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«Bitterharte Konkurrenz»

Sollten in diesem Sommer Wolken aufziehen, können 5000 Festval-Besucherinnen und -Besucher ans Trockene flüchten. Keystone

Mit der "Città del Cinema" trotzt Festivalpräsident Marco Solari dem Regen. Schwieriger sei, dass das Festival im Rahmen seiner Finanzen zukünftig am Ball bleibe. Ein Interview.

Marco Solari, haben Sie dieses Jahr etwas weniger Angst vor allfälligem Regen?

Nein, denn wir müssen immer damit rechnen, dass es Abende gibt, die verregnet werden. Aber wir sind etwas besser gewappnet als letztes Jahr. Die Infrastruktur war eines der grössten Probleme, und wir mussten das lösen.

Für rund 3 Millionen Franken haben Sie nun Schlecht-Wetter-Alternativen geschaffen…

Wir haben eine kleine «Città del Cinema» kreiert. Wir haben um das Fevi (grösster Projektionssaal des Festivals, Red.) herum Gebäude wie Aula oder Turnhallen umfunktioniert. Zudem haben wir zwischen diesen Gebäuden und dem Fevi eine Diagonale gebaut als einen Ort des Zusammentreffens. Damit offerieren wir ungefähr 5000 Personen die Möglichkeit, am Abend bei Regen in diese Gebäude auszuweichen.

Diese Lösung erscheint relativ einfach und vernünftig, wenn man bedenkt, dass im Vorfeld ganz andere Alternativen diskutiert worden sind…

Also geträumt haben alle von einem Filmpalast mit Platz für 5000 Leute. Aber das ist natürlich schiere Utopie. Man kann in Locarno nicht einen Filmpalast für 20 Millionen bauen – für ein 10-tägiges Festival mit eventuell 4 Regentagen.

Man kann auch nicht den Verkehrskreisel überdecken, das wäre auch Unsinn. Die Überdachung der Piazza Grande schliesse ich ebenfalls völlig aus.

Warum?

Mit der Piazza Grande darf man nicht experimentieren. Sie ist ein ganz sensibler Ort. Ein Ort, der eine gewisse Magie, eine gewisse Poesie ausstrahlt. Die Piazza ermöglicht ein Gemeinschaftserlebnis: Man ist zusammen aber gleichzeitig ist da die Freiheit des Himmels und der Sterne, die leuchten. Das macht den Charme der Piazza Grande aus.

Mit einer Überdachung stünde ja auch bei schönem Wetter eine Art Eisenskelett, und dann wäre es sehr rasch vorbei mit der Poesie.

Nun bietet also die «Città del Cinema» Schutz vor Regen. Wie kamen die finanziellen Mittel zusammen?

Wir haben jedes Gesetz im Tessin ausgeschöpft, das uns erlaubt, eine Subvention zu erhalten. Zusätzlich haben wir letztes Jahr etwas auf die Seite gelegt. Zudem haben wir als Bergregion vom Bund ein zinsloses Darlehen erhalten. Und wir haben uns mit rund einem Drittel verschuldet, das amortisieren wir jetzt in drei Jahren.

In den letzten Jahren ist das Festival kontinuierlich gewachsen. Wenn dieser Trend anhält, sind die baulichen Anpassungen wohl nur eine Zwischenlösung?

Muss das Festival stetig wachsen, ja oder nein? Das ist die grundsätzlich-strategische Frage, die wir uns stellen. Sie ist nicht leicht zu beantworten. Wir haben drei Festivals auf der Welt – Venedig, Cannes und Berlin – die sind unerreichbar. Für uns sind sie «benchmarks» – wir richten uns nach den Besten sowohl vom Organisatorischen wie vom Inhalt her.

Dann gibt es den Kreis für die kleineren Festivals, da ist die Konkurrenz bitterhart. Hier müssen wir bestehen, und wir müssen wahrscheinlich immer noch wachsen, sonst sind wir weg vom Fenster, sehr rasch.

Wir müssen gute Vorführungsorte haben und der künstlerischen Direktion garantieren können, dass sie keine finanziellen Probleme hat. Das ist heute mehr oder weniger der Fall. Nicht kontrollieren können wir die generelle Infrastruktur, das heisst die Hotels.

Gibt es da besondere Probleme?

Ich habe kein einziges Fünfstern-Hotel in Locarno und weiche schon auf das zum Glück nicht zu weit entfernte Ascona aus, zum Teil sogar schon bis Lugano. Das Problem der Zukunft für Locarno könnte die mangelnde Hotel-Infrastruktur sein.

Diese Spirale des Weiterwachsen – wie weit kann sie sich noch drehen, damit die finanzielle Sicherheit gewährleistet bleibt?

Im Moment habe ich genügend Mittel, um das Jahr 2003 und das Jahr 2004 zu garantieren, glaube ich. Aber was nachher passiert, steht in den Sternen.

Wie gross ist denn diese Unsicherheit?

Das Budget wird immer höher, von einem 7 Millionen-Budget gehen wir dieses Jahr zu einem Budget von ungefähr 9 Millionen. Dieses Geld müssen wir auch im Jahre 2005 garantieren können. Das ist wahrscheinlich keine leichte Aufgabe. Aber wenn wir diese Mittel nicht aufbringen können, ist die Möglichkeit zu wachsen nicht mehr gegeben, und dann müssen wir vielleicht ein Nischenfestival werden.

Die Finanzen kommen ja immer aus drei Quellen: es sind öffentliche und Sponsorengelder sowie die Einnahmen der Eintritte. Wer zahlt in diesem Jahr wieviel?

Wir haben ungefähr 4 Millionen Franken öffentliche Subventionen, ungefähr 3,5 Millionen kommen von den Sponsoren. 1,5 Millionen sind direkte Einnahmen. In diesem Jahr habe ich die Kosten recht gut im Griff, glaub ich.

Konkret: Werden sie schwarze oder rote Zahlen schreiben?

Das Ziel ist natürlich schon, keine roten Zahlen zu schreiben. Dieses Ziel haben wir letztes Jahr erreicht. Aber es ist extrem schwierig, dieses Gleichgewicht einzuhalten.

Für die Inhalte des Festivals ist die künstlerische Direktorin Irene Bignardi zuständig. Welches ist eigentlich Ihr persönlicher künstlerischer Anspruch?

Es ist genau der gleiche Anspruch, den ein Verleger an seine Chefredaktoren stellt, was den Inhalt und die Qualität der Zeitung betrifft. Ich erwarte von der künstlerischen Direktion, dass sie mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hat, das bestmögliche Programm zusammenstellt.

Aber das ist wie bei einer Pilzsuche: Wenn es nicht geregnet hat, gibt es keine Pilze. Wenn es also ein gutes Jahr war für den Film generell, dann ist es auch ein gutes Jahr für die Festivals.

Kathrin Boss Brawand

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