Unter den Trümmern im Gazastreifen liegen die Vermissten – und mögliche Beweise
Drei Jahre nach dem von der Hamas angeführten Angriff auf Israel und dem darauffolgenden Krieg liegt ein Grossteil des Gazastreifens noch immer in Trümmern – und viele Familien haben die darunter verschütteten Leichen ihrer Angehörigen noch immer nicht gefunden.
Mehr als zwei Jahre nachdem eine Explosion sein Wohnhaus in Schutt und Asche gelegt hat, sucht Hamada Abu Hasira, ein 29-jähriger Koch, der für eine Hilfsorganisation in Gaza arbeitet, noch immer nach Spuren seines Bruders. Ohne dessen sterbliche Überreste kann er nicht sicher sein, dass sein Bruder wirklich tot ist, und es besteht kaum eine Chance, dass die Verantwortlichen jemals zur Rechenschaft gezogen werden.
Er erinnert sich noch genau an jenen Abend im März 2024.
Die Nacht brach über Deir Al-Hawa herein, dem Viertel in Gaza, in dem er lebte, und die Strassen hatten sich nach den israelischen Evakuierungsanordnungen weitgehend geleert. In der Stille konnte Abu Hasira das Rumpeln von Panzern und Militärfahrzeugen hören, unterbrochen von den Stimmen israelischer Soldat:innen.
Er und seine Familie konnten kaum schlafen. Sie hatten sich bewusst für das oberste Stockwerk entschieden. Falls das Gebäude getroffen würde, so dachten sie, hätten sie dort oben bessere Chancen, von den Rettungskräften gefunden zu werden.
Und die Familie dachte: «Wenn wir getroffen werden, dann sterben wir lieber gemeinsam.»
Dann hörten sie Geräusche am Eingang des Gebäudes. Als wieder Ruhe einkehrte, ging einer von Hamadas Brüdern nach unten, um nach dem Familienauto zu sehen und zu prüfen, ob sie noch wegfahren konnten. Er ignorierte dabei die Bitten seiner Familie, nicht zu gehen, da es zu gefährlich sei.
Draussen entdeckte er etwas, das wie Fässer mit Sprengstoff aussah. Im Auto der Familie tickte ein Sprengsatz. Er rannte zurück nach oben. Sein Vater beschloss, dass niemand mehr nach unten gehen sollte. Sie würden den Tagesanbruch abwarten und dann gehen.
Die Explosion ereignete sich noch vor Tagesanbruch. Das Gebäude stürzte über ihnen ein. Abu Hasira verbrachte mehr als 24 Stunden unter den Trümmern, bis ein Nachbar seine Schreie hörte und ihn herauszog. Er und seine Mutter Reem überlebten.
«Ich rief meinen Bruder Ahmed an. Er ging zuerst ran, aber dann verstummte seine Stimme. Da wusste ich, dass er von uns gegangen war», sagte Abu Hasira.
Die Leichen seines Vaters Imran und seines Bruders Ahmed wurden geborgen. Sein jüngerer Bruder Momen wird weiterhin vermisst. Die Abwesenheit aller drei schmerzt ihn täglich, besonders jetzt während der Vorbereitung seiner Hochzeit.
Die Einzelheiten seiner Schilderung konnten nicht unabhängig überprüft werden und beruhen, wie alle in diesem Bericht wiedergegebenen Augenzeugenberichte, auf den Erinnerungen der Überlebenden. Israel hat internationalen Journalist:innen die Einreise nach Gaza untersagt und verweigert der UNO sowie anderen internationalen Untersuchungsgremien den Zugang, wodurch die Dokumentationsarbeit und die unabhängige Überprüfung vor Ort eingeschränkt werden.
Die Berichte in diesem Artikel wurden von einem Swissinfo-Korrespondenten in Gaza basierend auf Interviews mit Überlebenden und deren Nachbar:innen zusammengetragen. Sie ähneln Fällen, die von UN-Verantwortlichen dokumentiert wurden. Diese informierten dann Journalist:innen in Genf über die Bergungsbemühungen unter den Trümmern.
Überall in Gaza wurden ganze Familien unter eingestürzten Gebäuden begraben, viele Menschen kamen ums Leben, unzählige andere werden in einer Landschaft aus zerbrochenem Beton noch immer vermisst. Für die Familien hat die Bergung und Bestattung ihrer Angehörigen oberste Priorität; für die UN-Ermittler:innen könnten die Trümmer Aufschluss über die Todesumstände geben. Die Beweissicherung in Kriegsgebieten ist stets eine Herausforderung und kann Jahre dauern. Im Gazastreifen wird sie durch das Ausmass der Zerstörung zusätzlich erschwert.
Tausende noch immer unter den Trümmern
Abu Hasira ist in diesem Schmerz nicht allein. Der Krieg, der auf die von der Hamas angeführten Angriffe auf Israel am 7. Oktober 2023 folgte, hat grosse Teile des Gazastreifens weitgehend verwüstet.
Im Juni 2026 schätzten die Vereinten Nationen, dass bis zu diesem Zeitpunkt 82% aller Gebäude im Gazastreifen beschädigt worden waren, darunter 134’422, die als zerstört eingestuft wurden.
Ein Grossteil der Trümmer ist noch immer nicht beseitigt. «Schätzungen zufolge liegen noch mindestens 8000 Leichen im gesamten Gazastreifen unter den Trümmern begraben», erklärte Ajith Sunghay, Leiter des UN-Menschenrechtsbüros in den besetzten palästinensischen Gebieten, gegenüber den Medien in Genf. «Bei diesem Tempo wird die Bergung der restlichen Leichen mindestens zehn weitere Jahre dauern», sagte er aus Amman, Jordanien.
Jahre ohne Antworten
Für viele Familien dauert diese Ungewissheit schon seit Jahren an. Im Viertel Al-Zaytoun in Gaza-Stadt wurde am 4. Dezember 2023 das Haus der Familie Abu Zour bei einem israelischen Luftangriff dem Erdboden gleichgemacht, wie der Nachbar Mohammed Al-Harazin berichtet. Ein 13-jähriges Mädchen überlebte als Einzige, erinnert er sich. Rund 50 Angehörige und Vertriebene kamen ums Leben.
«Die Leichen der Getöteten blieben (bis September) unter den Trümmern, weil das Gebiet gefährlich war und Bergungsarbeiten schwierig durchzuführen waren», sagt Al-Harazin, ein Ingenieurstudent, der aufgrund des Krieges nach Al-Mawasi im südwestlichen Gazastreifen umziehen musste.
Amal Maqbels Vater, Ashraf, wird vermisst, seit ein israelischer Angriff am 6. Dezember 2023 das sechsstöckige Haus der Familie zerstörte. «Wir wussten nicht, ob mein Vater noch im Haus war, ob er es geschafft hatte, herauszukommen, oder was mit ihm passiert war», sagte sie.
Jüngste Funde offenbaren das Ausmass des Verlustes
Die von den Vereinten Nationen dokumentierten Fälle erzählen ähnliche Geschichten. Jüngste Bergungsarbeiten lassen das Ausmass dessen erkennen, was unter den Trümmern des Gazastreifens verborgen liegt. Zwischen November 2025 und September 2026 wurden laut Zahlen des palästinensischen Zivilschutzes, auf die sich die UN beruft, mehr als 630 Leichen und andere menschliche Überreste geborgen.
«Die bisher geborgenen Überreste sind möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs», sagte UN-Menschenrechtssprecher Thameen Al-Kheetan.
Im September wurden laut dem UN-Menschenrechtsbüro (OHCHR) die Überreste von 96 Menschen aus drei palästinensischen Familien unter den Trümmern in Gaza-Stadt geborgen. Etwa die Hälfte der Toten waren Frauen und Kinder.
Sunghay führte den Fall der Familie Malaka an, die im November 2023 bei einem israelischen Luftangriff auf ihre Häuser 72 Mitglieder verlor. Damals konnten nur drei Leichen geborgen werden.
Unter den im September geborgenen Überresten befanden sich vermutlich die von 55 Familienmitgliedern. Die Leichen der übrigen 14 werden noch immer unter den Trümmern vermutet.
Das Ausmass der Zerstörung erschwert laut Sunghay auch die Identifizierung.
«Die enorme Sprengkraft schwerer Munition hinterliess mitunter keine bergbaren menschlichen Überreste», sagte er aus Amman. «Und mit jedem Jahr wird es schwieriger, Trümmer von Überresten zu unterscheiden.»
Bergungsaktionen mit unzureichenden Ressourcen
Die Bergungsbemühungen werden durch einen akuten Mangel an Maschinen, Treibstoff und Personal behindert.
Sunghay sagte, die palästinensischen Zivilschutzteams verfügten nur über einen einzigen funktionstüchtigen Bagger und müssten zeitweise mit den Händen in den Trümmern graben, da Israel die Einfuhr von schwerem Gerät und die Einreise ausgebildeter Bergungsteams einschränke.
Israel erklärt, dass Ausrüstung, die in den Gazastreifen eingeführt wird, Sicherheitskontrollen unterliege. COGAT, die israelische Militärbehörde, die den Zugang zum Gebiet kontrolliert, rechtfertigt die Beschränkungen mit der Begründung, dass die betreffenden Güter für eine «Terrorismusaufrüstung» genutzt werden könnten.
Das israelische Militär wirft der Hamas vor, am 7. Oktober 2023 Baumaschinen eingesetzt zu haben, um die Sperranlage zu durchbrechen und später Tunnel zu graben, Sprengstoff zu platzieren und Waffen aus Trümmern zu bergen. Diese Fahrzeuge seien «ein zentraler Bestandteil der Fähigkeit der Hamas, Terroranschläge durchzuführen».
Für manche Familien ist es sogar unmöglich, die Ruinen zu erreichen.
«Der grösste Teil des Gazastreifens liegt mittlerweile jenseits der Gelben Linie und ist für Palästinenser, einschliesslich Zivilschutzteams und Familienangehörige von Vermissten, unzugänglich», erklärte Sunghay.
Die Gelbe Linie ist die sich verschiebende Grenze, die die unter israelischer Militärkontrolle stehenden Gebiete des Gazastreifens von jenen trennt, zu denen Palästinenser:innen noch Zugang haben.
Das Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2025 zwischen Israel und der Hamas führte zur Rückführung aller israelischen Geiseln und ihrer sterblichen Überreste. Im Gegenzug liess Israel fast 2’000 palästinensische Gefangene und Inhaftierte frei und übergab Leichen von Palästinenser:innen.
Doch wesentliche Teile des Waffenstillstands sind nach wie vor nicht umgesetzt. Die Hamas und andere bewaffnete Gruppen haben ihre Waffen nicht abgegeben, Israel hat seinen geplanten Rückzug noch nicht abgeschlossen, und der Wiederaufbau (dessen Kosten von den Vereinten Nationen und der Weltbank auf mindestens 71 Milliarden US-Dollar – rund 60 Milliarden Schweizer Franken) geschätzt werden, hat noch nicht in grossem Umfang begonnen.
Sicherung von Beweismitteln
Die Aufräumarbeiten in Gaza sind nicht nur eine Frage des Wiederaufbaus und der Bergung der Vermissten. UN-Menschenrechtsbeamt:innen erklären, dass zerstörte Stätten auch Beweismaterial enthalten könnten, das für die Untersuchung mutmasslicher Verstösse gegen das Völkerrecht relevant ist.
«Die Bergung und Beerdigung der Opfer ersetzt nicht die Aufklärung der Umstände, unter denen sie getötet wurden», erklärte Al-Kheetan im September gegenüber den Medien.
Die Satellitenauswertungen der Vereinten Nationen weisen nicht jedes zerstörte Gebäude einem Verantwortlichen zu. Die UN-Menschenrechtsgremien haben die massive Zerstörung der bebauten Infrastruktur im Gazastreifen jedoch mit israelischen Luftangriffen, Artilleriefeuer und Bodenoperationen in Verbindung gebracht.
Die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese warnte davor, dass die Aufräumarbeiten in Gaza sowohl menschliche Überreste als auch mögliche Beweismittel vernichten könnten.
«Die Trümmer Gazas enthalten menschliche Überreste und physische Beweismittel, die für die Untersuchung mutmasslicher internationaler Verbrechen relevant sind», sagte sie. Albanese ist weiterhin mit umstrittenen US-Sanktionen belegt, die auf ihre offene Kritik an Israel zurückgehen.
Auch das OHCHR warnt, dass zerstörte Orte Beweismittel enthalten könnten, die es zu sichern gilt. Al-Kheetan erklärte, sein Büro bezweifle, dass Israels Kriegsführungsmethoden, einschliesslich des Einsatzes von Sprengwaffen mit grosser Wirkungsreichweite in dicht besiedelten Gebieten, «sicherstellten, dass effektiv zwischen Zivilisten und Kämpfern unterschieden wird».
Israel beharrt darauf, dass seine Streitkräfte diese Unterscheidungen im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht träfen und Vorkehrungen ergriffen, um die Zahl ziviler Opfer so gering wie möglich zu halten, beispielsweise durch eine auf Geheimdienstinformationen basierende Zielauswahl und die Erteilung von Evakuierungsbefehlen. Gleichzeitig gibt Israel jedoch an, dass diese Bemühungen dadurch erschwert werden, dass die Hamas innerhalb ziviler Gebiete und Infrastruktur operiere.
Abu Hasira, der inzwischen vertrieben wurde und bei Verwandten im zentralen Gazastreifen untergekommen ist, wartet noch immer auf Nachricht von seinem jüngeren Bruder Momen. Er befürchtet das Schlimmste, möchte aber wenigstens dessen Leichnam bergen und ihm ein würdevolles Begräbnis ermöglichen. Diesen Wunsch teilen Tausende von Familien im Gazastreifen.
«Sie haben das Recht, alles über das Schicksal ihrer Kinder, Eltern, Geschwister und Cousins zu erfahren», sagte Sunghay. «Sie haben das Recht, in Würde um sie zu trauern, und sie haben ein Recht auf Gerechtigkeit.»
Der Hohe Kommissar der UN für Menschenrechte, Volker Türk, hat Israel aufgefordert, die Bergung, Identifizierung und würdige Bestattung der Toten «unverzüglich» zu ermöglichen.
Hassan Herzallah ist ein palästinensischer Schriftsteller und Übersetzer, der in Gaza lebt.
Editiert von Imogen Foulkes /dos/VdV/VM, Übertragung aus dem Englischen: Petra Krimphove/jg
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch