Jazzige Klänge im Luzerner Hinterland
Für viele ist es das sympathischste Jazz Festival der Schweiz: Willisau hat sich immer für Neues geöffnet und dennoch sein Free-Jazz-Profil behalten.
Wem Bern zu arriviert und Montreux zu beliebig ist, der pilgert dieses Wochenende ins Luzerner Hinterland.
Zum 28. Mal findet vom 29. August bis 1. September das Jazz Festival Willisau statt. Und wie immer trägt es den Stempel einer Person: Niklaus Troxler, Initiant und Organisator, prägt das Festival seit Beginn.
Hochburg des Free Jazz mit Bierzelt
Das beginnt schon bei Troxlers Plakaten, die zu einem Markenzeichen des Festivals und zu beliebten Sammler-Objekten geworden sind.
Zum besonderen Charme von Willisau gehört (neben dem traditionellen Regenwetter besonders in den ersten Tagen), dass nicht nur die Grossen in der Festhalle spielen, sondern immer wieder Platz ist für Gratis-Konzerte im Festzelt.
Und wenn im Zusammenhang mit Willisau von Festzelt gesprochen wird, dann darf man sich das durchaus als recht traditionelles Bierzelt vorstellen. Denn in der Kleinstadt im Luzerner Hinterland treffen Jazzfreaks aus ganz Europa mit Bewohnern aus der Region zusammen.
Dabei geht es um mehr als um Musik, eine Mischung von Weltgewandtheit und Hinterländerischem prägt die Nächte.
Permanente Weiterentwicklung
Troxler prägt auch die Musik-Auswahl: Willisau gilt als Hochburg des Free Jazz in der Schweiz.
Troxler blieb diesen Wurzeln treu, ohne sie in Nostalgie zu konservieren. Vielmehr sucht er stets neue Tendenzen, deren Wurzeln sich zur musikalischen Revolution der sechziger Jahre zurückverfolgen lassen.
Hommage an Piazzolla
Auch diesmal lassen sich höchst kontrastierende Richtungen ausmachen. Eröffnet wird das Festival – der erste Abend ist traditionellerweise dem Ethnojazz gewidmet – mit einer Hommage des französischen Akkordeonisten Richard Galliano an den Tango-Virtuosen Astor Piazzolla.
Im zweiten Teil des Abends versucht das Oktett des Italieners Gianluigi Trovesi eine Aufarbeitung und Transformation von Blues und Jazz.
Molvaer-Gittarist Arset
Der Freitag gehört der elektronischen Musik: Zu hören sind das amerikanische Trio Headfake, der Norweger Eivind Aarset mit «Electronique Noir» und das deutsche DJ-Kollektiv Jazzanova.
Auf Elektronik folgt Akustik
Den traditionellen Nachmittag der Duos hat Troxler abgeschafft. Vorgesehen ist am Samstagnachmittag ein akustisches Programm auf höchstem Niveau.
Der Franzose Louis Sclavis, ein Garant für sensible lyrische Musik, gastiert mit dem Quintett «L’affrontement des prétendants». Der virtuose amerikanische Trompeter Dave Douglas kommt mit dem Tiny Bell Trio nach Willisau.
Stars auf Stars
Am Samstagabend («Forward to the Roots») setzt die japanische Pianistin Aki Takase mit einem Quintett zu einem «Tribute to W.C. Handy» an; der Komponist Handy (1873-1958) gilt als «Father of the Blues».
Takases Band ist übrigens ziemlich extravagant besetzt: Fred Frith, Nils Wogram und Paul Lovens haben ihre individuelle Klasse bisher vor allem in Free-Music Zusammenhängen hören lassen.
Nach einem Soloauftritt des Pianisten Matthew Shipp spielt das Daniel Humair Trio, erweitert mit dem Saxofonisten Ellery Eskelin.
Schweizer Formation
Der Sonntagnachmittag bringt mit Lucas Nigglis «Big Zoom» eine der aufsehenerregendsten Schweizer Jazzformationen der letzten Jahre.
Die direkteste Linie zum Free Jazz lässt sich im New New York Art Quartet ausmachen: Drei Viertel des New York Art Quartets der sechziger Jahre (Milford Graves, Roswell Rudd, Reggie Workman) spielen in der neuen Formation mit John Zorn.
Erika Stuckys Bubblefamily besorgt das Finale
Den Abschluss des Festials bestreiten das Trio Bassdrumbone (Mark Helias, Gerry Hemingway, Ray Anderson) und Erika Stucky mit Bubblefamily. Letzteres ein Projekt, in dem verschiedene Kulturen und Musikrichtungen, nebst Texten und Tanz, durcheinander gewirbelt werden.
Eva Herrmann und Agenturen
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