Der Coiffeur auf der Bühne
"waschen schneiden föhnen": Der Titel ist Programm in Helena Waldmanns Tanz-Show. Auf der Bühne fallen die Haare, dank raffinierter Video-Installation auch im Film.
Die Uraufführung in Luzern überzeugte mit dem weltweiten Blick auf einen alten Beruf.
Das Schlechte vorweg: Die Tanzsequenzen sind im als «Tanz-Show» deklarierten Stück zu rar, die Aufführungsdauer mit einer knappen Stunde zu kurz, die Kostüme zu gesucht. Davon abgesehen verführt das Stück das Publikum aber in medial unterstützten Sprach- und Tanzsequenzen gekonnt in historische und geografische Welten des Haareschneidens.
Das Ergebnis ist ein vergnüglicher Abend zu einem Thema mit wenig Tiefgang, dafür umso mehr Wiedererkennungs-Effekt aus dem Alltag. Etwa, wenn der auf der Bühne schneidende echte Coiffeur den Haarwunsch der ebenso echten Kundin innert Sekunden uminterpretiert und loslegt. Die geglückte Frisur stimmt sie aber zufrieden.
Aus dem Alltag gegriffen ist auch der Small-Talk des Coiffeurs – offensichtlich ein Beruf, bei dem das Haareschneiden zur Nebensache verkommen kann. Die Kunden wollen reden, träumen, sich im Spiegel betrachten und darin ihr selbst gewähltes Image wiedererkennen. Der Coiffeur hat die Traumwelten zu inszenieren.
Raffiniertes Bühnenbild
Und das tut auch Regisseurin Waldmann mit der Inszenierung des Stücks auf drei Ebenen und in den drei Kunstgattungen Schauspiel, Film und Tanz. Auf den beiden Coiffeur-Stühlen wird vor riesigen Spiegelflächen geschnitten, geföhnt und geredet – ein Schauspiel.
Auf den Spiegelflächen werden Videosequenzen von Coiffeuren an der Arbeit in Estland, Indien, Jordanien, Brasilien, Schottland und Italien gezeigt – ein Film. Und hinter den Spiegeln, die ab und zu den Durchblick gewähren, ahmen Menschen Bewegungen und Gesichter aus anderen Zeiten und Welten der Haarkunst nach – ein Tanz.
Der Spiegel wird zur Projektionsfläche und konfrontiert die Kunden und das Publikum nicht nur mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung, sondern auch mit anderen Menschen und Zeiten.
(Nicht-)globalisierter Beruf
Zu sehen ist der Frisör in Indien, der seinen Kunden mit einer gnadenlos kräftigen Gesichtsmassage beglückt. Oder sein Berufskollege in Brasilien, der im Freien schneidet und Sommerstimmung verbreitet.
Der Blick zurück in die europäische Haargeschichte folgt mit Haartürmen und statischen Tanzschritten aus der Rokoko-Zeit und ironisiert den einstigen Perücken-Wahn der Europäerinnen und Europäer. Die Archäologin rechnet ferner aus, dass 22 Meter Haar rund 200 Jahren Wachstum entsprechen.
Zu sehen ist auch der Haarfetischist, der nicht zusehen kann, wie mit jeder weggeschnittenen Haarsträhne ein Stück Lebenszeit achtlos weggeworfen wird. Und am Schluss des Abends bleiben Haare zurück, die noch lange Zeit wachsen und erbarmungslos die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers illustrieren.
Musikalisch geht «waschen schneiden föhnen» mit an die Schauplätze – zu hören ist Kammermusik, Klassik, Perkussives aus dem Orient. Tänzerisch zeigt das Stück hochstehenden Modern Dance. Schade nur, dass das Publikum nicht mehr davon bekommt.
swissinfo und Agenturen
Im Mittelpunkt stehen zwei Coiffeure, die viel gereist sind und manches gesehen haben.
Beim Waschen, Schneiden und Föhnen erzählen sie von ihren vielen Erlebnissen.
Die Tanz-Show von Helena Waldmann für zwei Coiffeure und ihre Assistentinnen läuft bis 13. April 2003.
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