Das Volk besucht seine Vertreter im Edelhotel
Die Sessiun in Flims ist vor allem für die Bewohner Graubündens, für Rentnerinnen und Rentner und für Schulklassen eine Gelegenheit, das Parlament einmal bei der Arbeit zu beobachten.
Bisher waren weniger Besucher in Flims, als die Organisatoren erwartet hatten. Doch in der dritten und letzten Sessionswoche hat das Interesse stark zugenommen.
Die Oktober-Sonne scheint wie im Ferienprospekt. «Wir können höchstens 60 Personen gleichzeitig reinlassen», vertröstet ein Polizeibeamter. Das bedeutet stundenlange Wartezeiten für den Besuch im Nationalrat und im Ständerat.
«Ich möchte eigentlich nur kurz mit Nationalrat B. reden. Kommt der denn nie aus diesem Saal?», fragt ein ehemaliger Kantonsparlamentarier.
«Sie müssen sich gedulden», erklärt der Uniformierte. «Natürlich kann man sagen, das sei eine Idiotie, aber stellen Sie sich vor, es würde etwas passieren.»
Einmal «seinem» Ständerat die Hände schütteln, dem Nationalrat mit der «falschen» politischen Haltung seine Meinung sagen, das ist für viele ein Grund für die Reise zum herausgeputzten Park des Nobel-Hotels.
Hier tagen die Volksvertreter. Unter den Besuchern sind viele, die sich zum ersten Mal auf das Hotel-Areal wagen. «Normalerweise ist das ja nichts für unsereins», erklärt ein Bergbauer aus Sedrun. «Aber jetzt, da unsere Volksvertreter hier tagen, bin ich auch mal hierher gekommen.»
Packenderes Thema vorbereitet
Hier – im Nationalratssaal – ist es heiss und feucht. Die Debatte plätschert, die Materie ist trocken. Die anwesenden Volksvertreter lesen Zeitungen, arbeiten mit dem Laptop, telefonieren am Handy oder besprechen sich im Rand der weitläufigen Tennishalle.
Das Wort hat Bundesrat Moritz Leuenberger. Er steht auf, schlüpft hastig in den Veston und erklärt den Nationalräten der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), wieso sich der Infrastrukturfonds nicht verschulden darf und wieso der Fonds auch keine Aktiv-Zinsen ausschütten soll.
Die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler parodieren, imitieren, kommentieren danach das Geschehen mit Witz, Ironie und einer Portion Respekt. Frage: Worum ging es? «Fonds, Fonds, Fonds», ist die Antwort.
«Wir haben den Besuch im Staatskunde-Unterricht vorbereitet», erzählt ihr Lehrer. «Eigentlich haben wir ein interessanteres Thema vorbereitet, aber sie können ja nicht wegen uns ein Schönwetterprogramm veranstalten.»
Applaus für Schmid
Auch am nächsten Tag warten die Leute geduldig, passieren Sicherheitsschleusen, geben Handy und Fotokamera ab. Es nieselt, dafür ist die Debatte angeregter.
Verteidigungsminister Samuel Schmid verteidigt den von der Landesregierung geplanten Umbau der Armee. Die schwer mechanisierten Formationen sollen reduziert, die Infanteriebataillone ausgebaut, die Armee damit der gewachsenen Bedrohung durch Terrorismus angepasst werden.
Schmids Partei, die SVP, und auch Links-Grün sind dagegen. «Ihr habt bereits den neuen Panzer und ein Transportflugzeug für Auslandeinsätze gebodigt», tadelt Schmid das Parlament und charmiert mit Blick auf die Tribüne: «Umfragen zeigen es: Das Schweizer Volk steht hinter der Armee.» – Der Steilpass sitzt. Applaus.
Wein und Käse statt Rätoromanisch
Ihren langen Marsch zu den Institutionen beginnen die Besucherinnen und Besucher in der zu einem Empfangszentrum umfunktionierten Curlinghalle. Hier präsentiert sich der Gastkanton Graubünden mit seiner Wasserkraft, den Bergbahnen, dem Bergkäse, seinen Weinen aus der Herrschaft und seiner rätoromanischen Sprache.
Die Käsehäppchen und der Wein stossen auf ein grösseres Interesse als der Stand der Lia Rumantscha mit Filmen und Computer-Animationen über die rätoromanischen Idiome und Kulturen.
Eine Gruppe pensionierter Lehrer aus der Hauptstadt Chur geniesst nach einer Wanderung den Käse und den Wein und lobt die landschaftlichen Schönheiten der Gegend.
Vom Besuch im Nationalrat zeigen sie sich mässig begeistert. Es sei positiv, dass durch die Sessiun einmal der nördliche Kantonsteil ins nationale Interesse rücke. «Aber den Rückgang der rätoromanischen Sprache wird sie mittelfristig auch nicht stoppen können.»
swissinfo, Andreas Keiser, Flims
Zum 3. Mal in der Geschichte der modernen Schweiz tagt das Parlament ausserhalb der Hauptstadt Bern.
Die Sessiun in Flims findet vom 18. September bis am 6. Oktober statt.
1993 war Genf im französischsprachigen Teil Gastgeber, 2001 Lugano im italienischsprachigen Tessin.
Rätoromanisch ist die vierte Landessprache der Schweiz, neben Deutsch, Französisch und Italienisch.
Ungefähr 35’000 Personen bezeichnen Rätoromanisch als ihre Hauptsprache. Das so genannte Romantsch wird vor allem im Gebirgskanton Graubünden gesprochen.
Die Kosten für die Session in Flims werden auf ungefähr 3,6 Mio. Franken geschätzt.
Während der Sessiun wird das Bundeshaus in Bern, das Parlamentsgebäude, einer Grossrennovation unterzogen.
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