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70 Fr. für neun Arbeitsstunden: Schweizer Uber-Fahrer fordern bessere Bedingungen

Ein Taxifahrer mit Bart, fotografiert im Rückspiegel eines Autos
Der im Kanton Zürich tätige Uber-Chauffeur Cem Kurun äussert sich zu seinen sich verschlechternden Arbeitsbedingungen. Luca Zanetti

Die Uber-Fahrer in der Schweiz prangern zu niedrige Preise, eine zunehmende Konkurrenzsituation und die mangelnde Transparenz der Algorithmen an, welche Tarife festlegen und Fahrten zuteilen. Sie fordern von den Schweizer Behörden mehr Rechte und Schutz.

Cem Kurun (30) arbeitet seit 2019 als Uber-Fahrer im Kanton Zürich. Im Lauf der Jahre hätten sich seine Arbeitsbedingungen deutlich verschlechtert, erzählt er: Die Tarife seien immer niedriger geworden, während die Konkurrenz zwischen den privaten Transportdiensten und den Taxifahrern zugenommen habe.

Die Coronavirus-Pandemie und die Markteinführung des estnischen Uber-Konkurrenten Bolt im Jahr 2024 hätten die Situation weiter verschärft, sagt er.

Kurun erzählt, dass er früher 1200 Franken verdienen konnte, wenn er etwa 30 Stunden pro Woche arbeitete. Heute komme er auf etwas mehr als 300 Franken. Am Tag des Interviews mit Swissinfo hatte er nach neun Stunden Arbeit lediglich 70 Franken verdient.

Ein Taxifahrer mit Bart, fotografiert vom Rücksitz seines Autos
«Sobald ich einen Preis festlege, der auch nur um zehn Rappen über dem Kilometertarif von Uber liegt, bekomme ich keine Fahrten mehr zugeteilt.» Kurun sagt, er habe trotz seiner Tätigkeit als selbstständiger Chauffeur nur sehr begrenzte Kontrolle über seine Arbeit. Luca Zanetti

«Wie soll ich eine Familie ernähren? Müsste ich mich an die Sozialdienste wenden, um nicht zu verhungern?», fragt er sich. Gemäss Kurun sind viele Fahrer gezwungen, auf Sozialhilfe zurückzugreifen. «Wir Fahrer zahlen den Preis für diesen Preiskampf», sagt er.

Neben dem Rückgang der Tarife beklagt Kurun, dass er trotz seiner Tätigkeit als selbständiger Fahrer nur sehr wenig Kontrolle über seine Arbeit habe.

Er vermutet, dass die Uber-App algorithmische Manipulationen einsetzt, indem sie beispielsweise Fahrer bestraft, die zu viele Fahrten ablehnen, und auf der Karte Zonen anzeigt, die höhere Einnahmen versprechen, die aber verschwinden, sobald die Fahrer vor Ort ankommen. Ausserdem bezweifelt er, dass die Fahrer ihre Tarife wirklich frei festlegen können.

Theoretisch erlaubt die Uber-App den Fahrern, ihre eigenen Preise festzusetzen. «Aber sobald ich einen Preis festlege, der auch nur um zehn Rappen über dem Kilometertarif von Uber liegt, bekomme ich keine Fahrten mehr zugeteilt», sagt Kurun.

Uber hält dagegen, dass die Fahrer Fahrten ohne Benachteiligung annehmen oder ablehnen können und dass die Annahme- und Stornierungsquoten nicht verwendet würden, um die Zuordnung zwischen Fahrern und Fahrgästen zu bestimmen oder die Tarife zu personalisieren.

Ein Taxifahrer mit Bart, der telefoniert und auf einem zweiten Handy eine App konsultiert, fotografiert vor der Fahrertür seines Autos
Laut Kurun sind viele Chauffeure darauf angewiesen, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. «Wir Fahrer zahlen den Preis für diesen Preiskampf», sagt er. Luca Zanetti

Grösste Schweizer Gewerkschaft: «Uber operiert illegal»

Der Status der Uber-Fahrer ist in der Schweiz seit Jahren Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen.

Laut der Unia, der grössten Schweizer Gewerkschaft, ist das Ausmass der Kontrolle, das Uber über seine Fahrer ausübt, mit einer selbständigen Tätigkeit unvereinbar.

Ein Mann hält ein Smartphone in der Hand (Nahaufnahme)
Cem Kurun schaut mehrmals am Tag auf sein Handy, um Fahrgäste zu finden. Luca Zanetti

Die Fahrer verfügten über keine wirkliche Wahlfreiheit und müssten sich den von Uber auferlegten Arbeitsbedingungen unterwerfen, sagt Gewerkschaftssprecher Philipp Zimmermann.

Folglich würden den Fahrern der Lohn, die Spesenrückerstattung und die Sozialabgaben vorenthalten, auf die sie als Angestellte Anspruch hätten.

Bereits 2018 hatte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) darauf hingewiesen, dass die Uber-Fahrer als Angestellte einzustufen seien. Diese Haltung wurde durch mehrere Urteile auf kantonaler und Bundesebene bestätigtExterner Link.

«Was Uber in der Schweiz macht, ist vollkommen illegal. Die Fahrer arbeiten weiterhin unter Bedingungen der ‹Scheinselbstständigkeit›. Die Behörden haben die Pflicht, diesem unrechtmässigen Modell ein Ende zu setzen», sagt Zimmermann.

Uber bestreitet diese Interpretation. Das Unternehmen betont, sein Betriebsmodell und die Bedingungen für die Fahrerinnen und Fahrer mehrfach geändert zu haben, und ist der Meinung, dass die früheren Urteile, die sich auf frühere Vertragsmodelle bezogen, nicht automatisch auf die aktuelle Situation angewendet werden könnten.

Uber führt ausserdem an, dass die Mehrheit der Fahrerinnen und Fahrer die Unabhängigkeit und Flexibilität schätze, welche die App biete.

Der US-Konzern sagt, er stelle den unabhängigen Partner-Fahrern in der Schweiz kostenlos eine Versicherungsdeckung gegen bestimmte Risiken zur Verfügung.

Ein Taxifahrer mit Bart, fotografiert im Rückspiegel eines Autos, im Hintergrund fahren ein Tram und ein Bus
Cem Kurun fährt am 23. September 2026 durch den Zürcher Verkehr. Er hofft, dass die kantonalen Behörden mehr tun, um Menschen zu schützen, die über Plattformen wie Uber arbeiten. Luca Zanetti

Die Genfer Ausnahme

Im Kanton Genf hat Uber nach einem jahrelangen Rechtsstreit sein Betriebsmodell geändertExterner Link. Heute werden die meisten Fahrer, welche die Plattform nutzen, über ein Drittunternehmen angestellt. Zudem hat Uber eine Vereinbarung mit dem KantonExterner Link erreicht, um die Vergangenheit zu regulieren und die ausstehenden Sozialabgaben zu begleichen.

Für die Fahrer ist es jedoch nicht immer einfach, ihre Rechte geltend zu machen. Guillaume Lemoine, ein ehemaliger Uber-Fahrer aus Genf, erzählt, dass er keine andere Wahl gehabt habe, als rechtliche Schritte gegen Uber einzuleiten, um das zurückzufordern, was seiner Ansicht nach unbezahlte Löhne und Berufsauslagen für die Zeit seien, in der er für das Unternehmen gearbeitet habe. Der Rechtsstreit ist noch nicht abgeschlossen.

Wie Kurun beschreibt Lemoine einen Rückgang der Tarife nach der Coronavirus-Pandemie, eine «falsche Autonomie» bei der Preisfestsetzung und Benachteiligungen für Verhalten wie die Ablehnung von Fahrten.

Wenn er versuchte, Uber zu kontaktieren, um Probleme oder technische Schwierigkeiten zu melden, «schien es, als würde man mit Robotern sprechen», erzählt Lemoine.

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Ein Kampf, der über die Schweiz hinausgeht

Kurun ist der Ansicht, dass die Zürcher Behörden mehr tun sollten, um diejenigen zu schützen, die über Plattformen wie Uber arbeiten. Im Jahr 2021 entschied das Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich, dass Fahrer, die verschiedene Dienste von Uber nutzen, als Angestellte gelten müssen.

Das Bundesgericht bestätigte diesen Entscheid im Jahr 2023. Trotzdem sagt Kurun, dass sich nichts geändert habe und sich seine Arbeitsbedingungen sogar verschlechtert hätten.

Auch in mehreren anderen europäischen Ländern fordern Uber-Fahrer mehr Rechte und Schutz. Anfang September haben Hunderttausende von Fahrern in den Niederlanden, wo das Technologieunternehmen seinen europäischen Sitz hat, eine Sammelklage gegen Uber eingeleitet. Sie beanstanden unter anderem den Einsatz automatisierter Systeme zur Festlegung der Vergütungen und zur Zuteilung der Fahrten.

Parallel dazu bereitet eine Gruppe französischer Fahrer, unterstützt von der Genfer Organisation Personaldata.IO, die auf Rechte im Zusammenhang mit personenbezogenen Daten spezialisiert ist, eine zweite Sammelklage vor.

Laut Paul-Olivier Dehaye, dem Gründer der Organisation, könnten sich die geforderten Entschädigungen auf 40’000 Euro pro Fahrer belaufen.

Editiert von Veronica De Vore, Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub

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