Leise Hilfe für laute Töne
In Bosnien hat die Stiftung Pro Helvetia gemeinsam mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) den Aufbau des Plattenlabels "Gramofon" ermöglicht.
«Gramofon» ist eines der zahlreichen Einzelprojekte des Schweizer Programms zur Förderung kultureller Aktivitäten in Osteuropa.
Noch sind die Wunden des Krieges nicht vernarbt. In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, deren Altstadt mit ihren Moscheen und Kirchen vom friedlichen Zusammenleben der Völkergruppen vor dem Krieg zeugt, spürt man es auf Schritt und Tritt: Unter der Oberfläche des Alltags mottet der Konflikt zwischen den bosnischen Serben und muslimischen Bosniaken weiter.
Und als ob dieser eine Krieg nicht reichen würde, leidet das Land unter einem enthemmten Kapitalismus, der wie ein Sturm über die verarmte Bevölkerung hereingebrochen ist und die brüchig gewordenen Sozialstrukturen noch weiter durcheinander bringt.
Umso wichtiger ist deshalb neben den übrigen Entwicklungsprojekten das «Schweizer Kulturprogramm Südosteuropa und Ukraine» (SCP), das die Kulturstiftung Pro Helvetia im Auftrag der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in der Balkanregion durchführt.
Nachhaltige Projekte
Der langfristige Wiederaufbau der kulturellen Grundversorgung soll positive kreative Kräfte freisetzen, nicht bloss Arbeitsplätze, sondern auch soziale Identität und Lebensqualität schaffen, den Entwurzelten ihre Geschichte und ihr Selbstverständnis zurückgeben und vielleicht sogar erste Schritte zur Vergangenheitsbewältigung und Versöhnung ermöglichen.
Neben vielen kleinen Einzelprojekten umfasst das Programm 20 auf Nachhaltigkeit angelegte, grössere Projekte. Darunter befindet sich in Bosnien-Herzegowina der Aufbau des CD-Plattenlabels «Gramofon».
Ein Programm ohne Scheuklappen
Mit Schweizer Hilfe hat das kleine Label, das die Veranstalter des Sarajevo Jazz Festivals vor vier Jahren gegründet haben, in den vergangenen drei Jahren 18 CDs veröffentlicht. Das Spektrum ist breit und kühn: Neben Popmusik zwischen Elektronik, Funk und Jazz hat Gramofon auch klassische und zeitgenössische Musik im Programm.
Das meistverkaufte Album aber stammt von Emina Zecaj, der grossen alten Dame der Sevdah-Musik, der traditionellen bosnischen Folklore. Die Gramofon-Leute kennen keine Scheuklappen: Alles ist möglich, was «innovativ, urban und authentisch» ist.
«In einem Land, in dem acht von zehn CDs von Piraten-Labels gepresst und zu Spottpreisen vertrieben werden, hätten wir ohne Hilfe aus der Schweiz gar keine Chance gehabt», sagt Edin Zubcevic, einer der fünf Gramofon-Leute.
Personelle Starthilfe
Insgesamt 217’000 Franken hat die DEZA dem Label für drei Jahre zugesprochen. Damit hat Gramofon nicht nur CDs produziert, sondern auch einen Vertrieb aufgebaut; neben ihren eigenen CDs vertreibt Gramofon auch fünf renommierte ausländische Labels, darunter als Zugpferd das Jazz- und Klassik-Label ECM.
Daneben betreibt Gramofon auch eine Agentur, welche Musikgruppen an Clubs, an Festivals, aber auch für Hochzeiten und Feste vermittelt.
Zur Starthilfe gehörte während dieser drei Jahre auch der Musikproduzent Patrik Landolt, der in Zürich das «Intakt»-Label betreibt. Er hat, mehr als Kollege denn als «Consulter», wie er sagt, den jungen Gramofon-Leuten sein Wissen zur Verfügung gestellt, ihnen aber auch Kontakte zu Veranstaltern, Vertrieben und Medien in Westeuropa verschafft.
Ungesicherte Zukunft
Jetzt, nach drei Jahren, muss Gramofon lernen, ganz auf eigenen Beinen zu stehen. Noch ist der von der DEZA gesprochene Gesamtbetrag nicht ganz ausgeschöpft, erklärt Elisa Fuchs, zuständige Leiterin des Kulturprogramms bei Pro Helvetia.
Darüber hinaus hat der so genannte Steuerungsausschuss von DEZA und Pro Helvetia noch einen Übergangszuschuss bewilligt: So kann Gramofon im kommenden Jahr noch einmal mit rund 40’000 Franken rechnen.
«Zum Überleben reicht das natürlich bei weitem nicht; kein Label kann nach drei, vier Jahren mit einem Katalog von kaum zwei Dutzend CDs auf eigenen Beinen stehen», weiss Patrik Landolt.
«Gramofon wird noch über längere Zeit jährlich 30’000 bis 50’000 Franken auftreiben müssen, wenn das Label in ein paar Jahren noch existieren soll.»
swissinfo und Christian Rentsch, SFD
Die Geschichte der Schweizer Kulturarbeit in Osteuropa begann nach der Wende.
In den osteuropäischen Ländern – sie sind inzwischen in der EU – ist die Arbeit abgeschlossen.
Seit 1999 sind DEZA und Pro Helvetia in sechs Ländern Südosteuropas (Albanien, Rumänien, Bulgarien, Mazedonien, Serbien-Montenegro, Bosnien-Herzegowina), in der Provinz Kosovo und in der Ukraine aktiv.
Im März 2002 sind die auf drei Jahre angelegten Kooperationsprojekte dazu gekommen, die den Aufbau einer nachhaltigen kulturellen Infrastruktur zum Ziel haben.
Das Spektrum dieser Projekte umfasst das Bemalen von Häusern, das Aufwerten von Aussenquartieren, innerstädtische Zusammenarbeit, Jugend- und Kulturzentren und Ausbildung in Kulturmanagement.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
Einen Überblick über die laufenden Debatten mit unseren Journalisten finden Sie hier. Machen Sie mit!
Wenn Sie eine Debatte über ein in diesem Artikel angesprochenes Thema beginnen oder sachliche Fehler melden möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an german@swissinfo.ch