Bumerang Boulevard
Wenn eine Zeitung versucht, mit mutmasslichen Bettgeschichten Quote zu machen, erreicht sie damit die Leser. Bleibt aber der journalistische Inhalt auf der Strecke, wird das nicht goutiert.
Lange hatten die Boulevardpresse und Botschafter Thomas Borer-Fielding Händchen gehalten. Die Boulevardpresse wusste den Glamour zu schätzen: Prominenz ist eine der Zutaten des Boulevard-Journalismus.
Doch die «Liebe» zerbrach. Die Demontage begann langsam, vor drei Monaten ging es dann rasant. «Borer und die nackte Frau», titelte an Ostern der «SonntagsBlick». Eine angebliche Affäre des Schweizer Botschafters in Berlin wurde ins Rampenlicht gezerrt. In der Folge wurde der Botschafter abgesetzt.
Eine Regel des Boulevard-Journalismus sei, «das Öffentliche wird privat und das Private öffentlich», erklärt Peter Züllig, Dozent an der Universität Freiburg für Medien und Fernsehen mit Schwerpunkt Boulevard, gegenüber swissinfo.
Heikler Hochseilakt – mit Abstürzen
Doch die Regeln des Boulevard-Journalismus sind eng und müssen auch von den Medienunternehmen akribisch befolgt werden. Als am vergangenen Sonntag die angebliche Geliebte des früheren Schweizer Botschafters ihre früher abgegebene eidesstattliche Erklärung über eine sexuelle Beziehung zu Borer ebenfalls eidesstattlich widerrief, krachte ein Kartenhaus zusammen – im Hause Ringier, dem Verlagshaus von «SonntagsBlick» und «Blick».
«Der SonntagsBlick ist über die Mechanismen des Boulevard-Journalismus gestolpert», analysiert Züllig den Abgang von Chefredaktor Mathias Nolte und der Berlin-Korrespondentin Alexandra Würzbach. «Der Boulevard-Journalismus muss überdurchschnittlich gut recherchiert sein. Das ist der erste Stolperstein.» Und es war der grösste Stolperstein.
Boulevard: Jeder Schritt muss sitzen, sonst droht Totalschaden
«Bei diesem ‚Schachspiel‘ wurden Fehler gemacht, und das ist die Konsequenz. Boulevard ist unbarmherzig. Wenn da ein falscher Zug gemacht wird, dann muss man zum Bauern- beziehungsweise zum Damenopfer schreiten,» so Züllig zum Abgang von Nolte und Würzbach (siehe Link).
Zudem seien im Boulevard die Grenzen des Anstandes und der journalistischen Ethik noch viel labiler als bei jedem anderen Journalismus – dies Stolperstein Nummer zwei.
Doch der Damen- und Bauernopfer nicht genug. Die Schweizer Presse nimmt auch den Verlag in die Pflicht. «Totalschaden auf dem Ringier-Boulevard», titelt die «Neue Zürcher Zeitung». Die Glaubwürdigkeit – das A und O eines erfolgreichen Produkts – sei arg beschädigt.
Glaubwürdigkeits-Problem als Super-GAU
Ringier gehört schweizweit zu den grössten Verlagen. Züllig ist überzeugt: «Ein Medienhaus wie Ringier, das Glaubwürdigkeit verliert, bekommt Riesenprobleme. Und ich glaube, hier gibt es einen Selbstregulierungs-Mechanismus der Unternehmen, der hier Stopp sagt.»
Dem Erfolg, der Aufmerksamkeit stehe immer die Glaubwürdigkeit gegenüber. Um die Leser und Leserinnen zu halten, sei Qualität notwendig.
Eine Qualität, die durch eine «kapitale Boulevard-Ente», so die «Basler Zeitung», stark in Mitleidenschaft gezogen werde. «Die ganze Geschichte ist ein Super-GAU für Ringier geworden», erklärte der Soziologe Kurt Imhof in einem Interview mit Schweizer Radio DRS. Und der Schaden für Ringier sei gravierend, «zumal der Ringier-Verlag sehr schlecht darauf reagiert».
Lange hatte sich der Ringier-Chef hinter seine Leute gestellt, Informationen kamen nur tröpfchenweise. «Das erhält die Geschichte am Leben und vergrössert den Reputationsschaden», kritisiert Imhof das Krisenmanagement bei Ringier.
Schuld der deutschen Boulevardisten?
Kritik übt die Schweizer Presse jedoch auch am «Import» deutscher Journalisten. Weil es in der Schweiz zu wenig gute, qualifizierte Journalisten gebe – so Verleger Michael Ringier jüngst in einem Interview – stellte er beim «SonntagsBlick» gleich drei von deutschem Boulevard-Journalismus geprägte Leute an.
Dazu die NZZ: «Das fehlbare deutsche Trio, das Journalismus mit einem Roulette verwechselte, gab der hiesigen Öffentlichkeit eine bittere Kostprobe.»
Dass die Schweizer Boulevard-Journalisten den deutschen Kollegen und Kolleginnen nacheifern, bezweifelt Peter Züllig. Der Boulevard habe zwei Beine: Die Form müsse stimmen, damit man den Leser erreicht. Daneben bleibe aber sozusagen das Spielbein: der journalistische Inhalt.
Ringier, so Züllig, habe Boulevard bisher immer in der Form gemacht, «nicht unbedingt im Inhalt».
Cervelat-Prominenz reicht nicht für einen fetten Braten
Der Grund liege in der Situation der Schweiz. «Wir haben nicht so viele News, also müssen wir Neuigkeiten bringen. Wir haben auch kein sehr grosses Einzugsgebiet – es ist überblickbarer. Da hat man viel mehr auf Form als auf Inhalt gemacht, während in Deutschland, wo es viel mehr Skandälchen, viel mehr Prominenz gibt, da macht man mehr auf Inhalt.»
Und weil Konkurrenz gross ist, beispielsweise durch das Fernsehen, das auch ein boulevardeskes Medium ist, müsse die «journalistische Qualität in der Schweiz wahrscheinlich auch im Boulevard hochgehalten» werden. «Bis zu einem gewissen Grad. Es wird immer Grenzen geben.»
Rebecca Vermot
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