerin verheiratet ist. "99 Prozent meiner Bekannten sind Schweizer. Aber für die meisten Tamilen ist Integration ein Fremdwort."

Neue Heimat

Immer noch hoffen zahlreiche Tamilen auf einen Wandel in ihrer ehemaligen Heimat. Andere scheinen zu resignieren. Gemeinsam ist den meisten aber, dass sie ihre Zukunft und diejenige ihrer Kinder in der Schweiz sehen.

"Meine Kinder werden bald zur Schule gehen, sie werden hier aufwachsen und ihre Zukunft liegt hier", sagt Naren. Der Fabrikarbeiter aus dem Kanton Basel-Landschaft hat deshalb für sich und seine Familie die Schweizer Bürgerschaft beantragt. Ein Bruder lebt in London, ein anderer in Kanada. Auf der Insel zurück geblieben seien nur seine Eltern.

Angst

"Werden die Verhältnisse in Sri Lanka je besser?", fragt Naren rhetorisch. Darauf habe er die letzten 20 Jahre gewartet. Jetzt habe er die Hoffnung aufgegeben. "Die Lage ist heute schlimmer als zuvor. Sogar meine Eltern raten mir dringend davon ab, sie zu besuchen!"

Narens Ehefrau Nisha zieht es nicht ins Heimatland zurück, denn dort herrsche Angst. "Ich bin glücklich hier. Aber am Anfang war es hart. Ich kam in die Schweiz, um zu heiraten, und ich vermisste meine Familie." Heute aber lebten 35 Verwandte in der Schweiz.

Kultureller Graben

"Tamilen sind stark bemüht, ihre traditionellen Werte an die junge Generation weiter zu geben", sagt Sri, der in Basel Dienstleistungen für seine Landsleute anbietet. "Es gibt Schulen, an denen in Tamilisch unterrichtet wird. Beherrschen die kleinen Tamilen ihre Muttersprache, lernen sie leichter Deutsch. Das bestätigen sogar Schweizer Pädagogen", sagt Sri.

Gleichzeitig könne die Kultur aber auch zu einer Bürde werden. Dann nämlich, wenn junge Tamilen nicht mehr ihren Eltern folgen wollten.

"Sie haben verschiedene Leben, eines innerhalb der Familie, eines ausserhalb. Junge, aber auch Erwachsene, können die Orientierung und ihre Wurzeln verlieren, oder sie fühlen sich nicht akzeptiert." Die Folge könnten Alkoholprobleme oder Depressionen sein.

Politische Projekte

Inzwischen ist die tamilische Diaspora in zahlreichen Ländern politisch aktiv geworden. So fand eine Wahl in ein Exilparlament statt, derweil die Befreiungsbewegung Tamil Eelam in den USA eine "transnationale Regierung" bildete. Diese hofft einerseits auf Anerkennung durch die westlichen Länder. Andererseits will sie die Interessen der Tamilen auf der internationalen Bühne vertreten.

"Unser weltweites Netz funktioniert immer noch", sagt Sunthar, der bei Chur eine Hightech-Firma leitet.

"Mit den Wahlen für die transnationale Regierung zeigen wir, dass wir Demokraten sein können. Wir werden tun, was die Welt von uns erwartet – die Demokratie umarmen. Was wird die Welt ihrerseits für uns tun?"

Sunthars Frage kommt zur rechten Zeit. Ein Jahr nach dem Entsetzen über die Opfer und Zerstörungen, mit denen die Regierung den Bürgerkrieg beendete, scheint die internationale Öffentlichkeit Sri Lanka vergessen zu haben.

Die Anwesenheit der Tamilen in der Schweiz und in anderen Ländern ist Mahnmal dafür, dass die ethnischen Probleme, welche die Insel jahrzehntelang erschüttert hatten, nach wie vor ungelöst sind.

Terence MacNamee, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Künzi)

Veränderte Wahrnehmung

Die ersten tamilischen Flüchtlinge kamen in den 1980er-Jahren in die Schweiz. Sie waren die ersten dunkelhäutigen Flüchtlinge, die in grösserer Zahl in die Schweiz kamen. Es kam gar zu rassistischen Äusserungen oder Übergriffen.

Zuerst wurden die meist jungen Männer von vielen Schweizern verdächtigt, mit Drogen zu handeln, Polizeikontrollen kamen häufig vor. Heute ist es die Gruppe der Nigerianer, die diesen schlechten Ruf "geerbt" hat.

Es dauerte sehr lange, bis die Mehrheit der Schweizer die Tamilen akzeptierten. Allmählich wurden sie als sehr fleissige Arbeiter anerkannt, die sich nie beschwerten. Das machte sie auch zu Opfern von skrupellosen Arbeitgebern.

Respekt erhalten Tamilen heute auch wegen des starken familiären Zusammenhalts, den sie pflegen. Heute erregen Zusammenkünfte von Tamilen an Wochenenden kein Aufsehen mehr.

Zu direkten sozialen Kontakten zwischen Schweizern und Tamilen kommt es aber immer noch sehr selten. Einerseits sind sie Teil der Schweizerischen Öffentlichkeit geworden, bleiben aber andererseits immer noch ein Rätsel.

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Trügerischer Friede

Im Mai 2009 beendete die Armee Sri Lankas den 30-jährigen Bürgerkrieg in einer blutigen letzten Offensive.

Bilder von getöteten Zivilisten, die zuvor in der Enklave Vanni Schutz gesucht hatten, schockierten die Welt.

Immer noch leben viele Tamilen in Flüchtlingslagern. Die Fluchtbewegung in die Schweiz und andere Länder hält nach wie vor an.

Im Mai hatte die Organisation eine Untersuchung möglicher Kriegsverbrechen beider Konfliktparteien verlangt.

Der jüngst bestätigte sri lankische Mahinda Rajapaksa verfügt über eine knappe Zweidrittels-Mehrheit im Parlament. Er legt die Priorität auf den langersehnten politischen und wirtschaftlichen Wandel.

Der Singhalese geniesst aber nicht das Vertrauen einer Mehrheit der hinduistischen Tamilen. Bei den Wahlen soll es laut Berichten zu Einschüchterungen von Tamilen gekommen sein.

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