Presseschau vom 02.09.2002
'Kulturpolitische Krämerseelen'
Um die schweren Unwetter in der Ostschweiz und um geharnischte Bauern-Proteste gegen die Agrarpolitik des Bundesrats geht es in den Zeitungen vom Montag. Doch die grössten Wellen wirft die Entlassung des Zürcher Schauspielhaus-Direktors Christoph Marthaler.
«Provinzielle Krämerseelen», titelt der Zürcher TAGES-ANZEIGER. Die Kulturszene sei schockiert, und es töne wie ein schlechter Witz. Vor vier Tagen erst sei das Schauspielhaus bei einer internationalen Umfrage erneut zum ‚Theater des Jahres‘ gewählt worden. Und jetzt werde Marthaler gefeuert.
«Böse Erinnerungen werden wach», schreibt der TAGI weiter. Denn nicht zum ersten Mal würge der Schauspielhaus-Verwaltungsrat einen künstlerischen Aufbruch ab. Bereits 1970 seien Direktor Peter Löffler und sein später weltberühmter Hausregisseur Peter Stein entlassen worden, mit fatalen Folgen:
«Das Schauspielhaus erstarrte und verstaubte – bis Marthaler kam, um das traditionsreiche Haus endlich wieder zeitgenössisch zu machen.»
Dass Zürichs ‚kulturpolitische Krämerseelen‘ bereits nach zwei Spielzeiten entschieden, den offenherzigen und nicht immer pflegeleichten Direktor zu feuern, sei nicht nur traurig und ärgerlich, sondern schlicht provinziell, folgert das Blatt.
Schildbürger-Posse?
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG beschwört ebenfalls den unrühmlichen Ausgang der Löffler-Affäre und befürchtet gravierende Folgen:
«Eine Schildbürger-Posse? Verharmlosen wir nichts. Was der Verwaltungsrat – übereilt, so viel ist klar – beschloss und am Wochenende publik machte, nachdem er den Spielplan für die anbrechende Saison abgesegnet hatte, wird üble Konsequenzen nach sich ziehen.»
Die BASLER ZEITUNG spricht von einem «Ende mit Schrecken – auch für die Zürcher Theaterpolitik». Mutlos sei diese Theaterpolitik, weil sie den von ihr offensiv umworbenen Marthaler zu schnell fallen lasse.
«Gestern gefeiert, heute gefeuert – und morgen?» fragt die BAZ. Da müsse nun ein neuer Direktor her, verzweifelt gesucht auf Sommer 2003. Er werde nicht mal mehr ein volles Jahr Vorbereitungszeit haben.
Dass Marthaler den Hut nehmen müsse, sei «kein gutes Signal», kommentiert der Berner BUND. Schuld sei nicht in erster Linie die prekäre Finanzsituation, sondern
«das Ausbleiben des Publikums, das offenbar nicht goutiert, was weltweit als Spitzenleistung gilt, und lieber im vornehm-gestylten Opernhaus für Wagner Schlange steht, als sich von Marthaler provozieren und schockieren zu lassen.»
Für die ST. GALLER ZEITUNG ist es Marthaler wie im Titel eines seiner Erfolgsstücke – ‚Stägeli uf, Stägeli ab‘ – gegangen, nur ohne ‚Juhe‘ am Ende. Zuerst die Krönung, dann die Kündigung.
«Das Publikum nicht erreicht», titelt der BLICK und zitiert den entlassenen Direktor aus einem Interview im ‚Jahrbuch 2002 – Theater heute‘:
«Natürlich macht es schizophren, wenn man in einer reichen Stadt arbeitet und grundsätzlich zu wenig Geld hat. Eine Stadt, in der man eine Volksabstimmung gewinnen muss, um die Schliessung zu verhindern. Schön, dass man sie gewinnt, aber es ist trotzdem nicht genug. Man ist umgeben von Geld und hat bei weitem nicht ausreichende Mittel.»
Die Reichen hören nicht gern, dass sie reich sind
Auch der LE TEMPS-Kommentator bringt dieses Zitat. Unverzeihlich sei es, denn was könnte für die Gutbetuchten unerträglicher sein als zu hören, dass sie reich seien? «En effet, quoi de plus insupportable aux riches que de s’entendre dire qu’ils le sont bel et bien?» Das schreie ja geradezu nach Rache.
Nach Ansicht der NEUEN LUZERNER ZEITUNG müsste sich Zürich fragen, welches Theater es sich leisten will. «Theater war nie ein Massenphänomen und bleibt eine Kunstform mit ihrer eigenen Sprache, die nie von allen verstanden werden wird – und doch Gehör verdient.» Wer sich die Kunst leisten wolle, so die NLZ, müsse anders rechnen lernen.
Auch die AARGAUER ZEITUNG betont, dass künstlerische Abstriche dem breiten Publikum gefallen, und die Kluft zwischen Publikums- und Kritikermeinung seit längerer Zeit am Wachsen ist. Das sei vermutlich auch die Antwort auf die Frage, warum das ‚Theater des Jahres‘ kein Publikum habe.
Monika Lüthi
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