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Wie das ukrainische Militär den Schutz der Zivilbevölkerung lernt

Soldaten helfen einer älteren Frau
Ukrainische Soldaten helfen am 6. März 2022 einer älteren Frau in der Stadt Irpin. Copyright 2022 The Associated Press. All Rights Reserved

Die Genfer Organisation Geneva Call schult ukrainische Soldaten im humanitären Völkerrecht. Die Ukraine hat sich zur Einhaltung dieses Kriegsvölkerrechts verpflichtet.

Was muss eine ukrainische Militäreinheit tun, wenn sie auf eine Gruppe verwundeter russischer und ukrainischer Soldaten stösst?

«Natürlich könnte man versucht sein, zuerst den ukrainischen Soldaten medizinische Hilfe zu leisten. Gemäss dem IHL müssen jedoch jene Personen zuerst versorgt werden, die am schwersten verletzt sind», sagt Harald Mundt zu Swissinfo. Der Sicherheitsbeauftragte von Geneva Call in der Ukraine befasst sich mit Fragen wie in diesem Beispiel. Denn die Genfer Organisation bildet das ukrainische Militär in der Einhaltung des Humanitären Völkerrechts (IHL) aus.

Eines der wichtigsten Prinzipien des IHL ist, dass Kämpfer:innen weder Zivilist:innen noch zivile Einrichtungen gezielt angreifen dürfen. «Unser übergeordnetes Prinzip ist der Schutz von Zivilisten», erklärt Mundt. Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 entstanden verschiedene Freiwilligeneinheiten, die heute unter der Kontrolle der ukrainischen Armee stehen. Geneva Call bildet vor allem diese Gruppen im humanitären Völkerrecht aus, bisher rund 5000 Kämpfende, unter anderem Drohnenpiloten.

Die Unabhängige Untersuchungskommission des UNO-Menschenrechtsrats erklärte im Oktober 2022 in einem Bericht, dass nicht nur russische Streitkräfte, sondern in einigen Fällen auch die ukrainischen das humanitäre Völkerrecht verletzt hätten.

Da die Ukraine der EU und der Nato beitreten will, hat sie ein besonderes Interesse, dass das IHL respektiert wird. Das ukrainische Verteidigungsministerium hat sich selbst dazu verpflichtet, dass ukrainische Kämpfende im humanitären Völkerrecht geschult werden, wie die Regierung Ende 2024 auch in einem Bericht darlegte. Mitgliedstaaten der Genfer Konventionen, der Grundlage des IHL, sind verpflichtet, ihre Streitkräfte und die Bevölkerung in Friedens- und Kriegszeiten über die Bestimmungen dieser Abkommen zu informieren.

Geschützte Personen im humanitären Völkerrecht

Zu den geschützten Personen zählen neben Zivilisten auch verletzte Soldat:innen, die nicht mehr an den Kämpfen teilnehmen, Kämpfer:innen, die sich ergeben haben, Kriegsgefangene und medizinisches Personal. Diese Kategorien von Personen stehen jeweils im Zentrum der Trainings von Geneva Call.

«Das ist ein Punkt, an dem die Menschen für die Bedeutung des humanitären Völkerrechts sensibilisiert werden können. Denn alle wissen, dass sie in eine Situation geraten können, in der sie von der Gegenseite als Kriegsgefangener genommen werden, und dann möchten sie korrekt behandelt werden», sagt Tina Gewis, Regionalleiterin Programm und Entwicklung Eurasien bei Geneva Call.

Ein Schulungszimmer
Ausbildung ukrainischer Militärangehöriger im humanitären Völkerrecht bei Geneva Call. Geneva-Cal

Erfahrungsaustausch über Angst und Adrenalinschübe

«Um das humanitäre Völkerrecht von juristischen Begriffen in etwas Praktisches zu übersetzen, arbeiten wir bei unseren Trainings mit Szenario basierten Übungen, die wir auch in eine E-Learning-Plattform integriert haben», führt Mundt aus. Die Teilnehmenden tauschen sich dabei über die Situationen aus, die sie erlebten. Sie können über die Angst, den Schrecken und Adrenalinschub auf dem Schlachtfeld sprechen, die manchmal dazu führen, dass sie instinktiv reagieren.

Geneva Call führt in der ganzen Ukraine Kurse durch. Die Ausbildner:innen haben einen militärischen Background, viele sind Veteranen des laufenden Kriegs. Einige wurden verletzt und schieden aus der Armee aus. «Sie können in den Kursen also konkrete Beispiele vermitteln und verstehen die Herausforderungen, denen Soldaten ausgesetzt sind», sagt Tina Gewis.

Um die Reichweite der Trainings zu erhöhen, hat Geneva Call E-Learning-Tools und digitale Plattformen entwickelt, die auch im Offline-Modus genutzt werden können. Dies ermögliche Soldat:innen an der Front, sich dann über eine App und eine dazugehörige Plattform weiterzubilden, wenn sie für solche Dinge Zeit haben, heisst es bei Geneva Call.

Soldaten verwenden einen Raketenwerfer
Ukrainische Soldaten verwenden während Militärübungen in der Region Donezk einen Werfer mit US-amerikanischen Javelin-Raketen. (Das Bild entstand im Dezember 2021, kurz vor der russischen Invasion in die Ukraine.) Ukrainian Defense Ministry Press Service

Wie Drohnen den Krieg und die Betreuung Verwundeter verändern

Der Einsatz von DrohnenExterner Link hat sich seit Beginn des Kriegs verändert. «Anfang 2022 verursachten Drohnen weniger als 10% der Schäden auf dem Schlachtfeld, sowohl an militärischer Ausrüstung als auch an Menschenleben», berichtet Mundt. Jetzt seien es zwischen 60 und 80%.

«Drohnen sind nun in der Lage, verwundete Soldaten auf dem Schlachtfeld autonom zu evakuieren», sagt Mundt. Es gibt bodengestützte Drohnen, beispielsweise auf Lastwagen, die Minen legen oder entfernen können. Drohnen werden mit Waffen ausgerüstet, um den Feind anzugreifen. Und die Ukraine mischt in diesem technologischen Wettlauf mit.

«Da der Einsatz von Drohnen an allen Fronten erfolgt, bietet Geneva Call spezielle Schulungen für Drohnenpilot:innen an», sagt Mundt. Die Situation ist neu: Als das humanitäre Völkerrecht entwickelt wurde, gab es noch keine Drohnen. Laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), dem Wächter des IHL, gilt dieses Kriegsvölkerrecht für jede Situation unabhängig von der Technologie.

Doch mit dem Drohneneinsatz kommt es zu neuen Situationen. Beispielsweise kommt es vor, dass sich Soldaten einer Drohne ergeben. «Das IHL macht klar, dass Personen, die ausgedrückt haben, dass sie sich ergeben wollen, nicht angegriffen werden dürfen», erklärt IKRK-Sprecherin Aurélie Lachant.

Es gibt verschiedene Kategorien von bewaffneten Drohnen, einige verfügen über autonome Funktionen, die sie als autonome Waffensysteme (AWS) qualifizieren. Dazu zählen solche, die nach ihrer Aktivierung ohne weiteres menschliches Eingreifen ein oder mehrere Ziele auswählen und angreifen.

«Die Kapitulation im Umgang mit AWS wirft insbesondere Bedenken auf, dass das System die Zeichen der Kapitulation nicht zuverlässig erkennen kann», sagt Lachant. Ein autonomes Waffensystem, das auf allgemeinen Zielprofilen und Sensoreingaben basiert, ist nicht in der Lage, den Kontext zu interpretieren oder mehrdeutige Gesten mit Sicherheit zu entschlüsseln. Dies erhöht das Risiko einer Fehlinterpretation eines Kapitulationszeichens.

Zu den grundlegenden Aspekten des humanitären Völkerrechts zählen laut IKRK die Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen, das Verbot von wahllosen und von unverhältnismässigen Angriffen sowie die Verpflichtung alle Vorsichtsmassnahmen zu ergreifen, um zivile Opfer möglichst zu vermeiden. Dies gilt gilt für alle Arten von Waffen. Doch bei autonomen Waffensystemen ist das IKRK überzeugt, dass neue rechtsverbindliche Regeln Rechtssicherheit bieten würden. «Wir befürchten, dass ohne solche Regeln die weitere Entwicklung und Nutzung von autonomen Waffensystemen zu Praktiken führen könnten, die den derzeitigen Schutz für Kriegsopfer untergraben», sagt Lachant.

Anti-FPV-Drohnennetz in einer Stadt
Anti-FPV-Drohnennetz in der ukrainischen Frontstadt Cherson. Copyright 2025 The Associated Press. All Rights Reserved.

Präzisere Zielerfassung, aber nicht mehr Schutz für Zivilist:innen

Die neuen glasfasergesteuerten Drohnen sind immun gegen Störtechniken. Diese sogenannten FPV-Drohnen (First-Person-View-Drohnen) werden ferngesteuert und auf beiden Seiten der Frontlinien eingesetzt. Es sind diese neuen Drohnen, die dazu beitrugen, dass Drohnen zur dominanten Waffe im Krieg in der Ukraine geworden sind.

«Die Ukrainer haben grosses Interesse daran, Drohnenpiloten im humanitären Völkerrecht zu schulen, da diese Drohnen über eine Kamera verfügen», sagt Mundt. Wenn ein Drohnenpilot ein Ziel angreift, wird der Flug bis zum Aufprall als Video aufgezeichnet und in zentralen Datenbanken gespeichert. Drohnenpilot:innen können daher leicht zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie gegen das humanitäre Völkerrecht verstossen.

«Innovationen vor allem bei der Zielerfassung haben zwar die Präzision der Einsätze verbessert, jedoch nicht den Schutz der Zivilbevölkerung erhöht», schrieb das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) in einem Bericht vom April 2025. Die meisten zivilen Opfer gab es laut dem Bericht infolge russischer Angriffe auf Gebiete, die von der ukrainischen Regierung kontrolliert werden.

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