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Expressionismus aus den Bergen

Alpleben, Triptychon von Ernst Ludwig Kirchner, 1918 (Ausschnitt). Kirchner Museum Davos

In den 1920er-Jahren scharte sich eine Reihe junger Künstler in Davos um den berühmten Maler Ernst Ludwig Kirchner. Das Kunstmuseum Bern zeigt nun erstmals 160 Werke dieser Künstler.

Die Werke zeigen emotionsgeladene Landschaften und Porträts. Der Berg ist mehr die Projektion eines aufgewühlten inneren Zustands als ein idyllischer Ort der Zuflucht.

Ernst Ludwig Kirchner ging 1917 nach Davos. Er war zu diesem Zeitpunkt von seinem Militäreinsatz im Ersten Weltkrieg schwer traumatisiert und litt unter Existenzängsten.

Damals kamen vor allem Patienten mit Tuberkulose oder anderen Lungenkrankheiten in diese Alpenregion.

1920 traf Kirchner den deutschen Künstler Philipp Bauknecht und den holländischen Maler Jan Wiegers. Es war der Anfang einer Künstlergemeinschaft, zu der die jungen Basler Maler Hermann Scherer und Albert Müller stiessen.

Die beiden bildeten gemeinsam mit Paul Camenisch die Gruppe Rot-Blau, die während ihrer kurzen und aufreibenden Existenzphase den wichtigsten Beitrag zum Expressionismus in der Schweiz leistete.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern zeigt zum ersten Mal Werke aller Künstler, die Kirchner in einer Art Gemeinschaft um sich geschart hatte. Kirchner liebte einerseits die Einsamkeit der Berge, doch er litt auch darunter. Denn er fürchtete, den Kontakt mit der aktuellen Kunstszene zu verlieren.

Freunde und Konkurrenten

«Für Kirchner war es nicht nur wichtig, eine eigene Schule zu begründen, sondern mit ausgebildeten Künstlern in Kontakt zu sein, die seine formale Sprache als Ausgangspunkt genommen hatten», meint Samuel Vitali, Kurator der Berner Ausstellung.

Im engen Ambiente der Berge entstanden so wahre Freundschaften. Dies zeigen viele Bilder, in denen Umarmungen, gemeinsame Abendessen auf der Veranda oder andere Momente des heiteren Zusammenseins abgebildet sind.

Doch die Freundschaft schlug schnell in Konkurrenz und Streit um. Der Meister beschuldigte die Schüler, seine Ideen gestohlen und ihn kopiert zu haben.

«Als etwa Kirchner bemerkte, dass Scherer eine beeindruckende Skulpturengruppe geschaffen hatte, schrieb er gleich einen Artikel über sein eigenes Skulpturenwerk, um deutlich zu machen, dass er selber die Inspirationsquelle war», sagt Vitali.

Doch Kirchners Rot-Blau-Konkurrenten entwickelten schnell ihre eigenen Stile. Camenisch wandte sich stärker dem Realismus zu. Die beiden Schweizer Künstler, Müller und Scherrer, starben aber unerwartet früh in den Jahren 1926 und 1927.

Bildervergleich

Die Ausstellung besteht nicht nur aus Gemälden, sondern auch aus Skulpturen, Zeichnungen und Fotografien. In einigen Schwarz-Weiss-Fotos kann man gut die Landschaften in den typisch verzerrten Farben des Expressionismus erkennen.

Zudem lassen sich auch Bilder verschiedener Künstler vergleichen, die dasselbe Sujet aufgegriffen haben.

Um die satten Farben gut zum Ausdruck kommen zu lassen, hätte man die Bilder auf neutrale graue Wände hängen können. Doch davon wurde nur teilweise Gebrauch gemacht. Mehrere Säle sind in roten, grünen oder blauen Tönen gehalten.

Das Experiment ist nur teilweise geglückt, denn wegen der gedämpften Beleuchtung kommen die Farben der Bilder so nicht genügend zur Geltung.

Angst, Krankheit, Zerbrechlichkeit

Die Rot-Blau-Künstler verwendeten fast immer dasselbe Format: 1 Meter auf 1,50 Meter. «Viele Leinwände sind auch beidseitig bemalt», sagt Vitali.

Das Bild der Alpen, das diese Künstler hinterlassen haben, kann schräg erscheinen. Bei genauerer Betrachtung sieht man jedoch, dass diese Darstellungen durchaus mit denjenigen der Romantik oder des 18. Jahrhunderts vergleichbar sind, als man auf die «schrecklichen Berge» die Angst vor der wilden Natur projizierte.

In diesen Bildern im Kunstmuseum Bern sind Angst, Krankheit und Zerbrechlichkeit dargestellt – als Folgen einer urbanen und industrialisierten Gesellschaft oder des Krieges. Durch einen Zufall ist der Expressionismus aus der Stadt in die Alpen gekommen. Dort formt er sich, bevor er in die Stadt zurückkehrt.

swissinfo, Raffaella Rossello
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Was: Expressionismus aus den Bergen – Kirchner, Bauknecht, Wiegers und die Gruppe Rot-Blau
Wo: Kunstmuseum Bern
Wann: Vom 27. April bis 19. August 2007
Woher: Die ausgestellten Exponate – Gemälde, Grafiken, Zeichnungen, Skulpturen und Fotos – stammen aus den Kunstmuseen Bern, Chur und Basel, dem Kirchner-Museum in Davos, dem holländischen Kunstmuseum in Groningen, sowie aus diversen anderen Museen und privaten Sammlungen.

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) ist einer der Väter des deutschen Expressionismus.

Er lebte in Dresden und in Berlin. 1905 war er Mitbegründer der Künstlergemeinschaft «Die Brücke». Später pflegte er Beziehungen zur Gruppe «Der blaue Reiter».

Im Jahr 1917 zog Kirchner in die Schweiz, in die Nähe von Davos, um sich von einem Nervenzusammenbruch zu erholen, den er als Folge seines Militärdienstes erlitten hatte. Im 1.Weltkrieg hatte er freiwillig als Fahrer in einem Artillerieregiment gedient.

Unter dem Eindruck der alpinen Landschaft wurde sein Stil sehr persönlich und zunehmend abstrakt.

In der Schweiz wollte Kirchner eine Künstlergemeinschaft gründen, um sein Wissen und seine Erfahrung weiter zu geben. Gleichzeitig litt er aber unter dem Wettbewerb mit seinen jungen Kollegen.

Die Gruppe Rot-Blau wurde 1924/25 von den Schweizer Künstlern Hermann Scherer, Albert Müller und Paul Camenisch nach dem Modell von «Die Brücke» ins Leben gerufen. Später stiess Werner Neuhaus hinzu.

Diese Gruppe suchte den Bruch mit der alten Schule von Malern (Paul Basilius Barth, Jean-Jacques Lüscher, Numa Donzé und andere).

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