Scherben und das Fragile im Menschen
Geschirr, Personen, menschliche Beziehungen und architektonische Strukturen – alles zerbrechlich. Das Kunsthaus Langenthal präsentiert seine Gruppenausstellung "Fragile".
Sie steht im Kontext des Jubiläums 100 Jahre Porzellanfabrik, das mit der Veranstaltungsreihe «Weisses Gold – Porzellan und Langenthal» gefeiert wird.
«Fragile» – die Warnung auf heiklen Paketsendungen mit Porzellan, Glas oder Kunstobjekten – dient der Ausstellung in Langenthal als Titel. Doch das Wort weist zugleich über die Zerbrechlichkeit des Materiellen hinaus. Auf das Vergängliche, Labile, Schwankende und Unsichere der menschlichen Existenz.
Beim Betreten der sich über drei Räume ausdehnenden Bodenzeichnung der deutschen Künstlerin Heike Weber kann man schon mal aus dem Gleichgewicht geraten.
Mit rotem Filzstift hat sie auf dem weissen PVC-Boden parallel verlaufende Linien gezogen, die den Unebenheiten der Wände und des Raums folgen, wie Höhenlinien auf einer geologischen Karte. Der Boden scheint Erhebungen und Vertiefungen auszubilden und beginnt unter den Füssen zu wanken.
Wie ein VW zum Käfer wird
Einen ganz anderen Zugang hat Léonore Baud mit ihrem Video «Matthew Jackson» gewählt. Es zeigt einen jungen Mann am Küchentisch sitzend und von seiner grossen Liebe schwärmend – mit zunehmend nervöser Mimik und Gestik und gelegentlichem Stottern. Selbstsicher, fröhlich, unbeschwert sei sie.
Der junge Mann, der sich so schutzlos und verletzlich zeigt, berührt. «Insbesondere Frauen», erzählt Oliver Tschirky, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kunsthauses, beim Rundgang durch die Ausstellung: «Einige sagten mir, in den könnten sie sich verlieben, wenn sie ihm auf der Strasse begegnen würden.»
Männer dagegen fühlten sich eher von den Karosserieteilen eines alten VW- Käfers im Nebenraum angezogen. Ein Klischee? Nicht wenn man sieht, dass die einzelnen Teile aus feinem, weissen Seidenpapier, das über Drahtgestelle gezogen ist, bestehen. Flügelartig, zerbrechlich ist Marco Eberles Arbeit.
Fragile Techniken und Beziehungen
«Ich wollte einerseits fragile Techniken zeigen, also Künstler präsentieren, die mit Porzellan und Papier arbeiten oder zeichnen, und andrerseits die Fragilität in menschlichen Beziehungen, das Gleichgewicht in Objekten anschaulich machen», sagt die Leiterin des Kunsthauses, Fanni Fetzer, gegenüber swissinfo.
«Fragile» ist ihre erste Ausstellung seit dem Stellenantritt im Frühling, und das Thema war vorgegeben, nämlich das 100-Jahr-Jubiläum der Porzellanfabrik Langenthal. «Diese spielt hier eine grosse Rolle für die Identität der Bevölkerung», stellt Fetzer fest.
Kulturschaffende aus verschiedenen Institution haben sich zusammen geschlossen und eine umfangreiche Veranstaltungsreihe auf die Beine gestellt: «Weisses Gold – Porzellan und Langenthal.»
Die Geschichte der «Porzi» und ihre Bedeutung für die weitere Region wird im Museum Langenthal präsentiert.
Verblüffend und vergänglich
Aber auch das Kunsthaus zeigt Porzellan. Zwei grosse Berge Scherben finden sich in einem der zahlreichen Ausstellungsräume. Die Künstlerin Ruth Erdt hat die Teller dort an die Wand werfen lassen und sie im Flug fotografiert, einige noch ganz, andere schon in Scherben.
«Das Porzellan stammt tatsächlich aus der Fabrik in Langenthal», versichert Tschirky, nimmt eine Scherbe in die Hand und zeigt auf den Stempel.
«Unerledigt» heisst die Arbeit von Isabelle Krieg: Stapel von benützten Tassen und Tellern in mehreren Abwaschbecken aus Plastic, zur Hälfte im Wasser. Ein Stillleben nach einer Kaffee-und-Kuchen-Party?
Erst auf den zweiten Blick erkennt man aus Kaffee- und Kakaoresten gemalte Gesichter auf dem Geschirr. Der Abwasch wird sie auslöschen.
Ob zerschlagenes Geschirr, feine Bleistiftzeichnungen, Luftobjekte oder Gebilde aus Seidenpapier – die Ausstellung «Fragile» spürt dem Flüchtigen des Lebens nach, feinfühlig und einfallsreich.
swissinfo, Susanne Schanda
Die Ausstellung «Fragile» im Kunsthaus Langenthal dauert bis 5. November 2006.
Im Kunsthaus Langenthal finden jährlich vier Ausstellungen statt. Die Auseinandersetzung mit Schweizer Gegenwartskunst ist zentrales Anliegen.
Thematische Ausstellungen greifen aktuelle Fragestellungen auf und können diese auch in Bezug zu historischen Positionen setzen.
Das Kunsthaus Langenthal wird vom Kunstverein Oberaargau betrieben und finanziert sich zu 50% selbst. Ausserdem erhält es regelmässig Unterstützung von der Stadt Langenthal und dem Kanton Bern.
Vor 100 Jahren wurde in Langenthal eine Porzellanfabrik eröffnet. Ihre exklusiven Fabrikate, insbesondere für die Hotellerie und Restaurants, haben die Stadt weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht.
Als vor rund zehn Jahren die Produktion nach Tschechien verlagert wurde, verloren 1200 Personen ihre Stelle, was zu heftigen Turbulenzen führte. Die Veredelung des Porzellans geschieht nach wie vor in der Fabrik in Langenthal.
Zum Jubiläum haben sich fünf Langenthaler Kulturinstitutionen zusammengeschlossen und organisieren die Veranstaltungsreihe «Weisses Gold – Porzellan und Langenthal»: Museum Langenthal, Kunsthaus Langenthal, Galerie Leuebrüggli, Kulturzentrum Chrämerhuus, Oberaargauische Musikschule Langenthal.
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