The Swiss voice in the world since 1935
Top Stories
Schweizer Demokratie
Newsletter

Die elegante Dame mit der Kirsche auf dem Hut

Die Mailänder Scala wurde in einer Rekordzeit von nur gut zwei Jahren renoviert. swissinfo.ch

Am 7. Dezember wird das Teatro alla Scala in Mailand nach zweijähriger Renovation wieder eröffnet. Mario Botta setzt mit neuen Gebäudeteilen Akzente.

Dafür erntet der Tessiner Stararchitekt viel Kritik.

Die Kronleuchter sind mit Plastik verhängt, Hunderte von Kisten mit Stuhllehnen stapeln sich im Foyer, ein Heer von Arbeitern poliert Fussböden, Stuck und Statuen. Baukräne und Zäune verstellen von aussen den Blick. Das wohl berühmteste Opernhaus der Welt im Herzen Mailands ist eine Grossbaustelle.

Kaum vorstellbar, dass hier in wenigen Tagen – nach einer Renovation in der Rekordzeit von nur gut zwei Jahren – die feierliche Wiedereröffnung stattfinden soll.

Am 7. Dezember wird Antonio Salieris «Europa riconosciuta» gegeben, dieselbe Oper, mit der die von Giuseppe Piermarini 1778 errichtete Scala eingeweiht worden war.

Natürlich wird Riccardo Muti den Taktstock schwingen. Er ist der unumstrittene Star des Mailänder Opernbetriebs. Längst ist die Vorstellung ausverkauft, deren Billette bis zu 3000 Franken kosteten.

Ein politisches Ereignis

Es ist ein Lauf gegen die Zeit. Doch er wird zweifellos erfolgreich sein. Nicht nur, weil die Italiener Meister des Endspurts sind, sondern auch, weil die Wiedereröffnung ein eminent politisches Ereignis ist. Die amtierende Mitte-Rechts-Stadtregierung will damit unter Beweis stellen, dass sie – im Gegensatz zu ihren linken Vorgängern – Renovationspläne und Budgets einhalten kann.

Mit 60,5 Millionen Euro wurde der Voranschlag um nur 10 Prozent überstiegen. «Ein einmaliger Vorgang für Italien», frohlockte Vizebürgermeister Riccardo De Corato in einem Treffen mit der Auslandpresse. Um die termingerechte Fertigstellung zu garantieren, lässt die städtische Bauleitung nun rund um die Uhr arbeiten.

Begeisterter Muti

Trotz Baustelle ist schon viel zu sehen von der neuen Scala, deren Innenraum in hufeiserner Form mit fünf Logenrängen im warmen samtrot-goldenen Farbton verblieben ist. Alle Spannteppiche sind verschwunden. Vollkommen erneuert wurde der Boden im zentralen Parkett, der nun in Eichenholz glänzt.

Der neue Boden und sein darunter liegender Resonanzkörper ist das wichtigste Element für die Klangerneuerung, für die der spanische Akustiker Higini Arau verantwortlich zeichnet. «Sagenhaft!» sei der Sound, soll Muti nach der ersten Probe gejubelt haben.

Bildschirme in den Lehnen

Allerdings wurde nicht nur renoviert, sondern auch restauriert. Einige Logen, die in den 30-er Jahren verschandelt oder nach dem Bombenangriff von 1943 zerstört wurden, konnten in den von Piermarini entworfenen Originalzustand gebracht werden.

Vollkommen erneuert präsentiert sich auch die Bestuhlung. In den Lehnen sind kleine Bildschirme angebracht, in denen das Opernlibretto in diversen Sprachen mitverfolgt werden kann.

Auffällig ist die Erweiterung der Bühne mit einer unglaublichen Tiefe. Darüber erhebt sich ein gigantischer Bühnenturm. Seine Höhe: Insgesamt 56 Meter, davon 18 unterirdisch. Das Bauwerk mit einer neuartigen Bühnenmaschinerie lässt es zu, mehrere Bühnenbilder zu beherbergen und bis zu drei Vorstellungen pro Tag zu ermöglichen. In nur sechs Minuten kann ein Kulissenwechsel erfolgen.

Bottas Werk

Dieser Bühnenturm stammt aus der Feder des Tessiner Stararchitekten Mario Botta. In den oberen Stockwerken sind die Proberäume für Sänger, Chor und Orchester untergebracht.

In einem benachbarten Ellipsoid, der mit seinen schmalen Fenstern die unverwechselbare Handschrift Bottas trägt, befinden sich die Einzel- und Kollektivgarderoben von Sängerinnen, Statisten sowie die Mensa. Insgesamt arbeiten rund 1000 Leute hinter den Kulissen der Scala, für die Platz geschaffen werden musste.

Begeisterung…

Von aussen sind Bottas Kubus und der Ellipsoid die auffallendsten Merkmale der neuen Scala. Umstritten ist vor allem der Aufbau in Ellipsen-Form.

Mailands Bürgermeister Gabriele Albertini indessen ist begeistert. Er sieht darin eine ideale Verbindung von Tradition und Moderne und er vergleicht das Werk mit der Reichstagskuppel von Sir Norman Forster in Berlin.

…und Kritik

Weniger begeistert zeigen sich viele Mailänder, darunter auch namhafte Architekten. Giancarlo De Carlo erklärte, die Scala gleiche nun «einer alten Dame im eleganten Abendkleid, die einen kirsch-besetzten Hut trägt: einfach lächerlich».

Der ehemalige Direktor der Architekturakademie von Mendrisio, Kurt Forster, ein Gegenspieler Bottas, äusserte sich ganz lapidar: «Die Angelegenheit wird schnell vergessen sein, denn der Mythos der Scala ist das Innere.»

swissinfo, Gerhard Lob, Mailand

1778: Einweihung des Teatro alla Scala
1943: Bombenangriff zerstört das Opernhaus
1946: Feierliche Einweihung der wieder aufgebauten Scala unter Arturo Toscanini
2001: Scala wird für Totalrenovation geschlossen
2004: Wiederöffnung am 7.Dezember mit der Oper «Europa riconosciuta» unter Riccardo Muti
Renovationskosten: 90 Mio. Fr.

Das Teatro alla Scala in Mailand gehört zu den berühmtesten Opernhäusern der Welt. Es wurde 1778 von Giuseppe Piermarini im Auftrag der österreichischen Kaiserin Maria Theresia an Stelle der ehemaligen Kirche Santa Maria alla Scala gebaut. Dies erklärt den Namen.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Opernhaus schwer beschädigt. Schon damals wurde es in Rekordzeit wieder hergerichtet. Allerdings wies es inzwischen schwerwiegende Sicherheitsmängel sowie Platzprobleme auf.

Im Herbst 2001 wurde die Scala für eine Totalrenovation geschlossen. 2002 begannen die Renovationsarbeiten. Der neue Bühnenturm und der Anbau in Form eines Ellipsoiden stammt aus der Feder von Mario Botta. Für die Verbindung von Tradition und Moderne erntete der Tessiner Architekt in Mailand einige Anerkennung, aber auch viel Kritik.

Beliebte Artikel

Meistdiskutiert

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!

Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft

SWI swissinfo.ch - Zweigniederlassung der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft