Presseschau vom 31.12.2002
2002 wird von der Schweizer Presse mit einem Rückblick verabschiedet.
Mit einem mehr oder weniger optimistischen, hoffnungsvollen Ausblick heisst sie das Jahr 2003 willkommen.
Mit Schlagworten wie «Kasinokapitalismus, Abzocker, Rentenklau», beginnt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG das hinter uns liegende Wirtschafts-Jahr zu beschreiben.
«Die Wut über Topmanager, die mehr ihrem Ego als der guten Geschäftsführung gedient haben, verebbt. Was bleibt, sind tiefe Verunsicherungen über den Wirtschaftsgang und die Zukunftsperspektiven.»
Für die NZZ ist der neue Terrorismus zu einem guten Teil verantwortlich für die momentan schlechte Befindlichkeit der Gesellschaft: «Der Schock des 11. Septembers 2001 wirkt nach. Neue Anschläge (Djerba, ‚Limburg‘ vor der Küste Jemens, Bali, Musicaltheater in Moskau, Mombasa) schüren Angst und Schrecken und sorgen dafür, dass das Trauma nicht verheilt.»
Die AARGAUER ZEITUNG lässt den ehemaligen UBS-Wachmann, Christoph Meili, auf sein vergangenes Jahr im US-Exil zurückblicken:
«Ja, ich fühle mich betrogen. Ich realisiere allmählich, dass man mich als Investment betrachtet hat, als jemanden, den man für seine Zwecke missbrauchen, manipulieren, vorführen kann. Seitdem ich finanziell nicht mehr auf diese Kreise angewiesen bin (…), geht es mir viel besser. Ich habe mir auch einen nicht-jüdischen Scheidungsanwalt genommen und mein Geld auf einer nicht-jüdischen Bank deponiert.»
Die NEUE LUZERNER ZEITUNG publiziert einen detaillierten Jahresrückblick. Dieser lässt die Affäre «Borer» wieder aufleben, den UNO-Beitritt der Schweiz, aber auch die Landesausstellung: «Die Expo.02 war nicht unumstritten, brachte die Schweiz aber doch ins grosse Staunen.»
Zitiert wird von der NLZ auch US-Präsident George W. Bush:
«Dieser Kerl hat immerhin schon einmal versucht, meinen Papa umzubringen.»
Mit dem «Kerl» ist der irakische Präsident Saddam Hussein gemeint. Ein weiteres Zitat aus dem Bereich Wirtschaft: «Ich bin nicht der Mann, der bei Schwierigkeiten sofort das Schiff verlässt.» Dies sagte Andreas Leuenberger am Tag, bevor er die Rentenanstalt doch verliess.
Mit «Flieg Simi, flieg!» lässt die NLZ Fernsehkommentator Michael Stäubles Beschwörung zur Olympia-Goldmedaille des Skispringers Simon Amman wieder aufleben.
Der BLICK veröffentlicht einen Kultur-Rückblick. Mit dem «Literatur-Streit des Jahres» bezieht er sich auf das Buch «Tod eines Kritikers», der Abrechnung des Schriftstellers Martin Walser mit Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki.
Die Begehung des Nationalfeiertags an der Expo.02 bezeichnet das Boulevard-Blatt als «Affentheater des Jahres.»
«L’année 2002 s’achève dans un climat délétère fait de morosité et d’angoisse», zieht die Genfer LE TEMPS eine ernüchternde Bilanz. «Das Jahr 2002 endet in einem von Angst und Trübsinn geprägten schädlichen Klima.»
Damit kommen wir zu den Aussichten auf das Jahr 2003. Die BERNER ZEITUNG meint: «Die Situation lässt keine Zweifel zu: Die Schweiz braucht im kommenden Jahr a) wirtschaftlichen Aufschwung, b) neue Arbeitsplätze, c) Mut und Vertrauen in die eigene Kraft.»
Ein Rezept kann die BZ jedoch nicht präsentieren, meint aber: «Klar ist einzig, dass Rumjammern nichts bringt. Vertrauen und Mut sind gefragt. Vertrauen in die eigene Kraft, Mut, um Neues anzupacken.»
Der BLICK verlangt für 2003 Taten statt Worte: «Wir wollen sehen, wie Wirtschaftsführer das Steuer rumreissen. Wir wollen sehen, dass es Bosse gibt, die alles dafür tun, ihre Mitarbeiter nicht einfach in die Arbeitslosigkeit abzuschieben. Und wir wollen Chefs, denen etwas an Anstand und Moral liegt.»
swissinfo, Etienne Strebel
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