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Eine völlig neue Lebensperspektive

Symbole eines rebellischen, unangepassten Lebensgefühls. swissinfo.ch

Im Berner Museum für Kommunikation dokumentiert eine Ausstellung die Wirkung der elektrischen Gitarre auf Kunst, Gesellschaft und Kommerz.

Zu sehen sind zahlreiche Sammlerstücke. Ein Teil der Ausstellung dreht sich um die Auswirkungen der Stromgitarre auf die Schweiz.

Vor dem Museum für Kommunikation stehen überlebensgrosse Bilder von Gitarrengöttern: Carlos Santana, Keith Richards, Pete Townshend, Kurt Cobain oder Jimmy Page.

Die Ausstellung «Stromgitarren» zeigt den Werdegang der Arbeitsgeräte all dieser Heroen der Rock- und Jazzwelt. Ausgestellt sind rare Sammlerstücke aus der Anfangszeit, als die Gitarre eine Steckdose erhielt.

Ist es also eine Ausstellung für Fans von raren elektrischen Gitarren? Ja, das ist sie. Wer all die Hollobodies, die Solidbodies, die Fender und Gibson, die Guild, Gretsch und Ibanez, die Höfner der Beatles mal anschauen (und hören) will, der muss nach Bern gehen.

Der Auslandschweizer Rickenbacker

«Stromgitarren» wurde zuvor bereits in Berlin und Mannheim gezeigt. In Bern wurde sie um einen Schweizer Teil ergänzt: Wie ist die elektrische Gitarre in die Schweiz gekommen, wer spielte sie wohl zum ersten Mal und was hat sie möglicherweise bewirkt?

Ausserdem wird ein ganz besonderer Schweizer vorgestellt. Adolf Rickenbacker, der Anfangs des 20. Jahrhunderts von Basel in die USA ausgewandert ist.

Rickenbacker war der Meinung, dass eine Gitarre in ihrer klassischen Form doch eher ein leises Instrument sei. Zu leise für die neuen Musikformen. Und die versuchten laut zu sein. Denn sie sollten den Lärm in den Spelunken übertönen.

So fragte Rickenbacker 1934: «Was würden Sie zu einer Hawaii-Gitarre sagen, die man eine Viertelmeile weit weg noch hören kann?»

«Wonderful», sagten alle und Rickenbacker baute zusammen mit seinem Partner George Beauchamp die erste elektrisch verstärkte Gitarre, die auf den Markt kam. Die «Frying Pan» ist in Bern ausgestellt.

Die Firma wollte mit ihr weniger die Welt verändern, als vielmehr Geld verdienen. Doch ist nicht zu leugnen, dass Rickenbacker mit seinem Produkt eine gesellschaftliche Lawine lostrat.

Ein Instrument prägt ein Lebensgefühl

Wären in Bern lediglich alte und rare Gitarren zu sehen, dann würde sich die Ausstellung nicht von einer Modell-Eisenbahn-Ausstellung unterscheiden. Doch Stromgitarren unterscheiden sich wesentlich von Modell-Eisenbahnen.

Die Instrumente machen nicht nur laute Musik, sie prägen bis heute eine Art Lebensgefühl.

Der intime Rahmen der Kammermusik konnte verlassen werden und die Massenkommunikation war geboren. Der Massenkommerz auch.

Ob die Instrumente allerdings zum Protest gegen das Etablierte taugten, muss bezweifelt werden. Als nämlich Bob Dylan seine akustische Gitarre verstärkte, wurde er ausgepfiffen und mit «Judas» beschimpft.

Auch die Schweiz wird unterwandert

Die Ausstellung versucht auch die Frage zu beantworten, wer zum ersten Mal in der Schweiz eine Gitarre verstärkt hat. Möglicherweise war dies der Jazzgitarrist Pierre Cavalli nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer hat die erste Stratocaster angeschlossen? – Zur Wahl stehen «Les Aiglons», «The Black Caps» und «Les Sauterelles».

Interessant ist auch der Versuch der Ausstellung, mittels Filmdokumenten den Zusammenhang zwischen Gitarrenrock-Konzerten und dem Ausbruch von Jugendunruhen in der Schweiz herzustellen.

Nach dem Konzert der Rolling Stones 1967 in Zürich kam es zu Krawallen, wie auch nach dem Konzert von Jimi Hendrix 1968. Und die 1980er-Unruhen in Zürich stellen die Ausstellung in einen Zusammenhang mit einem Konzert von Bob Marley.

Als die Stromgitarren versagten

Gerade beim Rolling Stones Konzert wurden jedoch die Besucherinnen und Besucher eher unruhig, weil die Stromgitarren versagten.

Da die Verstärker den Lärm nicht übertönen konnten, versuchten alle vorne den Bühnenrand zu erreichen. Dass da die Stühle in Brüche gingen, hatte wenig mit politischen Unruhen zu tun.

Es lässt aber darüber nachdenken, wie wichtig die Verstärker eigentlich sind. Dass das Konzert der gealterten Rolling Stones 2003 in ganz Zürich zu hören war, muss den Marshall-Türmen verdankt werden. Doch die Verstärker – die unabdingbaren Begleiter – sind in der Stromgitarren-Ausstellung kein Thema.

Und die Frauen?

Bleibt noch die Frage: Wo blieben die Frauen in der ganzen Welt der Rockgitarre?

Sie griffen viel weniger zum Solidbody als die Männer. Doch ganz abwesend waren sie nicht. In Bern ist ein Konzertausschnit von den «Pretenders» und ihrer Gitarristin und Sängerin Chrissie Hynde zu sehen.

Daneben fordern die Schweizerinnen von «Les Midinettes», «The Ladys», «Kleenex» oder «Female Trouble» dazu auf, den Legenden, dem Lärm und der Leidenschaft auch den weiblichen Stempel aufzudrücken.

swissinfo, Urs Maurer, Bern

Die Ausstellung «Stromgitarren – Legenden, Lärm und Leidenschaft» – Berner Museum für Kommunikation dauert bis zum 28. April 2006.

Nebst der Ausstellung finden die «Guitar Tuesdays» statt. – 12 Abende mit Konzerten und Lesungen.

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