Presseschau vom 13.09.2002
Der Auftritt des US-Präsidenten vor der UNO-Vollversammlung spiegelt sich in den Kommentaren der Schweizer Presse.
George W. Bush scheint Journalisten und Politiker beeindruckt zu haben.
Bereits kurz nach der Rede Bushs interpretierte der Schweizer Aussenminister Deiss die Worte. Es sei beruhigend, es sei Klarheit geschaffen worden, so Deiss gegenüber SF DRS.
«Ich glaube, wir haben heute einem Schritt der Vereinigten Staaten hin zur UNO beigewohnt.»
«Es riecht nach Krieg»
Auch die AARGAUER ZEITUNG schreibt: «Präsident Bush hat in der Rede vor der UNO-Vollversammlung seine Allein-gegen-die-Welt-Rhetorik abgeschwächt und sucht doch noch den Schulterschluss mit der UNO und der internationalen Gemeinschaft.»
Aber: «Die Administration Bush hält unverändert am Ziel fest, Saddam Hussein zu stürzen. Mit oder ohne UNO. Die USA wissen genau, dass der Diktator von Bagdad nicht auf die ultimativen Forderungen eingehen wird.»
Das illusionslose Fazit des Aargauer Kommentators: «Es riecht nach Krieg.»
Russland im Windschatten
Die BASLER ZEITUNG beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Rollen der Akteure:
«Hier der Weltpolizist, der nach selbst gesetztem Recht den globalen Aufräumer spielt, dort die Saubermänner von der UNO, die anschliessend die Scherbenhaufen zusammenräumen? Eine fatale Aufgabenteilung.»
Damit sich die USA im UNO-Sicherheitsrat mit ihrer harten Linie durchsetzen können, brauchen sie Unterstützung. Davon könnte Russland profitieren, das seinem Nachbarstaat Georgien unverhohlen droht. Die BAZ dazu:
«Georgien muss sich vorsehen: Folgt die Kaukasusrepublik nicht den Wünschen des übermächtigen Nachbarn Russland und zwingt die tschetschenischen Rebellen zum Verlassen des Pankisi-Tals, dann wird Moskau die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen – obschon Georgien ein souveräner Staat ist.»
Die BAZ schliesst daraus: «Sollten die USA Wert auf Zustimmung oder zumindest Stillhalten Moskaus bei einem Irak-Feldzug legen, wäre theoretisch die Möglichkeit eines Kuhhandels gegeben.»
Rote Krawatte – Entschlossenheit
Beeindruckt zeigt sich der BLICK:
«Bushs rote Krawatte stand für Entschlossenheit, auf seiner in Falten gelegten Stirn sollten sich die Sorgen einer ganzen Nation spiegeln. Vor der UNO-Vollversammlung hielt der US-Präsident gestern die ausgefeilteste Rede seiner Amtszeit.»
Das Boulevardblatt entlarvt die Absichten, die hinter Bushs starkem Auftritt stehen:
«Der US-Präsident hat mit seiner Rede die UNO unter Druck gesetzt. Entweder die Vereinten Nationen spuren, oder sie werden von der Grossmacht USA übergangen.»
Saddams Hals in der Schlinge
Die BERNER ZEITUNG stellt die bange Frage: «Wird Saddam Hussein einlenken, oder lässt er es auf eine Konfrontation ankommen, aus der er im Gegensatz zum Krieg von 1991 nicht ungeschoren davonkommen wird?»
Die Antwort der BZ: «Die Uhr tickt, auch für Saddam. Die Schlinge um den Hals des Diktators wird immer enger.»
Verantwortung geschickt der UNO zugeschoben
Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG attestiert dem US-Präsidenten eine geschickte Taktik:
«Bush hat mit seinem Auftritt vor der UNO die Verantwortung für die nächsten Schritte in dieser Auseinandersetzung taktisch geschickt der Weltorganisation selber und dem Machthaber in Bagdad zugeschoben.»
Und mit einer gewissen Bewunderung schreibt die NZZ:
«Das Kunststück, die UNO einerseits energisch zu klaren Entscheidungen herauszufordern und sich gleichzeitig als Hüter von deren Glaubwürdigkeit zu präsentieren, hatten viele Skeptiker diesem Präsidenten nicht ohne weiteres zugetraut.»
Keine neuen Beweise
Ziemlich kritisch beurteilt der Kommentator der NEUEN LUZERNER ZEITUNG Bushs Performance vor der UNO-Vollversammlung:
«Konkret hat Bush keine neuen Beweise über Saddam Husseins Schandtaten vorgelegt. Die Verletzung der UNO-Resolutionen durch Saddam ist seit langem bekannt, ebenso, dass er sein Volk knechtet. Doch da befindet sich der irakische Machthaber in illustrer Gesellschaft.»
Die NLZ spannt den Bogen von Gut zu Böse ein wenig weiter:
«Israel setzt sich seit Jahren über zahlreiche UNO-Resolutionen hinweg, und nicht wenige skrupellose Diktatoren waren oder sind Verbündete der USA, wenn es die Interessen der Weltmacht erfordern.»
LE TEMPS fasst Bushs Auftritt folgendermassen zusammen: «Le discours du président américain ne laisse guère de doutes sur ses intentions et met l’ONU au pied du mur.»
Etienne Strebel
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