Historisches Menschenmosaik der Schweiz

Soldatenglück, Gelatine-Trockenplatte, Negativ, 1942. Ernst Winizki-Weber

Die Fotoausstellung "Aufbruch in die Gegenwart" im Landesmuseum Zürich erzählt die Geschichte der Schweiz von 1840 bis 1960. Im Zentrum stehen unauffällige Alltagsbilder von einfachen Bürgern, die sich zu einem einmaligen "Menschenmosaik" zusammenfügen.

Dieser Inhalt wurde am 11. Dezember 2009 - 08:58 publiziert

Riesige weisse Zacken ragen in den Himmel auf dem Foto, das um 1880 entstanden ist. Es sind die Eistürme des Oberen Grindelwaldgletschers. Ein Gletscher, den es so nicht mehr gibt. Genau so, wie es die Schweiz von damals nicht mehr gibt.

Gemeinsamkeiten zur heutigen Schweiz sind auf den Fotos aus der Sammlung von Ruth und Peter Herzog, die in der Sonderausstellung "Aufbruch in die Gegenwart. Die Schweiz in Fotografien 1840-1960" im Schweizerischen Landesmuseum Zürich zu sehen sind, kaum auszumachen.

Ein Mann mit Strohhut, hochgekrempeltem weissem Hemd und Hosenträgern schneidet mit einer Sichel Getreide, Frauen mit Röcken und Schürzen binden sie zu Ähren. Mit Pferde- oder Ochsen-Fuhrwerken fahren Bauern über ungeteerte Strassen und bringen die Ernte ein. Da gibt es mitten in der Stadt Kuh- und Schweinemärkte und Plätze ohne Verkehr. Eine schier unendliche Weite aus Wiesen, Wäldern, Feldern.

Ein Heer von Arbeitern

Die Schweiz, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch als armes Agrarland galt, wandelt sich in einen Industrie- und in einen Dienstleistungsstaat.

Die Alpenwelt wird von Touristen und Bergsteigern erobert – romantisierte Bilder von Seen, Flüssen und Gipfeln gehen um die Welt und prägen bis heute das Image der Schweiz im Ausland. Die Älpler verlassen die Berge und lassen sich in Städten und im Flachland nieder.

Dort werden sie von Fabrikhallen verschluckt: In der Schuhfabrik C. F. Bally sitzen Frauen mit hochgesteckten Haaren an schmalen Holztischen vor Nähmaschinen, in der Giesserei Sulzer hantieren Männer an riesigen Kesseln.

Das Land wird mit einem Netz von Telefonleitungen durchzogen, Wasserkraftwerke werden gebaut.

Die Schweiz – ein Heer von Arbeitern und Arbeiterinnen: Die Ausstellung rückt immer wieder den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, gibt damit dem Weg zum Fortschritt ein Gesicht.

Narben in der Landschaft

Ein Fortschritt, der den Alltag verändert. Der Dorfladen, wo der Verkäufer die Kunden hinter der Theke persönlich bedient, macht den Kaufhäusern mit Abfertigungsbändern Platz. Zu den Arbeitern kommen immer mehr Büro- und Bankangestellte.

Während mit dem Bau von Eisenbahnen und Strassen die Saumpferde und Postkutschen abgelöst und der Grundstein für die heutige Mobilität und Beschleunigung der Welt gelegt wurde, stösst diese heute an ihre Grenzen.

Für den Bau des Flughafens Kloten in Zürich wird um 1950 Wald gerodet – das geometrisch angeordnete Flugfeld inmitten von idyllischen Wäldern und Feldern mutet auf dem Foto abstrakt an. Wie tiefe Narben ziehen sich die Lebensadern der modernen Welt durch die Landschaft.

"Versuch, die Welt zu verstehen"

Für die Ausstellung wurden aus über 30'000 Fotos aus der Sammlung von Peter und Ruth Herzog 300 Bilder ausgewählt. Viele Fotos stammen von bekannten Fotografen wie etwa Theo Frey, ein grosser Teil auch von unbekannten oder anonymen Fotografen.

Woher kommt diese Sammelwut? "Man versucht über die vor allem in den Fotoalben immer wiederkehrenden Bildfolgen, die geradezu als archetypisch zu bezeichnen sind, die Welt zu begreifen und zu verstehen, was die Menschen bewegt", sagt Peter Herzog, der vor über 35 Jahren auf einem Flohmarkt die erste Fotografie seiner Sammlung erstanden hat.

Herzog geht es mit seiner Sammlung auch darum aufzuzeigen, dass es andere Möglichkeiten gibt, sein Leben zu gestalten. "Die Welt auf diesen Bildern ist greifbar, sie ist verständlich, sie ist überschaubar", so Herzog.

Er wehrt sich jedoch gegen Idealisierung und Vernostalgisierung dieser Bilder. "Sie sollen zum Denken darüber anregen, was wir verloren haben und was wir daraus lernen können. Angesichts der Scheinwelt der Finanzindustrie etwa möchte man wieder zurück zu mehr Sein als Schein, zu mehr Produzieren statt Konsumieren, zurück zu realen Werten, zu mehr Bescheidenheit."

Herzog interessiert nicht das glamouröse Bild. Was ihn vor allem fasziniert sind Aufnahmen von scheinbar unaufgeregten Alltagszenen aus dem Fotoalbum – Aufnahmen, die zu einmaligen historischen Dokumenten werden und sich zu einem "Menschenmosaik" zusammenfügen.

"Helden des Alltags"

"Die Fotografie demokratisiert", sagt Herzog. "Wir wollen mit unserer Sammlung insbesondere zeigen, dass alle Menschen aufeinander angewiesen sind und der Arzt nicht wichtiger ist als der Strassenwischer." Die dreiteilige Ausstellung schliesst bezeichnenderweise mit dem Titel "Helden des Alltags".

Hier finden sich Bilder von Persönlichkeiten wie Max Frisch, Ferdinand Hodler, Annemarie Blanc und General Guisan neben dem Bauern mit zerbeultem Hut und Tabakpfeife, der zerfurchten Hausiererin und der jungen Frau, die träumerisch und voller Elan durch die Luft schaukelt.

Lachende, nachdenkliche und traurige Blicke – Blicke, die Menschen aus vergangenen Zeiten in die Zukunft warfen.

Corinne Buchser, Zürich, swissinfo.ch

Einmalige Sammlung

Die Sammlung von Peter und Ruth Herzog umfasst insgesamt rund 300'000 Fotografien.

Begonnen hat alles vor rund 35 Jahren auf dem Flohmarkt, als Peter Herzog eine Fotografie von Spinnerinnen in die Hände fiel. Dieser zufällige Fund löste ein leidenschaftliches Sammeln aus, das bis heute anhält.

Im Jahr 1994 übergab das Sammler-Ehepaar dem Schweizerischen Landesmuseum Zürich 100'000 Fotos.

2008 trennten sich Peter und Ruth Herzog von weiteren 30'000 Bildern. Daraus wurden 300 Bildern für die Ausstellung "Aufbruch in die Gegenwart" Im Landesmuseum ausgewählt.

Die Ausstellung dauert bis am 28. Februar 2010.

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